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Brian Wilson: "Die Pillen helfen nicht"

Drogen und Depressionen hätten Brian Wilson fast zerstört. Jetzt geht der musikalische Kopf der legendären Beach Boys mit neuer CD auf Tour.

Mr Wilson, nach sechs Jahren haben Sie wieder ein Solo-Album veröffentlicht, im August werden Sie in Deutschland auftreten. Leiden Sie noch immer unter Bühnenangst?

O ja, ich habe schreckliche Angst. Angst, dass es richtig daneben geht. Dass ich anfange zu lachen oder zu weinen. Oder dass ich anfange rumzubrüllen (schreit): Ich will das Konzert nicht geben, ich halte es nicht aus, holt mir einen Krankenwagen (wird lauter), bringt mich ins Krankenhaus, gebt mir Drogen, Hilfe! Hilfe!

Die Leute würden denken, das sei Show.

Ja, die würden denken, es ist Spaß. Dabei wäre es ernst.

Ist es so grausam, ein Star zu sein?

Der Ruhm macht mich paranoid. Ich habe das Gefühl, ich muss meinem Namen gerecht werden. Ich muss jemand ganz Besonderes sein, auch, wenn ich mich gar nicht so fühle. Die Leute sagen, Brian Wilson, Musikgenie. Aber der Mensch Brian Wilson ist ein verängstigter kleiner Schwächling mit einem weichen Herzen. Ich bin nicht so groß wie mein großer Name. Aber ich bin verdammt gut in dem, was ich tue. Das muss ich zugeben. Ich habe ein bisschen Talent.

Ihr neues Album klingt so unschuldig, und das nach all den schlimmen Jahren, die hinter Ihnen liegen. Sind Sie trotz allem Optimist?

Nein. Aber ich glaube an meine Fähigkeiten. Ich halte wirklich sehr viel von meiner Stimme. Ich bin glücklich, das so sagen zu können. Und ich habe gelernt, mit der Angst zu leben. Angst vor Menschen zu haben und trotzdem mit ihnen umzugehen. Die Leute ahnen ja gar nicht, wie sehr ich mich fürchte.

Auch vor Ihrer eigenen Vergangenheit? Was ist, wenn Sie "California Girls" hören?

O mein Gott, natürlich. Ich fange fast an zu heulen. Ich denke nur: Wie war ich je in der Lage, solche Musik zu machen?

Als einer Ihrer besten Songs gilt "Good Vibrations". Zu Recht?

Ich glaube, ich habe "Good Vibrations" nicht alleine hinbekommen. Ich glaube wirklich, Gott war damals mit mir im Studio.

Stimmt es, dass Sie mit den noch lebenden Beach Boys nicht mehr sprechen?

Ja, wir haben keinen Kontakt. Wir haben uns damals getrennt, vorbei. Darüber sind wir alle traurig. Aber es gibt nichts, was wir ändern können. Was bleibt, sind Erinnerungen. Ich wollte heute auch kein Beach Boy mehr sein. Dafür bin ich zu alt.

Haben Sie Freunde im Musikgeschäft? Einen richtigen Freund?

Nein. Ich habe überhaupt keine Freunde.

Sie sind seit einigen Jahren wieder verheiratet. Wie wichtig ist die Liebe für Sie?

Nicht allzu sehr. Für mich ist es wichtiger, die unglücklichen Momente im Leben zu überstehen. Ich bin 62, da fühlt man sich manchmal ziemlich traurig. Dann wiederum, wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich keinen 62-Jährigen. Eher einen 40-Jährigen. Jemand, der ziemlich attraktiv ist für sein Alter. (Er schlägt, wie mehrfach im Gespräch, beide Hände vors Gesicht, hält sich für einige Sekunden den Kopf fest.)

Haben Sie Ihre Dämonen ganz in die Flucht geschlagen?

Nein, sie werden immer da sein. Nur manchmal verziehen sie sich ein bisschen in den Hintergrund, sodass ich atmen kann und nicht ständig überlege, wann die nächste Panikattacke kommt.

Nehmen Sie noch Medikamente?

Ja, aber die helfen nichts. Sie sind nicht stark genug. Ich müsste die zehnfache Dosis nehmen. Sehen Sie (zeigt auf eine prall gefüllte Butterbrottüte vor sich), die Pillen habe ich gerade genommen, aber es tut sich nichts. Angeblich sind sie gegen Depressionen.

Viel Glück für Ihre Tour.

Danke, das kann ich brauchen.

Interview: Steffi Kammerer

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