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Eurovision Song Contest: Warum nur Platz 15?

Der Grand Prix ist tot, es lebe das große Spektakel: Die Hardrocker von "Lordi" lehrten alle das Gruseln. Deutschland scheiterte trotz eines guten Beitrags. Was heißt das für 2007?

Von Kathrin Buchner

Der Trend hat sich zur dauerhaften Institution entwickelt. Ohne Show geht nichts mehr beim Eurovision Song Contest. So simpel ist das. Nur wer mit einem außerirdischen Auftritt wie den der finnischen Klingonen-Band Lordi brilliert, kann gewinnen. Und eigentlich hätte man es wissen müssen. Als nämlich Moderator Thomas Herrmanns und sein Assistent, "Lindenstraßen"-Fernseharzt Georg Uecker, in der traditionellen Eurovisions-Party des NDR beim Schwelgen in Grand-Prix-Nostalgie abrupt von der Realität eingeholt wurden: Bei der Abstimmung über die besten Grand-Prix-Hits aller Zeiten landeten nicht Perlen wie "Waterloo" von Abba, Evergreens wie "Johnny Blue" von Lena Valaitis oder Deutschlands Beitrag zum Weltfrieden von Nicole an der Spitze, sondern Ruslana machte das Rennen, Gewinnerin von 2004. Diese bombastisches Ethno-loderne-Flammen-Fesselbänder-Spektakel steht selbst in der Gunst der deutschen Zuschauer an allererster Stelle sämtlicher Beiträge aus mehr als einem halben Jahrhundert Song-Contest-Geschichte.

Trotzdem haben alle in Deutschland ganz naiv an den Sieg der Musik an sich geglaubt. Haben die gesanglichen Qualitäten von Jane Camerford gepriesen - Vorschußlorbeeren, die sie mit einem perfekten Auftritt in Athen lässig bestätigte -, haben die eingängige Melodie gerühmt, haben "No No Never" an die Spitze der Charts gekauft, ja, haben extra völlig neue Regeln für den Vorentscheid geschaffen. Nicht die Zuschauer durften abstimmen lassen, sondern Fachleute plädierten für fundierten Musikverstand. Hat alles nichts genützt. Abgeschlagen auf dem 15. Platz landeten Dittsche und seine Formation Texas Lightning.

Knorkator reanimieren?

Im Nachhinein ist man immer schlauer. Vielleicht hätte man im Vorhinein das Votum der Zuschauer nicht ignorieren sollen? Knorkator reaniminieren? Auf die gute Nase von Stefan Raab setzen? Der allerdings erlag selbst der Illusion, mit guter Musik allein könne man etwas reißen. Nachdem er mit seinem glamourösen Spaßauftritt mit "Wadde hadde du de da?" 2000 in Stockholm immerhin einen 7. Platz schaffte, kam er mit dem musikalisch wesentlich besseren Auftritt von Max Mutzke nur noch auf den (immerhin!) achten Platz.

In weißen Westen und mit Windmaschinen untergehen

Vielen anderen Nationen erging es nicht besser als uns: Pompöse Trommelspektakel schienen dieses Jahr out, stattdessen setzen viele auf weiße Westen und Windmaschinen. Und verloren. Zu viel heiße Luft. Kaum einer der Zuschauer interessierte sich für den Israeli Eddie Butler, die elfengleiche Norwegerin Christine Gulbrandsen in frisch gestärkten Wäschekleidchen, die kokette Ukrainin Tina Karol in weißem Babydoll, geschweige denn für die französische Frisöse Virginie Pouchain, die in jungfräulichem Kleid ihre europäische Premiere allerdings gesanglich komplett versiebte.

Masken aufsetzen statt Hüllen fallen lassen

Selbst mit einem sexy Auftritt lässt sich ein Song nicht mehr verkaufen: Dass in dem Beitrag "Bloody Mary" bei den zwar optisch ansprechenden Mädels sowohl Salz, Pfeffer und der Spritzer Tabasco fehlten, ist unbestritten. Genauso wird ein Song nicht besser, nur weil die Interpretin sich die Lippen zu Schlauchbooten aufspritzen, Sexvideos von sich selbst im Internet kursieren und am Ende des Songs auch noch die Hüllen fallen lässt. Aber dass selbst Sängerinnen, die sowohl gesanglich als auch optisch überzeugten wie die Griechin Anna Vissi und die Schwedin Carola, es nicht an die Spitze schaffen, ist doch wohl nicht ernsthaft darauf zurück zu führen, dass es ihnen an Show fehlte? Vielleicht hätten sie doch noch ein paar Trommeln, Bänder- und Fesselspielchen und Feuerspucker einbauen sollen. Damit hat schließlich auch der armenische Debütant Andre erstaunlich viele Punkte einfahren können.

Westernoutfit und Pferd auf der Showbühne

In Zeiten audiovisueller Reizüberflutung ist eben erfolgreich, wer sich geheimnisvoll verhüllt und dem Publikum das Fürchten lehrt. So stand der Schock auch Thomas Hermanns ins Gesicht geschrieben - zumindest hinter der Kamera. Wieder auf Sendung, machte er gute Miene zum bösen Spiel: verkündete das deutsche Ergebnis - 12 Punkte für die Türkei, 10 Punkte für Finnland - mit gewohntem Schalk in der Stimme. Und hielt sich tapfer, in Westernoutfit gestylt, am Pferdegeschirr fest. Den man hatte den deutschen Triumph fest eingeplant und als Überraschungsgag ein echtes Pferd in den Delphi Showpalast, diesjähriger Veranstaltungsort der NDR-Grand-Prix-Party, gebracht. Klassischer Fall von Überperformance? Vielleicht hätte lieber Texas Lightning dieses Pferd auf die Athener Bühne mit genommen.

Der Siegel mit der Maske

Nach dem schockierenden Ergebnis war im Hamburger Showpalast auf jeden Fall die Luft raus. Die Cowboyhut-Fraktion war sichtlich geknickt, ein paar Lordi-Fans bangten wild mit dem Kopf bei der Wiederholung der Alice Cooper-meets-Kiss-Reunion-Nummer. Im Land der Trolle und Kobolde hat man eben einen Spleen für gruselige Gestalten und metallischen Sound. Diese Authentizität nimmt man den Finnen in ganz Europa ab. Die Gastgeber-Crew nahm‘s immerhin mit Humor: „Die Orks haben gewonnen“, sagte Thomas Herrmanns, und „böse Zungen behaupten Ralph Siegel stecke hinter der Maske“. Georg Uecker tröstete sich damit, dass der Song von Lordi ja eingängig sei und gut abgehen würde, und was für eine Leistung es sei, drei Stunden in der Maske zu sitzen und den Abend schwitzend zu überstehen.

Bayern-Punk mit Lederhosen und Dirndl

Sei’s drum - gewonnen haben die, die am lautesten trommelten. Das nächste Mal müssen wir eben doch wieder das Publikum entscheiden lassen. Und auf kulturelle Eigenheiten setzen. Warum treten wir nächstes Jahr nicht mit einer von Stefan Raab geschriebenen Rap-Nummer für bayerische Naturburschen in Lederhosen auf, die auf der Bühne „schuahplatteln“? Und dazu ein paar fesche Madeln im Dirndl mit ordentlich Holz vor der Hütt’n, das nimmt uns jeder ab - weil Oktoberfest und so. Schon haben wir den Eurovision Song Contest wieder im eigenen Land. The show must go on!