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Netz-Zoff: Bob Dylan und die wohl umstrittenste Liste, die derzeit das Internet unsicher macht

Ein obskurer Twitter-Account postete das Foto einer Liste der 100 angeblich besten Rock-Sänger aller Zeiten. Das Ranking, um das es geht, stammt aus dem Jahr 2008 – trotzdem beginnen Musikfans nun plötzlich, sich virtuell die Köpfe einzuschlagen. Was ist da los?

Es geht ihm gut, keine Sorge: Songwriter Bob Dylan auf der Bühne

Es geht ihm gut, keine Sorge: Songwriter Bob Dylan auf der Bühne

Picture Alliance

Rockmusikfans dürften einen ordentlichen Schreck bekommen haben, als kürzlich auf Twitter #BobDylan trendete. Wenn in der Vergangenheit die Namen von legendären Musikern das Netz fluteten, hatte das ja häufig mit deren Ableben zu tun. In diesem Fall aber war alles viel harmloser – wenn auch ein bisschen schräg. Denn die Ursache für den Twitter-Tumult war eigentlich eine Lappalie. Der (oder die) Betreiber des Accounts "Classic Rock In Pics", der Fotos aus der Geschichte der Rockmusik aus den Archiven kramt und postet, hatte eine Liste des Magazins "Rolling Stone" geteilt. Eine kontroverse Liste.

Eine Liste sorgt für Unmut in der Musikwelt

Der "Rolling Stone" ist bekannt für seine Rankings: Die 100 besten Popbands, die 100 besten Gitarrensoli, die 100 besten unbekannten Jazzflötisten. Die Leser lieben diese Listen – und auch die eifrige Debatte über die Platzierungen. Normalerweise bleibt diese Diskussion innerhalb des Musiknerd-Zirkels, der das Magazin im Abo hat. Bei der besagten Liste, die auf Twitter auftauchte, handelte es sich um ein Exemplar aus dem Jahr 2008. Gewertet werden darin die 100 besten Rock-Sänger aller Zeiten.

An dieser Liste ist vieles merkwürdig. Angefangen damit, dass "Classic Rock In Pics" der Meinung war, den Nachnamen von Joe Cocker pixeln zu müssen, da "Cock" im Englischen ein Synonym für Penis ist – wofür der 2014 verstorbene Bluesrocker, der übrigens nur auf Platz 97 landete, natürlich nichts kann. Das war aber keinesfalls der Hauptgrund für den Aufruhr. Vielmehr empörte Musikfans etwas anderes:

Nobelpreis: verdient. Aber Liste der besten Sänger?

Auf Platz 7 der Liste findet sich nämlich der Name des lockenköpfigen Songwriters Bob Dylan, der bekanntlich 2016 den Literatur-Nobelpreis erhielt. Der heute 78-Jährige ist ein Musiker, der von Menschen entweder religiös verehrt oder nicht verstanden wird. An seinem Talent als Songschreiber gibt es aber selbst für Kritiker nichts auszusetzen – wie legendäre Songs wie "Like A Rolling Stone", "Knockin' On Heaven's Door" oder "All Along The Watchtower" belegen.

Worüber man aber sicher geteilter Meinung sein kann, sind seine Sangeskünste. Dylan ist berühmt dafür, eher zu schnarren, zu nuscheln, zu krächzen oder zu jaulen, als melodiös zu singen. In den letzten Jahrzehnten hatte es ihm zudem oft Vergnügen bereitet, bei Live-Konzerten seine größten Hits so zu zersingen, dass selbst eingefleischte Fans sie nicht wiedererkannten. Bob Dylan also auf Platz 7 der besten SÄNGER? Mmmh. "Ich kapiere, warum Leute ihn mögen", schreibt ein Twitter-Nutzer namens Chris. "Aber Bob Dylan als Sänger ist Mist. Er hat eine beschissene Singstimme. Panische Introvertierte, die beim Karaoke-Abend auf die Bühne gezerrt werden, klingen besser."

Zudem verstehen viele Menschen nicht, dass Stevie Wonder, Freddie Mercury, Michael Jackson, Nina Simone und auch Prince erst nach Dylan gerankt werden. Auch das Fehlen von Legenden wie Frank Sinatra, Mahalia Jackson oder Dinah Washington, die alle starke und einzigartige Stimmen haben, irritiert viele Nutzer bei Twitter.

Es gibt auch Dylan-Fürsprecher – allerdings wenige

Doch unter Dylans Fans finden sich auch solche, die seine charakteristische Singstimme verteidigen:

"Bob Dylan hat Stimmvolumen, kann die Tonhöhe kontrollieren, den Atem kontrollieren und niemand kommt ihm auch nur nahe, wenn es um Betonung geht. Er ist ein verdammt guter Sänger. Vielleicht mögt ihr den Klang seiner Stimme nicht, aber es kann keinen Streit darüber geben, dass er ein exzellenter Vokalist ist", schreibt etwa Jeff Tiedrich.

Aber nicht nur Dylans Platzierung sorgte für Unverständnis. Auch Sänger wie John Lennon und Mick Jagger sehen viele Twitterer zwar als große Künstler, aber nicht unbedingt als große Sänger an. "Mariah Carey auf Platz 79? Whitney Houston auf Platz 34? Freddie Mercury auf Platz 18?", ein Nutzer namens Travis Akers kann es nicht fassen – besonders, da Dylan, Jagger und Lennon vor diesen großen Stimmen aufgelistet werden.

Auch Paul Simon dürfte sauer sein

Eine lustige Anmerkung hatte auch der amerikanische Drehbuchautor John Levenstein ("Arrested Development") auf Twitter: "Diese Liste ist Quatsch. Aber ich liebe die Vorstellung, wie Paul Simon morgens aufwacht, die Liste nach sich selbst absucht, nichts findet, und dann Art Garfunkel entdeckt." Simon und Garfunkel waren als Folk-Duo in den 70ern weltberühmt, hatten Mega-Hits wie "The Sound Of Silence", zerstritten sich dann aber nachhaltig. Simon legte im Gegensatz zu Art Garfunkel nach der Trennung eine weltweite Solo-Karriere hin – was den Erstellern der "Rolling Stone"-Liste aber offensichtlich herzlich egal war.