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Beyoncé: Die Gehetzte

Jede Minute, jede Sekunde ihres Lebens ist verplant. Jede Geste einstudiert, jedes Lächeln kalkuliert. Amerikas Superstar ackert wie besessen für den Ruhm. Beyoncé Knowles' neues Album klingt entsprechend perfekt. Und genau das ist das Problem.

Von Jochen Siemens

Wir alle kennen Menschen, die nur auf die Uhr schauen, um festzustellen, dass wieder ein Stück Leben vorbei ist. Wer von sich selbst diesen flüchtigen Ärger kennt, Zeit vertrödelt zu haben, kann von Beyoncé Knowles eine Menge lernen. Ja, der Beyoncé, der "B", wie sie sich gern nennen lässt, denn wer hat schon so viel Zeit, einen langen Namen auszusprechen? Womit wir beim Thema wären.

Beyoncé ist 24 und eine Domina der Zeit. Es gibt nur wenige Menschen, die jede Minute und jede Sekunde eines jeden Tages so bis zum Rand voll packen wie sie. Ja, sie schaut einen schon drohend an, wenn die Frage, die man stellt, zwei Sätze und sogar Nebensätze hat: Hey, geht das nicht kürzer?

Ihr Lebenswerk ist mit 24 Jahren doppelt so groß wie das mancher 34- oder auch 64-Jährigen: insgesamt 60 Millionen verkaufte Alben als Sängerin des schwarzen Girlie-Trios Destiny's Child und als Beyoncé solo, neun Grammys, fünf Rollen in ausgesprochen erfolgreichen Filmen ("Austin Powers") und, glaubt man den Gerüchten, eine sichere Oscar-Nominierung für ihre Rolle in "Dreamgirls", einer Musicalverfilmung über Diana Ross und die legendären Supremes.

Und nun auch noch "B-Day", ihr zweites Soloalbum, nicht einfach so eine CD, sondern ein Superseller, wie Vater Mathew Knowles einem ins Ohr brüllt, wenn er die Songs vorspielt, die Anlage auf donnerlaut stellt und vor einem herumtanzt, "20 Millionen Mal" werde die sich verkaufen, und wenn man höflich lächelt, brüllt er noch mal "20 Millionen, believe me!!!" Das Album hat nur zehn Songs. Das ist kein Geiz, sondern Eile.

Denn "B" hat keine Zeit. Andere Stars des schwarzen R&B und Rap umschreiben ihre musikalischen Werke gern mit dem Vokabular des Gebärens, biografisches Treibholz musste gesammelt, aufbereitet und in die Welt hinaus getragen werden. In Eminems verfilmter Lebensgeschichte "8 Mile" kann man sehen, wie große Songs in "Battles" - Duellen auf kleinen Bühnen - entstehen und wie jedes halbfalsche Wort zu Faustschlägen führen kann. Das, ganz sicher, hätte einer Beyoncé Knowles viel zu lange gedauert. Sie ist die Marathonsprinterin im Entertainment. Sie hat ein halbes Jahr an "Dreamgirls" gedreht und nebenbei Schauspielunterricht genommen, und wo jeder andere nach einem solchen Kraftakt in kreativer Reha versunken wäre, hat Beyoncé einen lästigen Kurzurlaub abgebrochen und ist ins Studio gehetzt: "Es hatte sich so viel Energie angestaut, dass ich gesagt habe: Ich will jetzt nur Bässe und Beats hören. Und zwar so heftig, dass wir Probleme bekommen, überhaupt noch Melodien darüberzulegen."

Nein, Beyoncé gehört nicht zu den Schokoschnecken in knappen Bikinis an der Seite goldschwerer Rap-Walrösser, deren Stimmchen im Studio aufgemotzt werden. Miss Knowles beherrscht nicht nur das Handwerk des Singens, sondern auch die filigrane Technik der Komposi-tion, was ihr als zweiter Frau überhaupt einen US-Award für Songwriting eingebracht hat. Und so spricht sie von "Melodien darüberlegen" genauso souverän wie vom musikalischen "Brückenbau - das kann ich ganz gut", der kompositorischen Technik also, vom Refrain eines Liedes ohne Bruch zur nächsten Strophe zu kommen. Das ist es, was einen guten Song zu einem sehr guten Song macht.

Und so hört man auch die ersten Takte von "B-Day": Es brummt leise, dann "umm", wieder "umm", eine elektronische Basslinie formt sich, ein Beat -Ê"tack" - gesellt sich dazu, "umm-tack-umm-tack", die Bass-Beat-Linie geht auf den Weg, sie ist laut und konsequent, wie ein Traktor wird sie die Melodie ziehen. Anders als weiße Pop-Eiskugeln wie Britney Spears, die einst vor dem Fernseher Madonna nachäffte, stieg Beyoncé als 17-Jährige in die Tiefen des musikalischen Betriebssystems, um heute virtuos darin herumschrauben zu können. So ist die neue Single "Déjà vu" technisch brillant. Selten hört man so harmonische Stakkati, selten ein so flinkes Spiel mit Tempi, vorangezogen von Bass und Beat und von Bläsern wie mit Chili gewürzt.

Aber. Ja, was "aber"? Super Album, oder? Ja, aber man spürt die Disziplin der Einserschülerin, denn so rhythmisch ihre Songs sind, so sehr fehlt es ihnen an Leben. Wie das so ist, wenn man perfekt malen nach Zahlen kann, aber hilflos vor einem leeren Blatt Papier sitzt. Keine Sünde, kein Schmerz, auch nicht jene Energie der Armut, die den Rap zum Soundtrack der schwarzen Ghettos gemacht hat.

Nein, das Leben der Familie Knowles in Houston, Texas, war keimfrei, Vater Mathew ein Verkäufer medizinischer Geräte, "er hat immerhin sechsstellig verdient!", sagt Beyoncé heute mit Ausrufezeichen. Die kleine Beyoncé, die mit dem Fleiß einer Hochbegabten Musik nicht hörte, sondern einsaugte, hatte immer nur ein Ziel: Entertainment. "Meine Eltern versuchten, mich zum Spielen an die frische Luft zu schicken. Aber ich wollte immer nur mit meiner Lehrerin singen und tanzen. Ich glaube, ich habe weniger Zeit unter blauem Himmel verbracht als jeder andere Mensch", sagt sie.

Sie steht für die technokratische Version des Entertainments, punktgenau konstruiert, jeder Schritt auf der Bühne vermessen und selbst die spärliche Garderobe, der Sex - alles ist präzise kalkuliert wie der Rhythmus der Bässe. Sie kennt das Problem. Sie weiß, dass sie ihre Songs nicht mit einem Leben füllen kann, das sie nie hatte. Es war ja nie Zeit für Küsse, Liebeskummer und dieses verdammte Zeugs. Bevor sie 17 war, kündigte Mathew Knowles seinen Job und trainierte die Tochter. Als die 23 war, warf sie Destiny's Child ab wie der Space Shuttle seine ausgebrannten Tanks, der Schub hatte gereicht, sie war im Orbit. Doch noch mehr als der weiße verlangt der schwarze Musikmarkt etwas, das sich nicht aufs Papier komponieren lässt: Glaubwürdigkeit, "street credibility". Die jungen schwarzen Frauen, die bei McDonald's oder am Fließband arbeiten, sollen das Radio lauter drehen und diesen "Eine von uns"-Glauben haben. Und den kann man nicht kaufen. Oder?

Über "Crazy in Love", einen ihrer vielen Top-Hits, sagt sie: "Der Song war gut, aber die Leute im Studio waren nicht verrückt danach. Ich hab mir den Kopf zerbrochen! Dann kam ich auf die Idee, einen Rapper ins Studio zu holen, Rapper können so was, die schweben mit ihrem Gesang über ein Stück, tupfen hier und da etwas hinein, und die Leute akzeptieren es, ja, sie lieben es." Der Rapper war Jay-Z, einer der multimillionenschweren Unternehmer der HipHop-Industrie, und "Crazy in Love" wurde Nummer eins. So hat sie das Leben, das ihr fehlte, dazugesampelt, so wie man zum Geburtstag höherer Töchter mal einen aus dem Ghetto einlädt, nur, um ihn anzuschauen und vielleicht "wie aufregend" zu kichern, wenn der Junge vom Autoknacken erzählt.

Beyoncé, und da wird sie wortkarg, ist jetzt die Freundin von Jay-Z. Im Sommer holte er sie auf seine Yacht, sie lag gerade vor Saint-Tropez. Beyoncé Knowles, schon klar, blieb nicht lange. Keine Zeit. "Ich bin erst zufrieden, wenn ich einen Oscar bekomme. Und einen Tony, den US-Theaterpreis. Oscar, Tony und Grammy, das muss komplett sein", sagt sie und lacht eine knappes Lachen. Dann schaut sie auf die Uhr.

Mitarbeit: Lars Jensen, Severin Mevissen

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