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Deutschland vorletzter ESC-Debakel: Ein Anruf bei Stefan Raab ist überfällig

Der deutsche Kandidat Jendrik beim Eurovision Song Contest in Rotterdam
Der deutsche Kandidat Jendrik beim Eurovision Song Contest in Rotterdam
© Heikki Saukkomaa/ / Picture Alliance
Drei Punkte, Deutschland wird Vorletzter. Das ist das Ergebnis von Jendrik Sigwart beim ESC in Rotterdam. Für den NDR wird es Zeit zu handeln.

Dieses Ergebnis war nur mit viel Alkohol zu ertragen: Im ARD-Interview mit Barbara Schöneberger nach dem Finale des Eurovision Song Contest entschuldigte sich Jendrik Sigwart dafür, dass er lallte. Mit Sprachstörungen stand er live Rede und Antwort. Immerhin.

Der deutsche Teilnehmer des ESC 2021 erreichte im Finale in Rotterdam mit seinem Song "I don't feel Hate" nur den vorletzten Platz. Das Publikum versagte dem Hamburger jegliche Punkte (Null), nur die Jurys aus Österreich (2 Punkte, Danke!) und Rumänien (ein Punkt) hatten Mitleid und verhinderten mit insgesamt mageren drei Punkten den letzten Platz, der ans Vereinigte Königreich ging (Doppelnull). Ein Debakel. Vor allem für den NDR.

Mit viel Aufwand hatte der für den ESC verantwortliche Sender den Kandidaten in einem internen Verfahren ausgewählt. Eine Jury aus 100 sogenannten ESC-Experten und 20 internationalen Sachverständigen hatte Sigwart aus hunderten von Interpreten ausgesucht. Mehrere Songwritingcamps - auch im Ausland - wurden veranstaltet. "Da werden bestimmt noch einige Songs zu Hits werden", hieß es. Fehlanzeige. Das Ergebnis kennen wir.

Deutschland braucht ESC-Neuanfang

Sigwarts vorletzter Platz reiht sich ein in eine Reihe von niederschmetternden Ergebnissen der vergangenen Jahre. Einzig Michael Schulte, der in Lissabon Vierter wurde, ragt positiv heraus. Im Auswahlverfahren des NDR, das in den vergangenen Jahren mehrfach überarbeitet wurde, kann er aber bestenfalls als Glücksgriff gelten. Die meisten Zuschauer dürften Namen wie Sisters, Jamie-Lee, Levina oder Ann Sophie längst verdrängt haben. Zu Recht.

"Kein Stein bleibt auf dem anderen", hatte der Hamburger Sender mehrfach versprochen, wenn's mal wieder nicht lief. 2021 ist es erneut soweit. Deutschland braucht einen Neuanfang beim ESC. Entweder gibt der NDR seine Verantwortung dafür an einen anderen Sender ab. Oder es wird endlich nach einer Person gesucht, die Deutschlands Mister Eurovision wird.

"Die Zuschauer haben das so entschieden" oder "die interne Jury hat das so entschieden" – das waren die Sätze, die bislang vom NDR zu den miserablen Ergebnissen zu hören waren. Doch wer nur die Wahl aus semiguten Songs hat, kann eben nur daraus auswählen. "Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß", sagte einst Andi Brehme. Es braucht wie beim Fußball einen Verantwortlichen mit Kontakten in die Musikbranche, der gute Interpreten verpflichtet und im Zweifel seinen Kopf für ein miserables Abschneiden hinhält.

Stefan Raab wäre so einer. Er stünde nicht zwingend für einen Aufbruch. Sein "Free European Song Contest" war mit Alt-Herren-Witzen behaftet. Und trotzdem: Der Erfolg (Guildo Horn, er selbst, Max Mutzke, Lena) gibt ihm Recht. Er könnte ESC-Beauftragter des NDR werden. Nach dem Aus für seine Show "Täglich frisch geröstet", die er produzierte, hätte er wohl genug Zeit. Sein Adressbuch ist prall gefüllt. Seine Leidenschaft für den ESC hat er bereits unter Beweis gestellt.

Deutschland braucht einen ESC-Retter. Der Anruf aus Lokstedt bei Raab ist überfällig. Sonst heißt es auch die nächsten Jahre: "Sorry Germany, zero points."


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