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Björk: Kindfrau und Schamanin

Björk - das ist Pop, das ist Avantgarde. Auf ihrem einzigen Deutschland-Konzert bringt die ehemalige Sängerin der "Sugar Cubes" die Massen zum toben. Ihr Gesang und ihre Mimik sind einzigartig und unkopierbar.

Als die Streicher und die Harfenistin die Bühne betreten, tobt das Publikum. Bei Björks Erscheinen rasen die 5000 Zuhörer, die zu ihrem einzigen Deutschlandkonzert in Berlin gekommen sind. In der Arena sind am Montagabend viel mehr Sitzplätze als bei üblichen Popveranstaltungen aufgebaut - das Publikum ist ebenso heterogen wie die Musik dieser Ausnahmekünstlerin. Björk bewegt sich wie wenige mit traumwandlerischer Sicherheit auf dem schmalen Grat zwischen Pop und Avantgarde.

Die 37-Jährige - halb Kindfrau, halb Schamanin - trug eine Art Sari und eine große, vielfach gegliederte Kette. Die anfangs eher elegische Musik unterstrich sie mit der ihr eigenen Eindringlichkeit von tänzerischem Gestus, Mimik und Gebärde sowie vor allem mit ihrer magischen Stimme, die zwischen Klage, Melancholie und Entzücken wechselte, manchmal nur über den Sphärenklängen zu schweben schien und sich dann wieder in höchstem Pathos überschlug. Die Scheinwerfer hüllten sie abwechselnd in scharlachrotes oder kaltes blaues Licht, errichteten vielfarbige Kuppeln über den Musikern.

Impressionen aus dem hohen Norden

Die surrealistisch und psychedelisch anmutenden Videoclips auf der Leinwand hinter der Bühne konnten unter anderem als Referenzen an ihre Künstlerbiografie gelesen werden. Eine Folge zeigte - artifiziell verfremdet - Impressionen aus dem hohen Norden: ein Innuit-Zelt, eine Jagd, Wölfe, Robben.

Die Künstlerin, 1965 als Björk Gudmundsdottir in Island zur Welt gekommen, war in ihrer Heimat längst ein Star, als sie mit den 1987 aus der Taufe gehobenen Sugarcubes international bekannt wurde. Jetzt entstand der unverkennbare Björk-Sound aus ihrem Gesangsstil, experimenteller und Postpunkmusik und einprägsamen Melodien.

Als der Scheinwerfer erlosch, war der schöne Wachtraum vorbei

In Berlin war die Künstlerin zum letzten Mal vor acht Jahren in einem abendfüllenden Björk-Konzert zu erleben. Entsprechend wurde sie von ihrer glücklichen Fangemeinde gefeiert. Zum stampfenden Beat und dem bombastischen Sound von Songs wie «Human Behaviour» sangen und tanzten die Massen. Immer wieder stiegen Flammen und Feuerwerke zu dem bisweilen fast infernalischen Sound auf.

Am Ende des gerade anderthalbstündigen Gigs lässt sich Björk vom jubelnden Publikum noch zwei Male auf die Bühne bitten - für eine nur durch die Harfe begleitete Folkballade und für eine originelle Version ihres Klassikers «Army Of Me». Der auf Björk weisende Scheinwerfer verlosch, der schöne Wachtraum war vorbei.

Thomas Kunze

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