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ESC-Favorit Sergey Lazarev aus Russland: "Ich habe überhaupt nichts gegen Schwule"

Er ist der große Favorit auf den Sieg beim ESC: Im stern-Interview verrät Sergey Lazarev aus Russland, wie er sich auf seinen Auftritt vorbereitet, warum er Buhrufe unfair findet und was er über Schwule denkt.

ESC-Favorit Sergey Lazarev

Immer gut gelaunt: ESC-Favorit Sergey Lazarev schreibt in Stockholm bereitwillig Autogramme.

In Stockholm scheint die Sonne. ESC-Favorit Sergey Lazarev lässt sich vor dem Grand Hotel - die russische Delegation wohnt im besten Haus am Platz - gut gelaunt mit Fans ablichten. Er trägt ein blaues Poloshirt und Jeans, an den trainierten Unterarmen lugen seine Flügel-Tattoos hervor. Außer dem Tross an Mitarbeitern, der ihn umringt, deutet nichts darauf hin, dass hier ein Superstar und möglicher Eurovisions-Sieger steht. Lazarev wirkt entspannt, will das Interview am liebsten draußen führen. Doch die Chefin der Delegation entscheidet: Wir gehen rein.


Herr Lazarev, ist es okay, wenn wir Sie den russischen Justin Timberlake nennen?

Ich weiß nicht. Justin ist ein beeindruckender Künstler und Musiker. Er ist populär und ich mag seine Musik. Aber wir sind sehr unterschiedlich: Ich mache mehr Pop und liebe spektakuläre Auftritte. Er macht mehr mit der reinen Musik, mit den Instrumenten. Wenn er tanzt, macht er das auch cool, aber ich bin da exzessiver.

In Russland sind Sie ein Superstar, haben Millionen von Platten verkauft. In Westeuropa und insbesondere in Deutschland kennt Sie hingegen kaum jemand. Woran liegt das?

Es sind getrennte Märkte. Derzeit fokussiere ich mich ganz auf Russland. Da meine Songs fast ausschließlich auf Englisch sind, hatte ich auch mit verschiedenen Plattenlabels in Großbritannien Verträge und hatte ein bisschen Erfolg in den UK-Charts. Aber die finanzielle Krise 2007/2008 stoppte alles, auch im Musikgeschäft.


Lazarev, der keinen Alkohol trinkt, bestellt einen Cappuccino. Höflich winkt er den Kellner heran. Starallüren scheint er nicht zu kennen. Noch im März und April absolvierte er eine Tournee durch Russland und angrenzende Länder, um sein zehnjähriges Bühnenjubiläum zu feiern. Lazarev gab mehr als 20 Konzerte in ausverkauften Arenen. Doch hier in Stockholm lässt der 33-Jährige zu keiner Zeit den Superstar raushängen. Das macht ihn sympathisch.


Loreen war nach ihrer Teilnahme beim Eurovision Song Contest 2012 in ganz Europa ein Star, ihr Song "Euphoria" fast überall in den Charts. Könnte der ESC auch ihre Kariere vorantreiben?

Der ESC ist eine gute Chance, in anderen Ländern zu zeigen, wer ich bin und was ich mache. Aber ich erwarte nach dem ESC keine große internationale Karriere. Ich weiß, wie es funktioniert: Du musst in dem Markt leben, in dem Du erfolgreich sein willst, und dort immer präsent sein. Das ist für mich Russland.

Stimmt es, dass sie acht Jahre lang eine Teilnahme abgelehnt haben?

Ja. Auch für dieses Jahr hatte ich es nicht geplant. Eigentlich wollte ich im Mai einen Urlaub in den USA machen, hatte schon gebucht. Aber dann kam der Anruf vom russischen Popstar Philipp Kirkorov und er sagte, dass er den perfekten Song für mich hätte. Er spielte mir "You Are The Only One" vor. Ich war sofort begeistert und stellte mir vor, wie ich das Lied auf der Bühne umsetzen könnte. Es fühlte sich einfach richtig an, es zu machen.

 

Lazarev und sein Team haben den ESC-Auftritt über Monate vorbereitet. Die spektakuläre Bühnenshow, bei der er an scheinbar nicht vorhandene Stufen eine Wand erklimmt und zu schweben scheint, verlangt körperliche Fitness. Auch in Stockholm ist deshalb Lazarevs persönlicher Trainer dabei, den er aus Moskau mitgebracht hat. Es soll nichts dem Zufall überlassen werden. Russland will siegen.

 

Ihre Bühnenshow wird spektakulär. Verraten Sie uns, wie sie scheinbar ohne Halt an einer Wand hängen können? Wie funktioniert der Trick?

Es ist gut, dass es einen Wow-Effekt gibt. Wir haben sehr lange an dieser Show gearbeitet und sind froh, wenn wir hören, dass es bei den Zuschauern ankommt. Aber den Trick werde ich nicht verraten - vielleicht nach der Show.

Sie hängen in drei Metern Höhe an einer Wand. Bei der ersten Probe in Stockholm sind Sie gestürzt. Ist Ihr Auftritt gefährlich?

Ja, jeder Schritt muss sitzen. Deshalb haben wir schon im Februar mit den Proben begonnen. Ich muss meine Bewegungen automatisch machen, weil ich mich nirgends festhalten kann. Außerdem muss ich mich ja auch auf den Gesang konzentrieren können. Aber die gute Vorbereitung gibt mir Sicherheit.

 

Lazarev führt das Interview alleine, ohne Unterstützung durch sein Management. Dabei ist es durchaus üblich, dass Aufpasser dabei sind, um bei unliebsamen Fragen eingreifen zu können. Nur ab und an taucht an der Seite eine Dame aus der Delegation auf. Beide verständigen sich mit Blicken. Er signalisiert: alles in Ordnung. Ob das auch bei heikleren Fragen so bleibt?

 

In den vergangenen Jahren wurden die Auftritte Russlands aus politischen Gründen kontrovers diskutiert. Es gab sogar Buhrufe. Haben Sie Angst, ausgebuht zu werden?

Nein, denn ich bin darauf vorbereitet. Ich verstehe, dass es Buhrufe geben kann. Fair finde ich sie allerdings nicht. Ich mache Musik und keine Politik. Das Publikum sollte alle Künstler mit dem gleichen Respekt behandeln und darauf reagieren, was auf der Bühne zu sehen und zu hören ist.

Es gibt viele schwule Fans ...

Ich habe viele schwule Fans in Russland.

… und manche haben Angst, nach Russland zu fahren, wenn Sie gewinnen sollten. Was sagen Sie denen?

Russland veranstaltet jedes Jahr große internationale Events: Wir haben die Fußball-Weltmeisterschaft in zwei Jahren, hatten die Olympischen Spiele. Es gab vorher immer Gerüchte, wie es wohl den Gästen mit unterschiedlicher sexueller Orientierung und unterschiedlicher Hautfarbe ergehen würde. Doch als sie da waren, hatten sie eine gute Zeit und keine Probleme. Es gibt viele Vorbehalte, aber die meisten sind nicht wahr.

Haben Schwule in Russland also keine Probleme?

Es gibt ein Gay-Life in Russland, es gibt Clubs und so. Auch in Sotchi, wo die Olympischen Spiele stattfanden. Es geht oft zu sehr um politische Dinge. In der Berichterstattung wird das Thema oft aus einem falschen Winkel dargestellt. Ich selbst gebe zweimal im Jahr große Konzerte in einem Schwulenclub in Moskau. Sie können meine Interviews aus den vergangenen Jahren überprüfen, da habe ich mich immer klar dazu geäußert. Ich habe überhaupt nichts gegen Schwule.

 

Lazarev tippt auf seinem Handy, um ein Video zu suchen, das ihn bei einem Auftritt in einem Schwulenclub zeigt. Man merkt, dass ihm die Frage nach Schwulenrechten in Russland schon öfter gestellt wurde. Er kontert sie geschickt mit seiner eigenen Haltung zu dem Thema. Ein cleverer Schachzug. Vor allem, weil Lazarev glaubwürdig klingt.

 

Viele erwarten Ihren Sieg am Samstag. Was ist, wenn Sie nur Zweiter werden?

Dann ist das okay. Ich sage immer: Stopp, lasst uns nicht über gewinnen oder nicht-gewinnen reden. Ich mache mein Ding, gebe mein Bestes und will, dass die Zuschauer sich an meinen Auftritt erinnern - egal ob ich Erster, Zweiter oder Dritter werde.