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"Almanya - Willkommen in Deutschland": Witzige und warmherzige Familiengeschichte

In der Komödie "Almanya - Willkommen in Deutschland" erzählen die Samdereli-Schwestern Nesrin und Yasemin witzig und zugleich einfühlsam die erfolgreiche Migrationsgeschichte türkischer Gastarbeiter.

Kinotrailer: "Almanya - Willkommen in Deutschland"

Es ist mitunter ein wenig in Vergessenheit geraten, dass es die Deutschen waren, die die Ausländer in den 60er und 70er Jahren nach Deutschland holten und mit offenen Armen empfingen. Ebenso vernachlässigt ist bei der Integrationsdiskussion der Gedanke, dass auch die Türken, Italiener, Spanier und Griechen mit Vorurteilen kamen und mit einigem Befremden das Leben in Deutschland entdeckten.

Nesrin und Yasemin Semdereli erzählen in ihrer sehr amüsanten Komödie "Almanya - Willkommen in Deutschland" eine positive Migrationsgeschichte und zeigen, dass Integration auch etwas sehr Komisches hat. Jetzt kommt die Komödie, die bei der Berlinale außer Konkurrenz lief, ins Kino.

Der sechsjährige Cenk (Rafael Koussouris) versteht die Welt nicht mehr: Weder die deutschen noch die türkischen Kinder wollen ihn im Sportunterricht in ihre Mannschaft wählen. Da können auch seine deutsche Mutter und sein türkischer Vater nicht weiterhelfen. Also beginnt seine 22-jährige Cousine Canan (Aylin Tezel) die Geschichte ihrer Großeltern Hüseyin (Vedat Erincin und Fahri Yardim) und Fatma Yilmaz (Lilay Huser und Demet Gül) zu erzählen, wie der Opa die junge, schöne Fatma in den 60er Jahren in Anatolien eroberte, später als der Eine-Million-und-Erste Gastarbeiter nach Deutschland kam (und daher nicht das Mofa als Willkommensgeschenk bekam) und dann seine Familie nachholte.

In Rückblicken erzählen Yasemin (Regie und Drehbuch) und Nesrin Samdereli (Drehbuch) diese Geschichte und spielen die Gegenwart, in der Canan die Geschichte erzählt, ein. Denn im Yilmaz-Clan haben gerade alle so das ein oder andere Problem. Canan ist von ihrem britischen Freund schwanger, von dem die Eltern gar nichts wissen, die Frau von Veli hat sich von ihm getrennt und Muhamed findet seit Jahren keine Arbeit.

Nur Fatma und Hüseyin sind glücklich. Fatma, weil die beiden endlich einen deutschen Pass haben, Hüseyin weil er ein Haus in der Türkei gekauft hat, das er in den kommenden Sommerferien mit der ganzen Familie begutachten will. Die Begeisterung hält sich in Grenzen, dennoch macht sich die Familie dann tatsächlich auf den Weg. Auf der langen Reise kommt es zu lange fälligen Aussprachen, vor allem als die Geschichte eine unerwartete Wendung nimmt.

Die beiden Samdereli-Schwestern ("Kismet", "Alles getürkt", "Türkisch für Anfänger") haben eine großartige, absolut amüsante und dennoch sehr berührende Komödie mit vielen kleinen, charmanten Ideen gedreht. Sie verknüpfen die Komik des Neuseins mit dem Retro-Charme der 70er Jahre, poetische Bilder aus der türkischen Heimat mit den großen und kleinen Dramen der menschlichen Existenz und thematisieren sehr dezent und meist mit einem Augenzwinkern die Probleme zwischen den Kulturen.

Als die Yilmaz-Familie neu in Deutschland ist, sprechen alle Deutschen plötzlich ein seltsames Kauderwelsch. Damit der Zuschauer nachvollziehen kann, wie sich die Türken gefühlt haben müssen, wie die Schwestern erzählten. Der kleine Muhamed erleidet Todesängste, als er immer wieder einen Jesus am Kreuz erblickt, der dann tatsächlich (in seinem Traum lebendig) wird. Und zum Schluss, als die Familie endlich an dem Haus in der Türkei angekommen ist, mischen sich plötzlich die Figuren aus Canans Erzählungen nahezu poetisch in die Landschaft und das Picknick der aktuellen Yilmaz-Familie ein.

Selbst Szenen, die in Klamauk abzurutschen drohen, entwickeln ihren eigenen Charme. Etwa, wenn Axel Milberg als deutscher Beamter Fatma und Hüseyin dazu verpflichtet, in einen Schützenverein einzutreten, alle zwei Jahre auf Mallorca Urlaub zu machen und jede Woche "Tatort" zu gucken. Die Filmemacherinnen spielen mit den deutschen Klischees und wie sie von den Türken gesehen werden. Vor allem aber zeigen sie, dass Migration nicht immer im gesellschaftlichen Abseits oder Parallelgesellschaften endet.

Britta Schmeis, DPA / DPA