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Berliner Staatsoper zeigt "Wozzeck": Schauspiel jenseits von Jogginghosen und Aldi-Tüten

Nur selten versucht sich Theaterfrau Andrea Breth an der Oper. In Berlin ist der preisgekrönten Regisseurin jetzt ein großer Wurf gelungen - und eine stille Abrechnung mit dem Regietheater.

Die Berliner Staatsoper Unter den Linden hat wieder einen rauschenden Erfolg gefeiert: Mit Alban Bergs Oper "Wozzeck", einem Schlüsselwerk des Musiktheaters im 20. Jahrhunderts, ernteten Chefdirigent Daniel Barenboim und Regisseurin Andrea Breth sowie Roman Trekel in der Titelpartie und Nadja Michael als Marie einen großen Premierenapplaus.

Das anderthalb Stunden lange Werk nach Georg Büchners Dramafragment "Woyzeck" war 1925 an der Staatsoper unter dem Dirigenten Erich Kleiber uraufgeführt worden und hatte einen Skandal ausgelöst. 86 Jahre später präsentierte das Ensemble das Drama um den Soldaten Wozzeck, der Opfer von Medizinexperimenten und Militärdrill wird, in minimalistischer Intensität, sparsam und trotzdem bewegend, mit einem bis ins letzte Detail durchdachten Bühnenbild, das immer wieder neue Perspektiven eröffnet.

Als Bühnenbild ließ Breth einen von Dunkelheit umrahmten Guckkasten bauen, der sich im Verlauf des Dramas zu einem Karussell weitet und auf der Bühne kreist. Während die Zwischenmusik erklingt, öffnen und schließen sich Trennwände in Blitzgeschwindigkeit - ein präzises Uhrwerk, das fast unbemerkt tickt. Ob Marie und ihr Kind, der Doktor oder der Hauptmann - sie drehen sich um sich selber und wissen weder ein noch aus. Der Militärmann ist in seiner Welt von Gehorsam und Scheinmoral eingesperrt, der irre Arzt in seiner menschenverachtenden Experimentierlust, die Hure Marie in ihrer Verzweiflung.

Die Premiere war Auftakt der Festwochen der Staatsoper Unter den Linden. Am Sonntag sollte als Koproduktion mit der Mailänder Scala Richard Wagners "Walküre" mit Barenboim am Pult auf die Bühne kommen. Auf dem weiteren Programm der Festwochen stehen auch Konzerte, unter anderem mit dem Starpianisten Lang Lang. Während der Renovierung des historischen Hauses der Staatsoper spielt das Ensemble bis Mitte 2013 im Schiller Theater.

DPA / DPA