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Deutschland vs. Türkei Integration ist rund und hat einen Beat


Vergessen Sie Sarrazin. Fußball und Musik tun mehr für die Integration als alle Politiker zusammen. Der Berliner Rapper Harris kennt sich da aus. Und spricht Klartext.
Von Sophie Albers

Manchmal vergessen die harten Jungs mit den schwarzen Haaren und schwarzen Augen, dass sie gerade ein T-Shirt der "Scheiß-Deutschen", der "Kartoffeln", tragen. Dann laufen sie sogar mit der schwarzrotgoldenen Fahne über die Fanmeile oder den Kudamm. Nur später, wenn sie wieder in Kreuzberg, Neukölln oder auch Tempelhof mit ihren Kumpels an der Ecke stehen und auf den Boden spucken, der sie trägt, halten sie lieber die Klappe darüber, dass sie mit der deutschen Fußballnationalmannschaft fiebern. Dass ihr Herz für die Jungs von Jogi Löw schlägt, dass es IHRE Mannschaft ist. Dafür gäbe es nämlich einen Spruch ("Schämst du dich nicht?") oder auch gleich "ne Schelle", sagt Harris, der Berliner Rapper und DJ. Und weil ihn diese Schizophrenie nicht erst seit der Fußballweltmeisterschaft nervt, hat Harris einen Song darüber geschrieben.

Der 33-Jährige ist Sohn eines schwarzen GIs und einer deutschen Mutter. Der Berliner, der im Alltag meist als "Kanake" behandelt wird, weil er in vielen Augen so aussieht, hat in deutliche Reime gefasst, wofür die politische Diskussion zwischen Sarrazin'schem Hass und Multi-Kulti-Illusion kaum Worte findet. Harris, der selbst die übliche Kreuzberger Straßenkarriere hinter sich hat, spricht die "Verwirrten" an, "Schwarzköpfe", die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, sich hier jedoch nie zu Hause gefühlt haben. Weil sie es aus Elternhaus und Kiez nicht anders kennen, weil sie die täglichen kleinen und großen Rassismen als großen, unverdaulichen Klumpen Hass mit sich herumschleppen, dessen Existenz sie einfach hinnehmen. Weil es das Einfachste ist, Deutschland und die Deutschen einfach nur "Scheiße" zu finden. Denn alles andere wäre anstrengend, würde es doch eine kritische Auseinandersetzung mit sich selbst bedeuten. "Und wer will schon seine Fehler sehen", fragt Harris. Genau darüber rappt er:

Dieses Land braucht keine Menschen, die hier nicht sein wollen/
Es gibt genug Menschen, die nicht wissen, wo sie sein sollen/
Du hast Glück, bist jetzt hier, also benimm dich/
Mach deine Arbeit, werd erwachsen, sei nicht kindisch/
Egal ob Türkisch, Afrikanisch, Arabisch oder Indisch"

Das Video zum Song "Nur ein Augenblick" zeigt glückliche Menschen mit Migrationshintergund, wie es im Politsprech heißt. Besagte Jungs mit den schwarzen Haaren und schwarzen Augen, die den deutschen Fußball feiern. Schwarzrotgold auf der Brust, dem Kopf, der Wange.

"Die Leute outen sich"

Er habe beim Schreiben schon geschwitzt, sagt Harris. "Ich habe gewusst, dass ich mich damit aus dem Fenster lehne." Doch dann kam es ganz anders: Es gab Zuspruch von Freunden, mit denen er sich bei diesem Thema sonst streitet ("Du bringst es auf den Punkt, Alter", "Ja, wir sind auch Schuld daran, dass es so ist, wie es ist"), Fans, die schreiben ("Ich bin jung, ich bin Türke, ich hab mein Abi gemacht, ich bin komplett integriert. Und ich hasse diese Kanaken, die sich hier nicht benehmen können"), zig SMS voll des Lobes.

Negative Reaktionen? Ja, die gebe es, aber es seien so wenige, dass sie untergehen. "Die Leute outen sich", staunt der Musiker. "Ich glaube, das ist dieser Effekt, dass einer den Anfang machen muss. Und wenn es mehr Leute gibt, die ihre Eier auf den Tisch legen und sagen 'Ich bin Deutscher', wird sich auch was ändern."

"Wir sind die neuen Deutschen"

Du kannst hier aber nicht leben und alles schlecht reden/
Und denken, dass man dann auch noch nett ist zu dir/
Vor allen Dingen wenn du die Deutschen nicht respektierst/
Das geht nicht, das weißt du, das weiß er, das weiß sie/
das weiß jeder, und so klappt das mit Deutschland und dir nie/ Es ist ein Geben und Nehmen, so wie man das halt kennt
Du kannst nicht erwarten, dass dir ein Land irgendwas schenkt

Also: Musik und Fußball als Integrationshilfe? Harris nickt. Denn die harten Jungs seien kurz davor zu kapieren, dass sie längst Deutsche sind. "Wir sind nicht mehr die Türken, die Araber, die Afrikaner, die unsere Eltern vielleicht waren. Wir sind die neuen Deutschen", so Harris. Und die müssen ihr Fantrikot nach dem Spiel nicht mehr ausziehen. Vielleicht schon heute Abend.


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