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Falco: Auf der Flucht vor der Banalität

In den 80ern gelangte der Wiener Falco mit Songs wie "Rock me Amadeus" zu Weltruhm. 75 Goldene Schallplatten, rund 40 Millionen verkaufte Alben, ein Leben mit Drogen und Exzessen. Falcos Traum vom Popstar aber war zerbrochen, noch bevor er vor zehn Jahren tragisch verunglückte.

Von Marco Lauer, Wien

Auf einmal ist er wieder da. Aufgetaucht aus der Versenkung. Es war still geworden um ihn, obwohl er mal ein Großer war, der größte Popstar, den Österreich je hatte. Sechzig Millionen verkaufte Platten und der Einzige, der je mit einem deutschsprachigen Lied an die Spitze der amerikanischen Charts kam. Aber Erfolg ist ein Stück Seife, kaum festzuhalten, auch nicht von ihm. 1998 ist er zurück in den Schlagzeilen, zwölf Jahre nach seinem Welthit. Doch die Meldung, die von ihm an jenem 6. Februar durch die Medien geht, ist keine gute: Falco ist tot.

Er starb in der Dominikanischen Republik, in die er sich zwei Jahre zuvor zurückgezogen hatte, um vor der negativen Presse in Österreich zu fliehen und Ruhe zu haben für ein neues Album, das ihm endlich zurückhelfen soll zu alten Höhen. Oder vielleicht auch nur vor der Stille, die dort um ihn entstanden war. Als er rückwärts mit seinem Mitsubishi-Jeep vom Parkplatz der "Turist Disco" in Monte Llano fährt, rammt ihn ein Autobus. Die Obduktion ergab, mutmaßlich, 1,5 Promille Alkohol im Blut und Spuren von Kokain. Ansonsten aber: ein ganz normaler Unfall. Kein großer Abgang. Ausgerechnet für ihn, dem Zeit seines Lebens nichts mehr verhasst war als Normalität.

Aber immerhin erinnern sich viele plötzlich wieder: stimmt, Falco. Rock me Amadeus, Jeanny, Der Kommissar. Noch dazu gelingt ihm postum, was ihm längst schon nicht mehr gelungen war: ein Hit. Die Single "Out of the dark", zwei Jahre vor seinem Tod geschrieben und zurückgehalten wegen mangelnder Erfolgsaussichten, schießt nach oben in den deutschen und österreichischen Charts. Vor allem des Textes wegen, der Gerüchte aufkommen ließ: Kein Weg zurück. Das weiße Licht rückt näher Stück für Stück. Will mich ergeben. Muss ich denn sterben, um zu leben?

Der Traum vom Leben als "Popstoar"

Wien, 1971, Falco ist noch Hans Hölzel und 14 Jahre alt. Als er von seiner Lehrerin gefragt wird, ob er schon Vorstellungen habe von seiner beruflichen Zukunft, antwortet er: "Popstoar!" Es platzt förmlich aus ihm heraus, als ob er schon lange auf diese Frage gewartet hätte und seine Ambitionen nun endlich auch einem Publikum mitteilen kann. Auch wenn das vorerst nur aus der achten Klasse des Rainer-Gymnasiums besteht. Ganz in der Nähe, auch im kleinbürgerlichen fünften Wiener Bezirk, liegt die Wohnung der Hölzels, Ziegelofengasse 37. Dreißig Jahre später wird an deren Hauswand eine graue Gedenktafel auf den großen Sohn der Stadt hinweisen. 1971 ist das noch Traum.

Trotzdem glaubt Hans schon damals, dass für ihn mehr bereit steht als ein Schulabschluss, vielleicht ein Studium, danach ein Job für vierzig Jahre, konstant, ohne Hoch, ohne Tief. Und am Ende namenlos ins Gras beißen. Das Leben muss mehr hergeben für ihn. Vielleicht nimmt er es auch deshalb an, weil er zu Hause abgöttisch geliebt wird, und seine Mutter mit der Großmutter um die Zuneigung des Jungen buhlt. Um diesen Kerl mit den dunklen, eindringlichen Augen und dem schwarzen Haar. Es ist schon bei Hans Hölzel zu erkennen, was sein Biograf Peter Lanz "Falcos lebenslangen Widerstand gegen die Banalität" nennt.

Deshalb wohl war auch sein Wunsch so groß, berühmt zu werden. Bloß nicht zu versinken in der Masse. Aber der frühreife Junge setzt sich damit auch schon früh dem Druck aus, dass er seinen Ansprüchen nur gerecht werden kann, wenn er genau das schafft. Er will es mit der Musik schaffen. Klavier spielte er von Kindheit an (seine Lehrerin attestierte ihm ein absolutes Gehör), singen konnte er gut, und mit 14 beginnt er, Bassgitarre zu lernen.

Als er drei Jahre später immer noch in der Schule sitzt und also noch immer keine Bühne hat für sich und sein Talent, überkommt ihn das Gefühl, dass ihm die Zeit davonrennt. Er droht den Absprung aus der gefürchteten Bürgerlichkeit zu verpassen. Noch vor dem Abitur bricht er die Schule ab und beginnt seine Karriere, auch wenn der erste Schritt gemäßigt anmutet: Er geht auf das Wiener Konservatorium, um an seinem Spiel am Jazz-Bass zu feilen.

Einer, der ihn kennt seit dieser Zeit, ist Thomas Rabitsch. Er sitzt im schallgedämpften Studio seines Hauses im ruhigen Wien-Ottakring. Auf einer Leinwand vor ihm läuft die DVD, die er als Hommage zu Falcos zehntem Todestag gerade produziert: von Falcos letztem großen Konzert in der Wiener Neustadt, 1994, vor über 10'000 Fans. Rabitsch, 55 Jahre alt, groß, dünn, Zigarette in der Hand, lächelt und nickt mit dem Kopf zum Takt. Das Nicken wirkt wie eine Bestätigung: Es war schon groß mit Falco. Rabitsch stand damals mit auf der Bühne, als Keyboarder in Falcos Band.

Anfangs war es umgekehrt. Zusammen mit seinem Bruder Bernhard betrieb Rabitsch damals Spinning Wheel, eine Kombo, die in Hotels und Wintersportorten populäre Lieder zum Tanzen und Besaufen spielte. Bernhard erzählte seinem Bruder, er habe am Konservatorium einen besonderen Typen kennengelernt.

Ein paar Wochen später steht Hans Hölzel auf der Bühne. Spinning Wheel wird seine Generalprobe. Zum ersten Mal kann er sich vor Publikum präsentieren, seine Wirkung testen. Er wirkt. Und ist sofort das neue Zentrum der Gruppe. Mit eng geschnittenem, weißem Anzug, seinem mysteriösen Blick, der immer alles fixiert und gleichzeitig in unbekannte Ferne gerichtet ist. "Musik war für den Hans von Anfang an auch Inszenierung", sagt Rabitsch.

Hans Hölzel - so heißt kein Star

Spinning Wheel wurde mit ihm immer erfolgreicher. Doch die Gegenwart war selten der Ort, an dem er sich wirklich wohlfühlte. Er wollte weiter. Wollte vor allem etwas eigenes: eigene Musik, eigene Texte. Zunächst aber löst er am Neujahrstag 1977 ein anderes Problem, das er schon seit Längerem mit sich trägt: seinen Namen. Hans Hölzel - so heißt kein Star und damit wird man auch keiner. Beim Neujahrs-Skispringen in Garmisch sieht er im Fernsehen Falko Weißpflog, zu der Zeit der beste Skispringer. Auch an diesem Tag macht er den weitesten Satz. Hans imponiert er. Also: Falko. Und falls er doch mal über Österreich hinaus bekannt werden sollte: Falco. So wäre der neue Name auch für Amerika tauglich. Sein zweites Ich wird geboren. Jenes, das Hans Hölzel fortan in den Hintergrund drängt.

Falco schreibt 1981 an einem Song, den er "Kommissar" nennen und mit dem er endlich auch als Solokünstler bekannt werden möchte. Es ist ein abenteuerlicher Mix aus Hochdeutsch, Wienerisch und Englisch. Ein Rapsong, gesungen von einem Weißen. Etwas ganz anderes, etwas noch nicht Gehörtes, etwas Unerhörtes. Er schickt ihn ein beim nationalen Radiosender Ö3 und bekommt rasch Antwort: ein Kinderlied, sorry.

Er genoss es, ganz oben zu sein

Im "Grandhotel Wien" sitzt Horst Bork bei grünem Tee und Frühstücksei. Bork, ein gemütlicher Mann von Ende 50, managt heute vor allem Popsternchen, die mit guter Stimme wiederkäuen können. "So einen wie ihn gibt es halt nicht an jeder Ecke", sagt Bork in Bezug auf seine heutige Tätigkeit. Von 1979 an war er 15 Jahre lang Manager von Falco, bekam hautnah dessen Höhen- und Sinkflüge mit. Dessen Alkoholexzesse und grenzenlose Überheblichkeit sowie Hans Hölzels Furcht vor Kritik. Die Vergötterung eines Weltstars und das spöttische Mitleid für einen gefallenen Helden. Seinen sehnlichen Wunsch nach Familie und seine Angst vor deren Banalität, die zur Bedrohung für das Schaffen des Künstlers wird. Seinen Anspruch auf absolute Perfektion, das damit verbundene, oft wochenlange Ringen um jede Liedzeile. "Der Hans", sagt Bork, "hat ein Leben geführt, das reicht normalerweise für drei." Auf die Überholspur wechselte Falco so richtig aber erst auf der Fahrt zu Horst Bork nach Hamburg. Auf dem Beifahrersitz seines Käfers liegt das zuvor abgelehnte Demo-Tape des "Kommissars". "Dürfte ich Ihnen mal was Gutes vorspielen?", fragt ihn Falco.

Kein Kinderlied, befindet Bork. Kurze Zeit später schießt der "Kommissar" an die Spitze der österreichischen und deutschen Charts. Jetzt ist Falco endlich ein Popstar. Die beiden produzieren sofort ein ganzes Album, "Einzelhaft". Auch das wird ein Megaseller. Falco beginnt abzuheben. 1982 geht er auf Tour. Solo. Er genießt es, ganz oben zu sein. Zeitungen schreiben über ihn, Fernsehinterviews, er sieht sich überall. "Sein Wohnzimmer war von da an ganz Österreich", sagt Bork. Falco habe ihm damals gesagt, halb im Spaß, halb im Ernst: "Wenn sich jemand in meinen Weg stellt, da zünd I' mir a Zigaretten an und blos' ihn um." Er habe schon auch ein arrogantes Arschloch sein können, sagt Bork und lächelt heute milde darüber.

Aber nachdem er von seiner großen "Kommissar"-Tour zurückgekehrt ist nach Wien, in seine neue Wohnung, wird die monatelange Adrenalinzufuhr gekappt. Seinem Freund Billy Filanowsky, einem reichen Kaufmannssohn und laut Falcos Vertrauten von damals sein einzig wahrer Freund, gesteht er 1983: "Ich hab auf meiner ersten Platte mein ganzes Leben erzählt. Jetzt bin i leer. Absolut leer." Da offenbarte sich zum ersten Mal, wie die restlichen 15 Jahre in Falcos Leben aussehen würden. So, wie er in seinem Lied "America" singt: "Einmal hoch und einmal tief. Einmal g'spritzt, dann wieder klar."

Markus Spiegel, Falcos ehemaliger Plattenboss, ein kleiner, lustiger Mann, der schnell ins Schwitzen gerät, erzählt die Geschichte von dem Tag, die aus Falco, dem Popstar, Falco den Weltstar machte, die Ikone. Am 20. März 1986 ruft er bei Falco an und schreit durch das Telefon: "Hans, du bist eins in Amerika." Sein Hit "Rock me Amadeus" hatte es geschafft, zum ersten und bis heute einzigen Mal als deutschsprachiges Lied auf eins in den USA zu kommen. "Wir saßen alle bei Oswald & Kalb, damals ein angesagtes Lokal ", erzählt Spiegel, noch heute aufgeregt bei dem Gedanken daran, "und warteten auf Hans." Doch als er dann gekommen sei, sei er seltsam ruhig gewesen. Als Spiegel fragte, warum er denn nicht ausflippe vor Freude, sagte er:" Weißt Markus, das kann ich nicht mehr toppen. So wie jetzt werden mich die Leute erst wieder lieben, wenn ich ganz tot bin." Zwar habe er immer eine dramatische Ader besessen, sagt nun Spiegel, aber letztlich sei es dann ja leider doch so gekommen.

Mut zum Untergang

Und tatsächlich wird schon das nächste Jahr kein Falco-Jahr mehr. Eine geplante Europa-Tournee wird abgesagt wegen mangelnden Kartenverkaufs. Auch das nächste Album floppt, und das danach auch. Und das danach. Alle. Er findet nicht mehr den Ton, egal, was er schreibt, egal, unter welchen immensen Druck er sich setzt, immer das Beste zu geben.

In den Medien ist Falco fortan nur noch vertreten, wenn er eine neue Freundin hat oder im Vollrausch in irgendeiner Hotelbar aufgelesen wird. "Zwischenrein aber hatte er immer wieder Phasen", sagt sein Ex-Kollege Thomas Rabitsch, "in denen er nur Wasser trank, Sport trieb und voller Zuversicht an neuen Liedern arbeitete." Und auch Horst Bork sagt: "Hans hatte einfach ein Talent und eine Art, die mich immer wieder glauben machte, dass er noch mal den ganz großen Hit landet." Deswegen habe er ihm auch noch so lange die Treue gehalten, wo er bei anderen Künstlern längst schon abgesprungen wäre.

Und 1992 hat Falco mit "Titanic" noch einmal ein kleines Hoch. Darin zeigt sich vor allem auch seine originelle Sprache. "Die Titanic sinkt in Panik ganz allanig - aber gut. Denn wer sich retten tut, der hat zum Untergang kann Mut." Für ihn kam am Ende jede Rettung zu spät. Die Dominikanische Republik, in die er sich 1996 zurückzog, "um in Ruhe arbeiten zu können", brachte ihm kein Glück. Horst Bork sagt heute: "Ich hatte ihm abgeraten davon. Das war, als ob er ins Exil geht und sich endgültig verabschiedet von der großen Bühne." Er selbst hatte ihm zwei Jahre zuvor aber die Zusammenarbeit aufgekündigt. Und in Wien ließ Falco sich am Ende von zwei auffälligen Leibwächtern beschützen. Um zu vertuschen, wie ein Freund von damals vermutet, dass niemand mehr etwas von ihm wissen wollte.

Aber vielleicht ist es ja doch so, wie er nach seinem Welterfolg vermutete: "So wie jetzt werden mich die Leute erst wieder lieben, wenn ich ganz tot bin."

Auf dem Wiener Zentralfriedhof, Tor 2, Gruppe 40, das Feld für die Ehrengräber der Stadt, liegt an Falcos Grab eine Schleife, auf der steht: "See you Falco, anytime. Forever in love."