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Kommentar zum ESC-Eklat: Die Freak-Show

Der Eklat um Andreas Kümmert beim ESC-Vorentscheid zeigt, wozu der Eurovision Songcontest gut ist: zum Kopfschütteln, Schmunzeln und Staunen.

Ein Kommentar von Kester Schlenz

Aufregung schon beim Vorentscheid: Andreas Kümmert nimmt die Wahl nicht an, Ann Sophie gewinnt.

Aufregung schon beim Vorentscheid: Andreas Kümmert nimmt die Wahl nicht an, Ann Sophie gewinnt.

Schon im Vorfeld ein kleiner Skandal: Der Gewinner des Vorentscheides kneift und taucht ab. Die Zweitplatzierte muss - beschädigt, aber tapfer - nun ins Rennen. Und wenn sie - was leider zu erwarten ist - am Ende nicht richtig gut abschneidet, werden alle sagen: Eigentlich hätte doch dieser nette Dicke mit der Mörder-Röhre da hin gehört. Aber was soll's? So muss es sein.

Es geht beim ESC eigentlich nie wirklich um gute Musik, sondern um den Spaß- und Aufrege-Faktor. Dafür ist diese Veranstaltung da. Pure Unterhaltung. Wir setzen uns mit einem Bier und Chips aufs Sofa und wollen uns bewusst unter Niveau amüsieren. Wir wollen uns wundern, exotische, irre Darbietungen von Sonderlingen sehen: Typen mit Monstermasken, entfesselte, halbnackte Table Dancerinnen, Leute, die Wurst heißen, linkische Letten, extreme Esten, tuntige Tenöre, russische Omas, irische Truthähne, Griechen in Kampfanzügen, rumänische Falsett-Vampire, moldawische Einradfahrer, belgische Brummkreisel, ADS-Geschwister aus Irland und Aliens aus der Ukraine.

Wir wollen uns aufregen

Unvergessen, wie sich vor drei Jahren eine Kroatin den Rock runter riss und dazu sinnfrei "Afrika Paprika" rief. Und der Rest Europas wird wohl bis heute nicht darüber hinweg sein, dass Stefan Raab mit absurder Brille einst den Song "Wadde Hadde Dudde da" für das Volk der Dichter und Denker sang.

Natürlich gibt es zwischendurch immer mal wieder richtig gute Musik, und wir haben uns alle über Lenas verdienten Sieg gefreut. Aber die Irren und Durchgeknallten und die kleinen Skandale sind es, die den ESC wirklich unterhaltsam machen. Wir wollen uns über die Punkte-Zuschusterei durch Nachbarländer aufregen, und wir wollen uns an der großartigen Moderation und der sonoren Stimme Peter Urbans erfreuen, der stets die perfekte Mischung aus dezenter Ironie und echter Begeisterung liefert.

Sieger der Herzen

Einige Beiträge stehen für dieses Jahr schon fest. Sieger der Herzen werden diese Männer sein: Pertti Kurikan, eine finnische Hardrock-Truppe, die aus vier zauseligen Musikern mit Lernschwäche besteht. In nur einer Minute und vierzig Sekunden hauen die Herren uns in brachialem Sound ihren krachenden Song "Aina Muun pitää" (Immer muss ich) um die Ohren. Großartig!

Andreas Kümmert hat sich den Song schon vorab zu Herzen genommen und entscheiden: Nee, ich muss nicht! Muss man einfach respektieren. Oder ihn einfach fragen: Wadde hadde dude da?