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Neues Album der Rockband Fury in the Slaughterhouse geben Comeback nach 13 Jahren: "Wir haben gelernt, alle mal die Fresse zu halten"

Kai und Thorsten Wingenfelder von Fury in the Slaughterhouse
Kai (l.) und Thorsten Wingenfelder von Fury in the Slaughterhouse bei einem Konzert 2020
© Lucas Bäuml / Picture Alliance
Fury in the Slaughterhouse veröffentlichen nach 13 Jahren wieder ein neues Album. Im stern-Interview sprechen Kai und Thorsten Wingenfelder über den neuen Bandfrieden, deutsche Texte und den Corona-Lockdown.

Neue Musik von Fury in the Slaughterhouse: Die Rockband aus Hannover ("Won't Forget These Days", "Time To Wonder") veröffentlicht zum ersten Mal nach 13 Jahren wieder ein neues Album. Eigentlich hatten sich Fury 2008 aufgelöst, zum 30-jährigen Bandjubiläum 2017 kehrte die Band aber auf die Bühne zurück und spielte danach regelmäßig Konzerte.

Nun sind die Rock-Haudegen auch wieder mit neuen Songs zurück. Im Herbst erschien ihre Single "Sometimes", jetzt folgt "Now", das insgesamt 14. Studialbum. Der stern hat mit Sänger Kai Wingenfelder, 61, und seinem Bruder und Bandgitarristen Thorsten Wingenfelder, 55, über die Comeback-Platte, die neue Harmonie in der Band und ihre Sicht auf den Corona-Lockdown.

Neues Album von Fury in the Slaughterhouse: "Wir sind noch die gleichen wie früher"

stern:Die Überraschung ist gelungen – als Sie im vergangenen Herbst ihr Comeback-Album "Now" ankündigten, hatte wohl niemand damit gerechnet. Wie ist es dazu gekommen: Brauchten Sie Geld oder hatten Sie einfach Lust?
Kai Wingenfelder:
Wahrscheinlich beides. (lacht.) Wir wollten eigentlich 2017 nur eine Show spielen, in der Arena in Hannover. Noch am gleichen Abend, an dem wir das angekündigt haben, war die Arena ausverkauft. Da haben wir gemerkt: Irgendwie gibt es Menschen, denen haben wir wohl gefehlt. Wir haben dann immer mehr Konzerte gespielt – und dann wurde uns gesagt: Noch schöner wäre es, wenn ihr auch noch ein Album machen würdet. Und wir haben gesagt: Neeee ...

Es ist dann doch anders gekommen.
Kai Wingenfelder:
Wir haben mit Vincent Sorg einen Produzenten gefunden, mit dem wir ein Album machen und trotzdem Spaß im Studio haben konnten. Der kann genau das, was wir nicht können, und will genau das, was wir können.

Sie haben mal mit Blick auf die Auflösung vor 13 Jahren gesagt, die Band habe sich "musikalisch auseinanderdividiert". Wie haben Sie sich jetzt geeinigt?
Kai Wingenfelder:
Unser Traum war immer, ein Album zu machen, das so energiegeladen ist wie wir es auf der Bühne sind. Das haben wir zum ersten Mal geschafft. 
Thorsten Wingenfelder: Bei uns ist es wie im Swinger-Club: Alles kann, nichts muss. Wir hatten eigentlich überhaupt kein Interesse mehr an diesem Veröffentlichungswahnsinn. Dass es uns noch mal so viel Spaß bringt, ein Album zu machen, das ist schon abgefahren. Wir waren entspannt, lässig, wir hatten nicht mehr diesen Kriegszustand, wie es früher manchmal war.
Kai Wingenfelder: Das Wichtigste war, dass wir es nicht gemacht haben wie früher. Da hat erst der Schlagzeuger mit dem Bassisten die ganzen Tracks zusammen eingespielt, dann konnten die nach Hause gehen und die Gitarren waren dran. Jetzt waren alle die ganze Zeit bei dem Entstehungsprozess anwesend. Ich hab mich gefragt, warum wir das nicht immer so gemacht haben. Manchmal muss man 60 werden, um sowas zu lernen.

Vor dem aktuellen Hintergrund ist es ganz interessant, alte Interviews von Ihnen zu lesen. Da haben Sie beispielsweise erzählt, dass unter dem Musikgeschäft die Freundschaft gelitten hat. Wie ist heute das Binnenverhältnis innerhalb der Band?
Kai Wingenfelder:
Super! Wir haben uns seit vier Jahren nicht mehr gestritten, das gab es in der gesamten Bandkarriere noch nie. Mittlerweile haben wir eine Art gefunden, miteinander umzugehen, die sehr respektvoll und liebevoll ist. Wir haben alle viel übereinander gelernt – und vor allem haben wir auch gelernt, alle mal die Fresse zu halten und einfach dem anderen zuzuhören. Meine Band ist eigentlich meine zweite Familie. Wir wissen, was wir uns wert sind, und wir wissen auch, was wir zusammen erlebt haben. Und dass das etwas ist, dass nicht jeder erleben darf.

Sie haben auch darüber gesprochen, dass Sie sich mit den Mechanismen des Musikgeschäfts nicht anfreunden konnten – dass Bands für Plattenfirmen nur ein Produkt seien. Haben Sie damit jetzt Ihren Frieden gemacht?
Thorsten Wingenfelder:
Natürlich ist man ein Produkt, wir machen ja keine Kassetten für Freunde. Das ist uns schon immer klar gewesen. Die Plattenfirmen oder dieses Business zu bashen, das lohnt sich nicht. Wir haben ja schon angefangen, Musik zu machen, da gab es noch gar keine CD. Es ist etwas anstrengend, sich mit neuen Gegebenheiten arrangieren zu müssen – aber es hält ja auch jung.

Sind Sie denn selbst bei Spotify und Youtube unterwegs oder hören Sie noch auf die ganz traditionelle Art und Weise Musik?
Kai Wingenfelder:
Der große Vorteil ist: Wir haben beide Kinder! Und die bringen dir Sachen bei ... Es gibt schon spannende Sachen, alles was so mit neuem deutschen HipHop zu tun hat.
Thorsten Wingenfelder: Er hat Glück, er hört wenigstens deutschen HipHop. Ich muss mich mit dänischem HipHop herumschlagen. Und ich verstehe kein Wort. Vielleicht hätte ich doch erst Dänisch lernen sollen, bevor ich meine Kinder auf dänische Schulen schicke.
Kai Wingenfelder: Ich habe einen Spotify-Account und freue mich, wenn Spotify mir Dinge vorschlägt, die ich noch nicht kannte. Aber ich höre auch total gerne Schallplatten auf meinem alten Plattenspieler. Das ist total gut.

Dass Sie immer noch eine riesige Fanbasis haben, hat sich während der Konzerte, die Sie in den vergangenen Jahren wieder gespielt haben, gezeigt. Bekommen diese Fans mit dem Album die alten Fury oder etwas Neues?
Kai Wingenfelder:
Wer uns in den vergangenen Jahren gesehen hat, weiß ja, dass wir nicht mit Krücken und Rollstühlen auf die Bühne kommen. Wir sind noch die gleichen wie früher und kriegen das auch noch ganz gut hin.
Thorsten Wingenfelder: Da sitzen sechs Rennpferde und scharren mit den Hufen und warten darauf, dass die Könige der Pandemie sie mal wieder auf die Bühne lassen. Oder dass das Virus sich verpisst und wir wieder auf die Bühne können. Und dann gnade euch Gott!

Das ist mal eine Ansage. Gibt es trotzdem eine gewisse Unsicherheit – oder anders gesagt: Fragen Sie sich manchmal, ob die Welt wirklich noch ein Fury-Album braucht?
Thorsten Wingenfelder:
Die Frage stellt sich eigentlich nicht. Die Frage ist eher, ist ein neues Fury-Album für Kai oder mich relevant. Und das war es irgendwie. Ich glaube, dass Deutschland eine gute Rockband braucht, dass wir unsere Fans brauchen und die uns auch brauchen.

In der Zwischenzeit haben Sie als Brüder-Duo mit dem Projekt "Wingenfelder" deutschsprachige Musik gemacht – ganz im Gegensatz zu Fury, wo seit jeher Englisch gesungen wird. Wo liegt der Unterschied?
Kai Wingenfelder:
Der Unterschied ist, dass Deutsch unsere Muttersprache ist. Das ist nicht so wichtig für uns, aber umso mehr für das Publikum. Zum Beispiel unser Stück "Angst vor der Angst" –da kommen Leute zu dir und bedanken sich, oder sagen: "Ich bin Therapeutin, darf ich das für meine Patienten benutzen?" Du bekommst total direkte Resonanz. Bei englischen Songs verstehen vielleicht fünf Prozent den ganzen Text.
Thorsten Wingenfelder: Manchmal braucht es nur eine Zeile. Bei "Won't Forget These Days" ist es nur diese Zeile, die den Song zum Abi-Song 2013 in Osnabrück macht. Im Deutschen lassen sich manche Leute sogar ganze Texte tätowieren. Das gibt dir eine unglaubliche Form von Feedback und Befriedigung.

Es ist eine kleine Ironie des Schicksals: Sie haben mit Fury in the Slaughterhouse jahrelang ohne neue Musik Konzerte gespielt – und jetzt können Sie mit dem neuem Album nicht auftreten.
Thorsten Wingenfelder:
Wir haben einige Corona-konforme Shows in den Verkauf gegeben, aber ob die alle stattfinden ... Wir sind auch keine Glaskugelleser. In diesem Jahr werden wir wohl mit Strandkorb, Sicherheitsabstand, Corona-Tests kleinere Shows spielen.
Kai Wingenfelder: Wir gehören zu den Menschen, die versuchen, eine Lösung zu finden statt nur rumzujammern. Ich kann als Aluhutfreund auf die Straße gehen – große Fresse und nichts dahinter. Das nützt aber niemandem etwas, damit bringe ich nur andere Leute in Gefahr. Also schaue ich, wie ich es anders mache.

Es muss ja nicht gleich der Aluhut sein. Immer wieder äußern Musiker öffentlich ihren Missmut über das Corona-Management und den Kultur-Lockdown. Wie schauen Sie auf die Situation?
Kai Wingenfelder:
Wir gehören zu einer kleinen Gruppe von Musikern, die momentan weniger stark leiden. Aber die größte Gruppe sind die Leute, die das ganze Geschäft am Laufen halten: die Jungs, die aufgebaut haben, die Backliner, die kleinen Kapellen, die Einzelkünstler. Von denen müssen einige jetzt bei VW Golfs zusammenschrauben, die werden durch den Bürokratie-Wahnsinn ausgebremst. Die deutsche Kulturindustrie taucht in den Nachrichten gar nicht auf. Da hört man immer nur Restaurants, Banken, Tui oder Autoindustrie. Wenn man dann hört, dass die Autoindustrie Milliarden an Boni auszahlt und gleichzeitig Staatshilfe bekommt – dann sind das Dinge, die für den normalen, gerade denkenden Menschen sehr schlecht zusammenpassen.


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