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Presseschau zum ESC-Sieg von Conchita Wurst: Europa überrascht von eigener Toleranz

Österreich gewinnt den ESC, und die deutsche Presse jubelt: Der Sieg der bärtigen Dragqueen Conchita Wurst sei viel mehr als nur ein musikalischer Triumph. Eine Presseschau.

Deutschlands Zeitungen liegen einer österreichischen Dragqueen zu Füßen: Mit "Merci, Chérie" verneigt sich auch stern.de-Redakteur Jens Maier vor Conchita Wurst: "Die Siegerin - und das ist das Neue und Einzigartige an diesem Triumph - hat nicht für ein Land gewonnen. Conchita Wurst siegt für eine Botschaft: von Akzeptanz, Toleranz und Menschenrechten." Eine Sensation sei es, dass "eine Frau mit Bart" gewonnen habe - gerade nicht wegen ihrer Rolle als "schräger Vogel", sondern wegen ihrer einwandfreien Stimme und einer grandiosen Inszenierung.

"Sueddeutsche.de"

Hans Hoff von "Sueddeutsche.de" nennt den Sieg der österreichischen Dragqueen einen "Triumph von Herz, Humor und Toleranz". Für den Wettbewerb bedeute er geradezu "eine Bedeutungsexplosion". Die "sonst gerne so seelenlose Abfolge von durchprogrammierten Retortenhits" sei so zu einer bedeutsamen Sache geworden. Conchita Wurst habe "zwölf Punkte aus Gegenden bekommen, von denen man bisher annahm, dass man dort das Wort Toleranz nicht einmal buchstabieren könnte". Schon träumt Hoff von einer "kontinentale Bewegung für mehr Offenheit". Was Wursts ESC-Sieg für Europa bedeute, werde sich aber erst zeigen "wenn alle Wortwitze über den Namen gemacht sind, wenn jede Frau sich einmal einen Bart angeklebt hat, wenn sogar bärtige Männer sich einen Bart angeklebt haben."

"Spiegel Online"

Arno Frank von "Spiegel Online" nennt es den "Schicksalsabend einer Kaiserin": "Conchita Wurst war sich der symbolischen Qualität ihres Sieges durchaus bewusst." Als Diva mit Vollbart habe der Travestiekünstler Tom Neuwirth die "Spaß- und Wirtschaftsgemeinschaft entlang ihrer unsichtbaren Wertegrenze zwischen Ost und West" gespalten. Die Stimmabgabe sei so zu einem "paneuropäischen Referendum" darüber geworden, was auf diesem Kontinent gesellschaftlich akzeptiert wird - und was nicht. Die Musik, das "übliche Nebeneinander von Augenzwinkern und Pathos, demonstrativer Lebensfreude und großen Gefühlen" sei dagegen in den Hintergrund gerückt - was insbesondere bei den Buh-Rufen im Saal deutlich geworden sei, wenn Punkte für Russland vergeben wurden.

"Frankfurter Allgemeine Zeitung"

Peter-Philipp Schmitt macht sich in der "Faz" Gedanken darüber, woran das schlechte Abschneiden von Elaiza gelegen haben könnte."Für Elaiza war der ESC vielleicht einfach eine Nummer zu groß und vor allem ungewohnt", grübelt der Kommentator. Man habe gemerkt, dass der Band, die sonst eher kleine Clubkonzerte gibt, noch die Erfahrung vor dem großen Publikum fehle. Vor allem hätten sich die drei Künstlerinnen zu sehr auf die Zuschauer in der Halle konzentriert, statt in die Kameras zu blicken. "Der entscheidende Flirt in die heimischen Wohnzimmer fehlte."

"Die Welt"

Unter dem Titel "Goldsinger" spielt Julia Friese von der "Welt" auf die inszenatorische Ähnlichkeit des Eurovision Song Contests zur Welt des Geheimagenten James Bond an und sammelt fleißig Anspielungen: "Für die denkbar beste Umsetzung des Bond-Themas sorgte ein junger Österreicher. Thomas Neuwirth, Deckname Conchita Wurst!. Sein Lied hätte auch hervorragend zum aktuell letzten Bond-Film "Skyfall" gepasst und nennt die Künstlerin "auch optisch eine Amalgamation der Interpreten von 'Skyfall', 'Another Way to Die' und 'You Know My Name'. Conchita Wurst, das sei "Adele, Chris Cornell, Alicia Keys und Jack White in Personalunion".

"Focus Online"

Maximilian Kloes von "Focus Online" ist sich sicher, dass Conchita Wurst dem ESC eine neue Bedeutung einverleibt hat, "die weit über die Unterhaltungsaspekte von Musik hinausgehe". Der Song "Rise Like a Phoenix" sei ein starkes Bekenntnis dazu, Anfeindungen selbstsicher gegenüber zu treten. "Die Botschaft des Liedes: Nach all der Schmach und all dem Ducken kehrt man als stärkere Version seiner selbst zurück." Doch auch musikalisch habe sich einiges getan in dem Wettbewerb: Die "klassischen ESC-Balladen und effekthascherischen Elektropopbretter" seien in der Bedeutungslosigkeit verschwunden zwischen "Pop mit Pfiff, Country mit Herz, Rock zum Fußwippen und Folk mit Tiefgang". Das schlechte Abschneiden für Elaiza sollte uns trotzdem nicht die Augen vor der Tatsache verschließen lassen, dass man "mit Talent und Authentizität weiter komme als mit Angepasstheit".

"Zeit Online"

"Europa ist Wurst" titelt "Zeit Online" und freut sich sehr darüber. "Europa wählt eine Symbolfigur der Toleranz", bilanziert Autorin Rabea Weihser. "Der Weg dorthin war heute bisweilen unangenehm, aber das Ergebnis doch zumindest erfreulich."

Zusammengestellt von Jens Wiesner