Deutsche Fans in Helsinki "Balkanovision Sowjet Contest"


Mit großen Erwartungen sind hunderte deutsche Fans zum Eurovision Song Contest nach Helsinki aufgebrochen. Sie wollten Roger Cicero gewinnen sehen. Doch die Schlager-Schlachtenbummler wurden bitter enttäuscht.
Von Sebastian Wieschowski, Helsinki

Sie hoffen auf ein Sommermärchen im kühlen finnischen Frühling. Sie haben rot-weiß-goldene Hüte, Flaggen und Schals mitgebracht. "Fraun regier'n die Welt" grölen die Freunde Josef Hauser und Stefan Kloß immer wieder auf ihrem Weg durch Helsinki. Das finnische Bier ist teuer, doch es ölt die Stimme. "Ölu" bedeutet "Bier" auf finnisch, das haben die Grand-Prix-Fans aus dem nordrhein-westfälischen Bad Laasphe bereits gelernt. Ein Hauch von Weltmeisterschaft liegt in der Luft. Es ist Samstagabend, und Europa ist zu Gast in Finnland.

Hauser und Kloß sind zum ersten Mal in Finnland. Sie gehören zu der kleinen Gruppe deutscher Fans, die den weiten Weg nach Helsinki auf sich genommen hat. Dort ist man von Kopf bis Fuß auf den europäischen Sängerwettstreit eingestellt. Auf dem Residenzplatz marschiert eine Militärkapelle auf, im Schatten der prächtigen Newski-Kathedrale erklingen mit Pauken und Trompeten alte Grand-Prix-Evergreens. Kinderchöre erinnern mit Klassikern wie "Waterloo" an die goldenen Zeiten des Grand Prix - heute hat der Eurovision Song Contest vor allem mit einer neuen Runde des kalten Krieges zu kämpfen. Die vermeintliche Vetternwirtschaft der osteuropäischen Teilnehmer ist auch für Josef und Stefan ein Thema. "Balkanovision Sowjet Contest" könne man das Wettsingen auch nennen, meint Josef. Deutschland solle jedes Bundesland einzeln ins Rennen schicken, findet Stefan.

Geografie-Stunde per Gesichtskontrolle

Doch die Fans aus Nordrhein-Westfalen sind nicht nach Helsinki gekommen, um zu motzen. Sie wollen eine Eurovisions-Party erleben. Und die bekommen sie auch: auf Großbildleinwänden wird das Halbfinale übertragen - Public Viewing im Jahr Eins nach der Weltmeisterschaft. Wer trotz der schmerzhaften Getränkepreise in der City noch ein paar Euros in der Tasche hat, wird diese schneller los, als ihm lieb ist - für Lordi-Cola, Lordi-Bonbons und Lordi-Brettspiele. Dazu Eurovision-Münzensätze mit garantierter Wertsteigerung und Eurovision-Sonderbriefmarken mit garantiertem Staun-Potenzial. Finnland empfängt die Gäste aus dem Ausland mit gefüllten Regalen und offenen Armen.

Überall in den Kneipen mischen sich französische und englische, polnische und finnische Wortfetzen zu einer europäischen Sprachunion zusammen. Geografie-Stunde per Gesichtskontrolle: Menschen aus aller Herren Länder tragen ihre Nationalfarben mit Schminke aufgemalt zur Schau. Einheimische nutzen das geballte Interesse ihrer Gäste, um ihnen die finnische Hauptstadt abseits der pulsierenden Esplanaden zu zeigen.

Nordisch kühl mit dunklen Platten

Nach einigen Startschwierigkeiten mit ihrem finnischen Wörterbuch entdecken die Freunde die Hartwall-Areena im Stadtteil Pasila: nordisch kühl mit dunklen Platten verkleidet, etwas einsam im Norden der finnischen Hauptstadt inmitten von künstlichen Grünflächen gelegen - das Ambiente ist so distanziert wie die finnische Mentalität, wie sie in Reiseführern beschrieben wird. Dass hier in wenigen Stunden eine europäische Party mit einem furiosen Siegeszug des deutschen Cicero steigen soll? Josef und Stefan wollen das noch nicht glauben.

Was ihnen wenig später in der Halle zu Ohren kommt, will die Beine der deutschen Fans nicht wirklich erwärmen. Ukrainisches Kasperle-Theater, lettische Dudel-Tenöre und eine Ricky-Martin-Kopie aus Griechenland - alles nur schmückendes Beiwerk und plätscherndes Vorgeplänkel für Roger Cicero, den Hoffnungsträger der deutschen Schlagernation. Amüsieren können sich Josef und Stefan nur über den Nachnamen des finnischen Moderators Mikko Leppilampi.

Der deutsche Swing geht ins europäische Mark und Bein

15 Darbietungen aus allen Ecken Europas müssen die ungeduldigen Deutschen über sich ergehen lassen. Dann kommt endlich Roger Cicero: Der deutsche Teilnehmer swingt und singt, in der Menge grölen und krakeelen die mitgereisten Fans. Und auch die übrigen Zuschauer, die durch osteuropäische Ethno-Arien zeitweise in eine Art melancholischen Trance-Zustand versetzt wurden, wachen auf. Der deutsche Swing geht ins europäische Mark und Bein, die 19.000 Zuschauer sind auf den Beinen und die Freunde Josef und Stefan hängen sich in den Armen. Ein "Wunder von Helsinki" bahne sich an, sagt Josef freudestrahlend, während Stefan auf und ab hüpft und versucht, dem Cicero-Text zu folgen.

Die Ernüchterung folgt wenig später. Keine Punkte für Roger Cicero, nachbarschaftliche Liebesbeweise hingegen zwischen einstigen Bruderstaaten wie Moldawien, Weißrussland oder der Ukraine. Cicero - nicht der Sänger, sondern der Philosoph - sagte einmal: "Den wahren Freund erkennt man in unsicherer Lage". Und tatsächlich zeigen sich beim munteren Hin-und-Her-Geschiebe der Punkte die echten Freunde der deutschen Sangesnation: Andorra, Albanien, Österreich, Dänemark und Spanien lassen ein paar Pünktchen springen.

Was dazwischen passiert, bekommen viele deutsche Fans gar nicht mehr mit - "twelve points" für Serbien, "ten points" für die Ukraine. Fassungslos blicken sie zur Bühne, ihre Arme mit den deutschen Fahnen und Hüten hängen lustlos herab. Ein Fan greift sich ins Gesicht und verwischt die Deutschlandfarben auf seiner Wange. Josef und Stefan verschwinden wenig später wortlos in der kalten finnischen Nacht - den Siegersong wollen sie sich nicht noch einmal antun. Für sie ist Roger Cicero der Sieger der Herzen, genau so wie Deutschland der Weltmeister der Herzen ist. Für die beiden Deutschen ist die Multikulti-Party vorbei.


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