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"Shahada" - der Film zur Integrationsdebatte: "Sarrazins Thesen haben mich sehr verletzt"

Eigentlich wollten der deutsche Regisseur Burhan Qurbani und die deutsche Schauspielerin Maryam Zaree über ihren Film "Shahada" sprechen. Doch dann fiel der Name Sarrazin. Ein Streitgespräch.

Von Sophie Albers

Frau Zaree, Herr Qurbani, wie fühlt man sich, wenn man in einem der erfolgreichsten Sachbücher im Deutschland der Nachkriegszeit wortwörtlich für dumm verkauft wird?
Maryam Zaree: Oh, es hat mich sehr verletzt und geärgert. Ich habe in letzter Zeit viel darüber diskutiert. Man kann Menschen nicht so über einen Kamm scheren.

Zaree:

Man kann Menschen nicht in eine Gruppe einordnen, mit der sie sich plötzlich identifizieren sollen: Ach so, wir sind übrigens weniger intelligent...

Qurbani:

Ich muss ganz ehrlich sagen, ich habe mich überhaupt nicht angesprochen gefühlt. Ich komme aus einer sozialschwachen Familie, ich lebe gerade Hartz IV (lacht), und trotzdem war ich in einem deutschen Kindergarten, in einer deutschen Schule, auf einem deutschen Gymnasium, und ich habe hier studiert. Ich habe nichts zu tun mit dieser seltsamen unbekannten Masse, die Sarrazin in seinem Buch beschreibt. (Thilo Sarrazin: Deutschland schafft sich ab, Anm.d. Red.)

Zaree:

Trotzdem. Auch wenn ich weiß, dass ich aus einem anderen Bildungsmilieu komme, meine Eltern Akademiker sind und ich andere Möglichkeiten hatte und habe, als die Leute, die Sarrazin anspricht, ärgert es mich enorm, weil es so ungerecht ist.

Qurbani: Aber es ist doch eine Provokation mit einer gesteuerten Eskalation. Ich finde die ganze Diskussion amüsant und streckenweise auch total peinlich. Aber trotzdem: Eine Diskussion über Integration in Deutschland tut not. Dass die auf diesem Niveau stattfindet, ist schade. Dass die "Bild"-Zeitung titelt: "Das wird man ja wohl noch sagen dürfen" mit 15 Standardaussagen zu kleinen versteckten Alltagsrassismen - da kann ich eigentlich nur drüber lachen.

Also haben Sie sich doch angesprochen gefühlt?


Qurbani:

Nein. Ich finde, eine Demokratie braucht ihre Krakeler und Querulanten. Ich meine, wann haben wir uns zuletzt so gestritten? Wir haben zum Glück Artikel 5: Rede, Meinung, Presse sind frei in diesem Land. Aber dass die Diskussion von "Bild" an sich gerissen wurde, finde ich tatsächlich schade.

Zaree:

Die Integrationsdebatte wurde instrumentalisiert, um eh schon vorhandene Ressentiments und Vorurteile zu bestätigen. Dass diese Debatte geführt werden muss, ist schon seit Jahren klar. Dass vieles schief läuft, ist nichts Neues. Aber in der jetzigen Diskussion geht es doch um was anderes: um eine allgemeine Unzufriedenheit, eine Verlagerung von Schuldzuweisungen...

Qurbani:

Aber es wurden doch auch Gegenbeispiele gebracht. Natürlich hat Sarrazin Befürworter, aber auch genauso viele Gegenstimmen...

Zaree:

Laut einer Umfrage würde jeder fünfte Deutsche einer Protestpartei unter Führung Sarrazins beitreten. Viele meiner Freunde meinten, man sollte Sarrazin einfach ignorieren. Aber ich finde, man kann den nicht ignorieren. Man darf es nicht ignorieren, wenn er so viel Zuspruch findet. Wenn offensichtlich seit vielen Jahren etwas unter der Oberfläche brodelt, von dem die Leute nun meinen, es müsse ausgesprochen werden.

Qurbani: Aber die Diskussion ist Teil des demokratischen Prozesses. Sicher, wir brauchen nicht noch mehr Populisten - wir hatten den Möllemann, den Schill. Es gab auch viel schlimmere Kandidaten als Sarrazin. Aber ich habe das Buch gar nicht gelesen. Eigentlich darf ich dazu gar keine Meinung haben...

Zaree:

Doch darf man. Die wenigsten haben es gelesen.

Qurbani:

Ich halte es mit Churchill: "Ich traue keiner Statistik, die ich nicht selbst gefälscht habe." (lacht) Sarrazins Argumentation muss ja teilweise absurd sein...

Zaree:

Ich halte es für unglaublich gefährlich, wenn man Erklärungen im Biologismus sucht. Damit gibt man den Leuten das Gefühl, sie seien festgelegt, sie könnten sich nicht weiterentwickeln, selbst wenn sie es versuchen.

Qurbani:

Aber das nimmt doch keiner ernst. Das ist doch seit Mitte des letzten Jahrhunderts total out.

Zaree:

Das Buch basiert auf biologistischen Theorien, und es hat Erfolg. Die ganzen Feuilletons haben dagegen angeschrieben, haben klar gemacht, wie absurd es ist, und doch hat es in der Gesellschaft großen Rückhalt gefunden. Mich stimmt das alles sehr traurig. Ich bin durch die Straßen von Kreuzberg gegangen und habe mich gefragt: Wenn ich eines dieser Mädchen wäre, was würde ich tun.

"Das wird man ja wohl noch sagen dürfen"

Qurbani: Herr Sarrazin sollte nicht der Maßstab deiner Selbstdefinition sein. Im Gegenteil: Man kann sich daran reiben, indem man feststellt, dass er spinnt.

Zaree:

Das können wir, weil wir eloquent genug sind, weil wir den Bildungshintergrund haben, um uns in eine richtige Auseinandersetzung zu begeben. Aber ich glaube, bei vielen löst es einfach nur eine emotionale Verletzung aus und das Gefühl, in diesem Land nicht akzeptiert zu sein. Ich muss das wirklich so sagen: Ich kämpfe seit Jahren dafür zu sagen: Ich bin Deutsche, ich bin Teil dieser Gesellschaft und als solche will ich auch wahrgenommen werden. Trotzdem werde ich in so einer Diskussion zurückgeworfen auf: Nein, du bist Migrantin. Ich habe schon zu einem Freund gesagt: Ich werde jetzt auswandern, nach New York, wo ich gerade war, und da bin ich dann wenigstens wirklich fremd. (lacht)

Qurbani:

Die Frage ist doch, ob irgendjemand anderes diese sehr wichtige Debatte auf der breiten Ebene hätte inszenieren können, wie sie jetzt stattfindet.

Kurz vor Sarrazins Buch ist "Das Ende der Geduld" der Berliner Richterin Kirsten Heisig erschienen, das genauso gut zur Diskussion hätte taugen können. Aber ist das Problem nicht, dass die dem Buch von Sarrazin nachfolgende Diskussion eben nicht differenziert ist? Wer liest denn die Feuilletons?


Qurbani:

Das Bildungsbürgertum...

Zaree:

Das meine ich nämlich: Für den Rest bleibt die "Bild"-Schlagzeile "Das wird man ja wohl noch sagen dürfen", durch die sie sich komplett ausgegrenzt fühlen. Weil sie das Gefühl vermittelt: Ihr seid hier nicht gewollt. Diese Verallgemeinerung trifft übrigens auch unseren Film. Es ärgert mich, wenn es über "Shahada" heißt: Es geht um drei Muslime. Das ist eine starke Vereinfachung. Was heißt das denn, drei Muslime? In erster Linie sind das Menschen, Deutsche, die sich in einem existenziellen Konflikt befinden. Das ist wie in den Statistiken von Sarrazin. Da geht es nicht mehr um Menschen, sondern um eine komische, sich bewegende Masse...

Qurbani:

Aber wie willst Du es denn richtig ausdrücken?

Zaree:

Ich würde auf die einzelnen Geschichten eingehen.

Burhan:

Das passt aber nicht aufs Filmplakat. (lacht) Natürlich ist das eine Vereinfachung. Aber es geht doch darum, dass man die Vereinfachung nicht dazu benutzen darf, um jemanden anzugreifen. Vielleicht kann ein Film wie "Shahada" ja dazu beitragen, die Leute zu sensibilisieren, dazu führen, dass sie sich Wissen aneignen, die Integration ernst nehmen. Offenheit im Geiste, damit wäre viel gewonnen. Nicht jeder katholische Pfarrer ist ein Kinderschänder, und nicht jeder Imam ist ein Hassprediger.

Wie würden Sie es denn beschreiben, Herr Qurbani?

Qurbani:

Ich habe kein Problem mit "Drei Muslime".

Zaree:

Warum nicht Berliner? Drei Berliner mit muslimischem Hintergrund: Menschen, die hier geboren und aufgewachsen sind, die einen anderen kulturellen Background haben. Deren Geschichten sind ebenso anders wie Familiengeschichten aus dem tiefsten Schwabenland.

Qurbani:

Wir leben einfach noch nicht in den Zeiten, in denen es selbstverständlich ist, dass Berliner auch Migranten sind.

Zaree:

Dann wird es Zeit, dass wir endlich damit anfangen.

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