HOME

BERLINER PHILHARMONIKER: Sir Simon Rattle gibt den Takt an

Die Berliner Philharmoniker stehen vor einer neuen Ära: 120 Jahre nach ihrer Gründung übernimmt der Brite Sir Simon Rattle den Taktstock als sechster Chefdirigent des Orchesters.

Simon Rattle stimmt sich auf die Eroberung von Berlin ein. »Wir müssen diese Stadt für uns gewinnen - sonst haben wir keine Chance«, sagt der neue Chefdirigent der Berliner Philharmoniker. Wenn der 47-jährige Maestro an diesem Samstag zu seinem Debütkonzert vor das Orchester tritt, werden ihm 2000 Zuhörer in der Philharmonie zu Füßen liegen. Bereits seit Tagen lächelt der graue Lockenkopf den Berlinern entgegen. Überall im Zentrum der Stadt, auf U-Bahnhöfen und in Einkaufspassagen, blickt der Brite von den Großplakaten. Die Botschaft ist klar: An Berlins Musiktempel brechen neue Zeiten an - Sir Simon ist bereit.

Keine Angst vor dem Schatten seiner Vorgänger

Er ruhe auf den Schultern seiner großen Vorgänger - Nikisch, Furtwängler, Karajan, Abbado - hatte der quirlige Dirigent verkündet. Doch die Last von einhundert Jahren Musikgeschichte beeindruckt ihn nur mäßig. Fast beiläufig fegt Rattle die ehrwürdige Tradition der »freien Orchesterrepublik« Berliner Philharmoniker vom Tisch. »Die Philharmoniker wollen zu einem Orchester des 21. Jahrhunderts werden - diesen Weg werden wir gemeinsam gehen«, verkündet Rattle mit entwaffnendem Lächeln, hinter dem sich eiserner Wille verbirgt.

Die Distanz zu seinen Vorgängern schimmert zwischen den Zeilen durch. Rattle spricht von einer Erweiterung des Repertoires, von der Vernachlässigung der zeitgenössischen Musik und der französischen Komponisten, von der Jugendarbeit, ohne die in Zukunft die Konzertsäle leer bleiben werden. Und von der Pflicht dem Berliner Publikum gegenüber, das schließlich mit seinen Steuern das Orchester subventioniere. »Wir müssen diesen Menschen all dies zurückgeben.«

Sunny-Boy aus Liverpool

Der Sunny-Boy aus Liverpool klingt manchmal wie ein Politiker im Wahlkampf. Doch solche Statements waren für ihn überlebensnotwendig. In Großbritannien habe sich der Staat aus der Kulturförderung weitgehend zurückgezogen. In Birmingham, wo Rattle 18 Jahre das Symphonie-Orchester leitete und sich damit in die Weltliga hoch spielte, habe er immer wieder für sich und seine Musiker werben müssen. Als ihn die Philharmoniker beriefen, war der Kampf nicht zu Ende. Erst nach mühsamen Verhandlungen unterschrieb Rattle seinen Vertrag. Fünf Kultursenatoren lernte er in der Zeit kennen.

Wunderkind ohne Starallüren

Von den Belastungen, nun mehr denn je im Rampenlicht zu stehen, ist Rattle nichts anzumerken. »Diesen Preis muss ich zahlen«, sagt der Vater von zwei Kindern. Dem Kaufmannssohn sind Starallüren fremd. Dabei stand das Wunderkind aus Mittelengland sehr früh auf der Bühne. Rattles Vater Denis, ein leidenschaftlicher Jazz-Pianist, entdeckte die Begabung seines Sohnes. Schon als kleines Kind, so berichtete er dem Rattle-Biografen Nicholas Kenyon (Henschel Verlag), habe er den Rhythmus geschlagen. Zuerst bekam Simon ein Schlagzeug, dann ein Klavier. Und mit 16 Jahren stand er als Dirigent vor einem Orchester - sehr zur Enttäuschung des Vaters. »Ich hoffte auf einen Schlagzeuger, der mich auf meine alten Tage begleiten kann«.

Die Liebe zum Jazz ist geblieben. Rattles Ehefrau Candace ist Nichte von Luther Henderson, dem langjährigen Partner von Duke Ellington, mit dem Rattle auch musiziert hat. In den kommenden Jahren wolle er mehr Jazz in die Philharmonie bringen. Mit den 12 Cellisten der Philharmoniker hat er einen Anfang gemacht. Auf einer neuen CD stimmt Rattle einen »Mozart-Rap« an - zum Leidwesen seines Sohnes: »Aber Papa, Rap mit britischem Akzent klingt überhaupt nicht cool«, habe sich der Junge unlängst beschwert.