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Eurovision Song Contest 2016: Armenien sorgt mit verbotener Flagge für Eklat

Es war eine Provokation mit Ansage: Beim ersten Semifinale des ESC schwenkte die armenische Vertreterin die Fahne des umkämpften Gebietes Bergkarabach. Ein klarer Verstoß gegen die Regeln.

Von Lars Peters, Stockholm

Iveta Mukuchyan beim ESC

Iveta Mukuchyan aus Armenien sorgte beim ESC für einen Flaggen-Skandal

Der Eurovision Song Contest soll Menschen über Musik zusammenbringen. Es ist ein friedliches Fest, das Völker verbindet. Politik soll außen vor bleiben, deshalb ist jegliche politische Meinungsäußerung während des Wettbewerbs untersagt. Doch Armenien und Aserbaidschan, die sich seit vielen Jahren unversöhnlich und sogar kriegerisch gegenüberstehen, haben diese Vorgaben schon häufiger missachtet.

Beim ersten Semi-Finale des Eurovision Song Contest, das am Dienstagabend in Stockholm ausgetragen wurde, kam es zu einem weiteren unrühmlichen Vorfall. Nachdem alle 18 Lieder vorgetragen waren, wurde während des Schnelldurchlaufs in den Greenroom geschaltet, um die Künstler mit den offiziellen Vertretern des Landes zu zeigen. Wie beim ESC üblich, wurden dabei auch Fahnen geschwenkt. Armenien zeigte dabei eine beim Wettbewerb verbotene Flagge. Neben der offiziellen Staatsflagge hielt die in Hamburg lebende Sängerin Iveta Mukuchyan die Fahne Bergkarabachs in die Höhe.

Iveta Mukuchyan aus Armenien schwenkte im Greenroom eine verbotenen Flagge

Iveta Mukuchyan schwenkte im Greenroom die verbotenen Flagge Bergkarabachs

ESC: Verstoß gegen Flaggenregel

Das ist ein Verstoß gegen die erst kürzlich aktualisierte Fahnenregelung für den Eurovision Song Contest. Demnach sind alle offiziellen Flaggen der UNO-Mitglieder sowie die EU- und die Regenbogenfahne als Symbol für Toleranz und Vielfalt in der Arena zugelassen. Auch andere Fahnen sind erlaubt – so lange damit keine Aussage getroffen wird, die die Veranstalter als beleidigend, diskriminierend oder unpassend bewerten oder die politischer beziehungsweise religiöser Natur sind.

Doch ist die Fahne Bergkarabachs unpolitisch? Das ist die Frage, die sich nach dem Vorfall im Greenroom stellt. Mukuchyan bestätigte auf der Pressekonferenz nach der Show, dass sie die Fahne bewusst gezeigt habe. Sie begründete das damit, dass sie ihr Land und ihr Herz beim ESC repräsentiere wolle. "Mein Herz möchte nichts anderes als Frieden auf der Welt und Frieden für Armenien", sagte sie. Ihr Beitrag "Love Wave" unterstreiche das, denn diese "Welle der Liebe" möchte sie mit ihrem Auftritt in die Welt hinausschicken.

Friedliche Absicht mit falschem Symbol

So friedlich die Absichten der Künstlerin mit ihrer Aktion auch sein mögen: Mit der Wahl der Fahne Bergkarabachs hat sie sich eines der ungeeignetsten Symbole überhaupt ausgesucht. Nicht ohne Grund war sie in der ursprünglichen Fahnen-Verbotsliste der EBU expliziert aufgeführt. Da Mukuchyan kein gewöhnlicher Fan, sondern Mitglied der offiziellen armenischen Delegation ist, ist nun eine Situation entstanden, zu der die ausrichtende European Broadcasting Union Stellung beziehen muss. Ein Sprecher sagte dem stern dazu in der Nacht, dass man sich des Vorfalls bewusst sei und ihn "zu gegebener Zeit" diskutieren werde.

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Reaktion von Aserbaidschan zu befürchten

Tatsächlich ist diese Zeit genau jetzt. Denn am Dienstagabend hat sich neben Armenien auch Aserbaidschan für das Finale qualifiziert. Wenn die EBU das armenische Verhalten nicht sanktioniert, ist eine Reaktion des verfeindeten Aserbaidschans in der Show am Samstag durchaus denkbar. Eine solche Spirale der Politisierung schadet dem Wettbewerb und seinem friedlichen Ansinnen.

In der Vergangenheit kam es beim ESC immer wieder zu Animositäten zwischen Armenien und Aserbaidschan. Bei der Punktevergabe im Jahr 2009 hielt die armenische Punkteverleserin Sirusho mehrfach das auf der Rückseite ihres Notizblocks geklebte Bild des Monuments Tatik Papik in die Kamera. Dabei handelt es sich um das Symbol der Region Bergkarabach. Ärger gab es auch beim ESC 2012, der in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku ausgetragen wurde. In Einspielfilmen wurden Symbole und Musik genutzt, die Armenien als seine reklamierte. Eine so offensichtliche Provokation, wie jetzt mit der Fahne von Bergkarabach in der Arena, gab es hingegen noch nie.