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Eurovision Song Contest 2021 Italien gewinnt den ESC: Brav sein war gestern

Damiano David, Frontmann der italienischen Band Måneskin, pflegte bei der Pressekonferenz das Rockstar-Image
Damiano David, Frontmann der italienischen Band Måneskin, pflegte bei der Pressekonferenz das Rockstar-Image
© Sander Koning/ / Picture Alliance
Rotterdam feierte den Eurovision Statement Contest – auch Italiens Siegersong hat eine tiefere Botschaft. Zudem bediente die Band Måneskin eine große Sehnsucht nach einem Jahr Pandemie.
Von Matthias Breitinger

"Love Love Peace Peace" sangen Petra Mede und Måns Zelmerlöw, als sie 2016 den Eurovision Song Contest moderierten, augenzwinkernd – Liebe und Frieden als die Themen, über die beim europäischen Liederwettbewerb vor allem gesungen wird.

Doch das war einmal. Selten war ein ESC so beladen mit tiefen Botschaften wie der 65. Contest, der in der Nacht zum Sonntag in Rotterdam zu Ende ging. Die Sängerinnen aus Malta und Russland machten sich in ihren Liedern für die Selbstbestimmung von Frauen stark. Der schwedische Beitrag war ein Appell für das Recht aller Menschen, gesehen und gehört zu werden. Und der deutsche Teilnehmer Jendrik rief in seinem Lied dazu auf, Hass vor allem in sozialen Medien nicht mit Hass zu begegnen.

Daneben erschienen die üblichen einfach gestrickten Popsongs mit erotisch aufgeladener Inszenierung in diesem Jahr als Staffage: die Extensions schwingenden Disco-Damen aus Serbien in ihren schwarzen Lackstiefeln, die zyprische Sängerin mit ihren roten Teufelinnen aus dem Nachtklub oder Aserbaidschans singende Dessous-Party. Sie waren allesamt nett anzuschauen, standen im Schlusstableau aber weit entfernt vom Spitzenfeld. Selbst der erfolgreiche US-Rapper Flo Rida war kein Punktegarant: Trotz seiner hochkarätigen Unterstützung landete Senhit mit ihrem knallbunten Auftritt für San Marino nur auf Rang 22.

Verrückt, aber anders

Das pandemiemüde Publikum gierte offenkundig nach Tiefsinnigerem. Das Angebot dafür war da. Einige Künstler verarbeiteten ihre Gedanken und Erfahrungen der vergangenen Corona-Monate musikalisch. Die einen eher düster wie der drittplatzierte Schweizer Act Gjon’s Tears (Gjon Muharremaj), der in seinem Elektropoplied "Tout l’univers" über die Vergänglichkeit des Lebens sinnierte und darüber, wie alles miteinander im Universum verbunden ist. Andere rebellisch wie die Nu-Metal-Band Blind Channel, die dem Virus den Mittelfinger zeigte.

Im Wie-laut-darf’s-denn-sein-Wettbewerb hatten die Finnen direkte Konkurrenz: die Glamrock-Band Måneskin aus Italien. Auch sie war mit einer tieferen Botschaft zum ESC gereist. Ihr Lied "Zitti e buoni" (Still und brav) ruft dazu auf, sich nicht Konventionen zu beugen, sondern mutig den eigenen Weg zu gehen und sich in seiner Einzigartigkeit treu zu bleiben. "Wir sind verrückt, aber anders als sie" lautet die markante wiederkehrende Zeile des Refrains. Damit setzte sich das Quartett gegen die anderen 25 Beiträge im ESC-Finale durch.

Jendrik fällt beim europäischen Publikum durch

Doch Botschaft ist nicht alles oder gar entscheidend beim ESC. Um ganz Europa in nur drei Minuten in den Bann zu ziehen, muss das Gesamtpaket stimmen. Das musste etwa Schwedens Sänger Tusse erfahren: Bei seinem sterilen Auftritt sprang der Funke nicht über. Die erfolgsverwöhnten Skandinavier schafften nur Platz 14.

Wesentlich schlimmer lief es für den deutschen Beitrag. Für Jendriks Statement "I Don’t Feel Hate" kamen europaweit so wenige Anrufe zusammen, dass Moderatorin Chantal Janzen verkünden musste: "Deutschland erhielt von den Zuschauern…. 0 Punkte." Der an sich sympathische Hamburger kam in seiner Überdrehtheit nicht mehr authentisch, sondern affektiert rüber, und die vollgepackte Performance mit Sängerin Sophia im Kostüm einer großen Hand, die das Peace-Zeichen macht, wirkte wie vom Kindergeburtstag.

Immerhin konnten sich die Jurys in Österreich und Rumänien ein wenig für den Anti-Hass-Song erwärmen. So erreichte Deutschland im Gesamtklassement den vorletzten Platz. Letzter wurde Großbritannien, dessen Sänger James Newman das doppelte 0-Punkte-Ergebnis sportlich nahm.

Das Feeling eines Livekonzerts

Doch was macht den Zauber aus, der Songs zum Punkteregen führt und den einen auf den ESC-Thron hievt? Ganz genau lässt sich das selten sagen. Die exaltierte Choreographie von The Roop aus Litauen traf offenkundig den Geschmack der deutschen Zuschauer: Sie vergaben dafür die Höchstpunktzahl. Für Barbara Pravi sprachen ihre starke Bühnenpräsenz und der eindringliche Vortrag im Licht eines einzelnen Scheinwerfers auf der verdunkelten Bühne. Die 28-jährige Französin landete mit ihrem Edith-Piaf-Gedächtnis-Chanson "Voilà" nach einem extrem spannenden Voting auf dem zweiten Platz.

Bei Måneskin dürften letztlich drei Faktoren zum Sieg geführt haben: der energiegeladene, ungekünstelte Sound ihres rotzigen Rocksongs, das Charisma von Frontmann Damiano David mit nacktem Oberkörper in einer Art Korsetthose sowie die vergleichsweise schlichte Inszenierung. Sie lebte von ihrer Lichtshow und Pyroeffekten und ließ bei den Zuschauern zuhause das seit einem Jahr vermisste Feeling eines Livekonzerts aufkommen. Zumal David mittendrin das Hallenpublikum aufforderte: "Make some noise".

Die Sehnsucht nach Normalität, in der man gemeinsam mit Tausenden ungezwungen ein Rockkonzert erleben kann, dürfte auch das gute Ergebnis von Blind Channel aus Finnland erklären. Ihr an alte Linkin-Park-Zeiten erinnernder Song "Dark Side" fand sich am Ende auf Rang 6 wieder.

Feiern, ganz ohne FFP2

Genährt wurde dieses Verlangen den ganzen Abend über durch Szenen wie aus einer anderen Welt. Maskenlos und Schulter an Schulter sitzende Zuschauer. Eine gut gefüllte Arena, um die, so schien es, das Coronavirus einen großen Bogen machte. Die Fernsehbilder erzeugten gemischte Gefühle. Einerseits freute man sich mit den feiernden Zuschauern auf den Rängen der Ahoy Arena, und nach Monaten von TV-Shows mit Applaus vom Band war echter Jubel ausgesprochen wohltuend. Andererseits wirkte die Party mit dem Wissen um die in den Niederlanden weiterhin hohen Inzidenzzahlen doch etwas befremdlich.

Der Ausrichter verteidigte die Publikumspräsenz damit, dass der ESC in Rotterdam Teil einer wissenschaftlich begleiteten und staatlich geförderten Forschungsinitiative sei. Das strenge Hygienekonzept verhinderte indes nicht, dass im Lauf der Woche der Schnelltest bei einem Mitglied der isländischen Synthiepop-Gruppe Gagnamagnið positiv ausfiel. Darum musste die Band in Hotelquarantäne. Gezeigt wurde im Finale die Aufzeichnung einer Probe. Aus dem gleichen Grund konnte Duncan Laurence, der niederländische ESC-Sieger von 2019, den Preis am Ende nicht an Måneskin überreichen.

Feiernde Finalisten statt Flaggenfans

Wie erfolgreich das Fieldlab-Experiment ausfiel, ist noch offen. Um in die Arena zu kommen, mussten die Besucherinnen und Besucher ein aktuelles negatives Schnelltestergebnis vorlegen, und nur 3.500 Sitzplätze waren belegt in der Halle, die eigentlich 16.000 Besucher fasst. Voll sah es am Bildschirm dennoch aus. Abstände? Fehlanzeige.

Allerdings: Das vom ESC gewohnte Bild der Flaggen schwenkenden Fans direkt vor der Bühne fehlte in diesem Jahr. Die Stehplätze fielen coronabedingt weg. Dorthin wurde stattdessen der Greenroom gebaut, also der Bereich, in dem sich die Künstler während der Show aufhalten. Eine gute Lösung, wie sich in der Sendung zeigte. Dadurch wurden mehr als sonst die feiernden Finalisten auf ihren Sofas gezeigt. Die Stimmung wurde dort im Lauf der Show zunehmend ausgelassener. Statt der Fans schwenkten nun die Delegationen ihre Fahnen, immer wieder sah man Künstler und ihre Entourage im Greenroom zu den Darbietungen auf der Bühne tanzen, etwa zum treibenden Beat der ukrainischen Band Go_A.

Da vermisste man die beflaggten ESC-Anhänger nur ein wenig. Sie wurden in einem kurzen Film vor der Punktevergabe gewürdigt. Verbunden mit der Hoffnung, 2022 wieder einen normalen ESC zu zelebrieren, mit tausenden Fans aus allen Ecken Europas, die sich dann in Italien treffen. Wie rief Måneskin-Sänger Damiano David bei der Übergabe der Siegestrophäe so schön aus: "Rock ´n´ Roll never dies!" Das gilt auch für den ESC, wie die niederländischen Gastgeber eindrucksvoll bewiesen haben.


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