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Deutsche Philharmoniker: Deutsch klingt dunkel und schlank

Die Deutschen interessieren sich zunehmend für ihre Geschichte vor der dunklen Zeit 1933-45. Auch Musiker machen sich Gedanken um deutsche Traditionen - und haben einen charakteristischen Orchesterklang ausgemacht.

Wie eine dunkle Wolke breitet sich dichtes Wummern im Konzertsaal aus. Die Streicherbögen gleiten breit über die Saiten, Klarinetten und Hörner melden sich düster aus der Tiefe des Raumes - für viele Klassikfans müsste so oder so ähnlich ein deutsches Orchester klingen. Was aber der "deutsche Klang" ist, darüber gibt es immer wieder Streit. Zuletzt in diesem Frühsommer, als Medien über den richtigen Ton der Berliner Philharmoniker sinnierten und Daniel Barenboim und Christian Thielemann als Verfechter des "deutschen Klangs" für die Nachfolge des Briten Simon Rattle ins Spiel brachten.

Wiederbelebung der Tradition

"Dunkel, aber trotzdem schlank ist der charakteristisch deutsche Orchesterklang des 19. Jahrhunderts", sagt auch Paulus Christmann. Der Dirigent hat sich auf die Suche nach dem richtigen Sound begeben - und dafür mit Gleichgesinnten ein neues Orchester gegründet: Mit den Deutschen Philharmonikern wollen der 35-Jährige und seine Mitstreiter die Tradition deutscher Klangkörper wieder beleben. In Berlin gründeten sie den Verein und ließen sich den Namen schützen.

Christmann, Kapellmeister und Musikwissenschaftler aus Frankfurt am Main, hat offenbar einen Nerv getroffen: Viele etablierte Orchestermusiker und Musikprofessoren haben sich der Initiative angeschlossen und wollen neben ihren festen Engagements in der Freizeit bei den Deutschen Philharmonikern spielen. Am 7. Oktober ist Premiere in Frankfurts Alter Oper mit Mendelssohns Violinkonzert und Beethovens Neunter. Auch Konzerte in Berlin und München sind geplant.

Helle Töne für die Stereoanlage

Christmann und seine Musiker sehen den über Jahrhunderte gewachsenen charakteristischen Orchesterklang in Deutschland vernachlässigt. "Viele Orchester klingen heute mehr oder weniger gleich", sagt der jovial auftretende Maestro. Vor allem die CD- Aufnahmen forderten helle, brillante Töne, mit der die heimische Stereoanlage zum Strahlen gebracht werden könne. "Mit den Anforderungen der Medienproduktionen werden die Eigenheiten aufgegeben", beklagt sich Christmann über den austauschbaren Klang vieler Traditionsensembles.

Dirigenten wie Nikolaus Harnoncourt oder René Jacobs pflegen mit dem so genannten "Originalklang" zwar die alte Spielweise vor allem bei Barock und der Klassik bis zur Mozart-Zeit. Die deutschen Klangtraditionen des 19. Jahrhunderts, aus höfischen Kapellen gewachsen, werden aber kaum noch beachtet. "Vom späten Beethoven bis zu Johannes Brahms und Richard Wagner" umschreibt Christmann das Repertoire, aus dem die Deutschphilharmoniker in jährlich zwei Probephasen schöpfen wollen.

Jüdische Musiker prägten den Klang

Bei seiner Klangpflege beruft sich Christmann auf große Vorbilder - jenseits aller Deutschtümelei. "Die deutsche Orchestertradition geht entscheidend auch auf jüdische Musiker zurück - von Mendelssohn-Bartholdy bis zu Dirigenten wie Bruno Walter." Selbst im Exil habe Walter sein Verständnis vom richtigen Klang gepflegt: "After the note, please play after the note", versuchte Walter den Musikern immer wieder die typisch deutsche Taktbetonung beizubringen.

Schlank, dunkel und mit einer großen Spannweite zwischen laut und leise und mit Kontrabässen und Celli in der Mitte positioniert: Die neuen Philharmoniker wollen klingen wie einst jene Orchester, für deren Klang Beethoven, Wagner oder Brahms ihre Werke schrieben. "Da wurde ein C-Dur anders intoniert als ein Fis-Dur".

Für das Projekt hat der umtriebige Jung-Dirigent gewichtige Sponsoren gewonnen. Neben der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young unterstützen das Bankhaus Hauck & Aufhäuser und die amerikanische Anwaltsfirma Lovells die Neugründung, die ohne öffentliche Zuschüsse auskommen soll.

Esteban Engel/DPA / DPA