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"A Rush of Blood to the Head" Vor 20 Jahren faszinierten Coldplay die Welt. Dann wandten sich einige ihrer größten Fans von der Band ab

Chris Martin von Coldplay
Chris Martin von Coldplay bei einem Konzert auf der Tour zu "A Rush of Blood to the Heart" 2003
© Melle Haas / Imago Images
Coldplay veröffentlichten vor 20 Jahren ihr Album "A Rush of Blood to the Head" – ein kommerzieller Erfolg, vor allem aber ein musikalischer Meilenstein. Die Musiker wurden dadurch zu Weltstars, viele Fans entwickelten sich danach aber zu Widersachern.

Unbekannte waren Coldplay schon längst nicht mehr, als sie 2002 ihr Album "A Rush of Blood to the Head" veröffentlichten. Schon mit ihrem Debüt "Parachutes" hatte die Band aus Großbritannien für Aufsehen und Begeisterung gesorgt. Die Vorfreude auf den Nachfolger war also groß, ebenso die Erwartungen. Und sie sollten nicht nur erfüllt, sondern sogar übertroffen werden.

Mit "A Rush of Blood to the Head" wurden Sänger Chris Martin und seine Band zu Weltstars, der Name Coldplay zur Riesenmarke. Das zweite Album war nicht nur ein kommerzieller Erfolg, sondern gilt immer noch als eine der musikalisch wichtigsten Platten des 21. Jahrhunderts. Vor 20 Jahren hörte die Musikwelt fasziniert und verzückt Coldplay zu – auch und vor allem jene, die sie heute kritisch sehen.

"A Rush of Blood to the Head" ist vom 11. September geprägt

Entstanden ist die Platte im Kontext des wohl bisher einschneidendsten Ereignisses dieses Jahrhunderts. Nur eine Woche nach den Anschlägen des 11. Septembers begannen Coldplay mit den Aufnahmen. Es ist unschwer zu erkennen, wie sehr die damalige Stimmung die Musik geprägt hat: unter dem Eindruck des Unvorstellbaren, das gerade in den USA geschehen ist, und der Erwartung einer Welt, die anders sein wird als die, die man bisher kannte. Chris Martin machte keinen Hehl daraus, wie sehr ihn die Ereignisse ihn beeinflussten. Den Song "Politik" – das erste Stück auf dem Album – schrieb er am 11. September. Durch das gesamte Album zieht sich deshalb eine große Traurigkeit und Melancholie.

Der erste Song, der für das neue Album entstand, war allerdings "In My Place". Er sollte später auch die erfolgreichste Single von der Platte werden. Nach "In My Place" seien alle anderen Stücke "einfach so entstanden", sagte Chris Martin mal. Doch das klingt deutlich einfacher als der Entstehungsprozess von "A Rush of Blood to the Head" tatsächlich ablief. Eigentlich sollte das Album bereits im Juni 2002 erscheinen, doch die erste Version klang für Martin nach "Schrott". Die Band bat bei der Plattenfirma um einen zweimonatigen Aufschub, im August lag das Album dann in den Plattenläden.

Darauf befand sich auch "Clocks", heute eines der bekanntesten Coldplay-Stücke mit seinem typischen Klavierriff. Der Song war eigentlich gar nicht für das Album gedacht, Chris Martin hatte ihn schon für die dritte Platte auf Halde geschoben. Erst der Manager der Band konnte ihn und die anderen Musiker überzeugen, "Clocks" schon auf "A Rush of Blood to the Head" zu veröffentlichen.

Coldplay wollten nie typische Rockstars sein

Im Vereinigten Königreich ebenso wie in Deutschland schafften Coldplay den Sprung an die Spitze der Albumcharts, wenn auch nur kurz. In den USA reichte es immerhin zu Platz zwei, damit wurde die Band auch in Übersee bekannt. In der Liste der bestverkauften Alben im Vereinigten Königreich im 21. Jahrhundert liegt die Platte auf Platz elf. Aber noch größer als der kommerzielle Erfolg war die musikalische Wirkung des Coldplay-Albums. Die Hörer:innen ließen sich in die Melodien, Arrangements und die unverwechselbare Stimme von Chris Martin fallen – "Gefühle, die dich traurig werden lassen, während du deine Beine bewegst", hat Martin seinen Stil jener Zeit mal beschrieben. Die Rezensent:innen schwärmten von den immer neuen Ebenen, die sich im Indie-Rock von Coldplay auftaten. In der "Rolling Stone"-Liste der besten Alben aller Zeiten steht die Platte auf Platz 466.

Rockstars wollten Coldplay nie sein, die sympathischen, bodenständigen Jungs haben wenig von dem, was andere große Bands zum Mythos macht. Chris Martin, Jonny Buckland, Will Champion und Guy Berryman haben sich an der Uni kennengelernt, bis auf Bassist und Keyboarder Berryman verfügen alle über ein abgeschlossenes Studium. Während andere Bands Drogen und Alkohol verfallen, gab es bei Coldplay von Anfang an eine knallharte Regel: Wer Drogen konsumiert, fliegt.

Nach "A Rush of Blood to the Head" fanden sich Coldplay aber ganz plötzlich auf der ganz großen Bühne wieder. Die Briten wurden mit Preisen überschüttet, gingen auf Welttournee und irgendwann während dieser Tour schaffte Chris Martin dann auch endgültig den Sprung in die Klatschseiten der Boulevardzeitungen: Er lernte im Backstage-Bereich Schauspielerin Gwyneth Paltrow kennen, das Paar war mehr als zehn Jahre lang verheiratet. 

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Haben Coldplay ihre Seele verkauft?

Mit "A Rush of Blood to the Head" machten Coldplay den Indie-Rock wieder neu salonfähig. Es gelang ihnen, die Herzen der vielen traurigen Jungs und Mädchen zu gewinnen, die sich so gern über Musik in der Welt verorten. Doch wie es so ist mit der Liebe: Werden die Erwartungen nicht mehr erfüllt, ist die Enttäuschung groß – da kann es schnell schmutzig werden. Und so sind einige der größten einstigen Fans mittlerweile die ärgsten Feinde von Coldplay.

Nach ihrem großen Wurf hatten Chris Martin und seine Kollegen Gefallen am kommerziellen Erfolg gefunden und entwickelten sich musikalisch zielstrebig Richtung Mainstream. Aus schwermütigem Indie-Rock wurde gefälliger Radiopop. Coldplay hätten ihre Seele verkauft, ist seitdem oft über die Band zu lesen. Und so scheiden sich an Chris Martin und seiner Gruppe die Geister. Die einen unterscheiden streng zwischen den "alten" und den "neuen" Coldplay. Die anderen feiern ihre Songs, Alben, ihre Shows, ihr bodenständiges Auftreten. Coldplay haben mit ihrer Metamorphose viele Fans verloren, aber wahrscheinlich noch mehr hinzugewonnen – und müssen sich deshalb keine Sorgen um die Zukunft machen.

Quellen: "Sonic 1029""Rolling Stone"  / "Coldplay: Look at the Stars" von Gary Spivack


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