Götz Alsmann "Zu schämen brauche ich mich für gar nichts"


Im Fernsehen moderiert er "Zimmer frei", auf seinem neuen Album interpretiert er Songs aus den 20er bis 60er Jahren: Im stern.de-Interview spricht Götz Alsmann über Swing und Jazz, den großen Hans-Joachim Kulenkampff, den kleinen Gregor Gysi - und seinen 50. Geburtstag

Herr Alsmann, Sie haben Ihr neues Album "Mein Geheimnis" als erster deutschsprachiger Künstler beim renommierten Jazzlabel Blue Note veröffentlicht. Sind Sie stolz?

Was Besseres kann es ja nicht geben, das ist fast ein Adelsprädikat. Früher hätte man sich nicht vorstellen können, deutschsprachige Musik auf Blue Note zu veröffentlichen. Es entspricht aber durchaus der heutigen Auffassung von Jazzmusik, deshalb passt die Zusammenarbeit auch sehr gut.

Auf dem Album interpretieren Sie Songs aus den 20er bis 60er Jahren. Haben diese Kompositionen eine besondere Magie für Sie?

Ich denke schon. Das war ja eine Komponistengeneration, die mit einem ungeheuren großen musikalischen Haushalt daher kam. Mit einem Bein standen diese Künstler in der Operettentradition, mit dem anderen in der Swingmusik. Ein erheblicher Spagat, den sie mit Hilfe von fantastischen Textern aus dem Kabarett grandios gemeistert haben.

Swing und Jazz ist dank Künstlern wie Roger Cicero gerade ziemlich populär. Eine temporäre Mode, oder wird sich der Trend festigen?

Es kommt darauf an, wie ernst die beteiligten Künstler das nehmen. Ob Sie Jazz nur als eine Phase ihrer Karriere betrachten, oder ob Sie das für ihre Karriere halten. Die Frage ist auch, wie sehr sich Jazz im Erwachsenen-Entertainment etabliert hat. Auf der Schlagerseite gibt es Udo Jürgens - auf der Chansonseite Reinhard Mey. Das war es. Und dann gibt es nur noch Rockmusik für alterslose Jugendliche bis 60.

Sie haben selber mal mit jüngeren Bands musiziert...

Ich habe mal in einer Woche Aufnahmen mit den Ärzten und Reinhard Mey gemacht. Und es gibt immer wieder mal Anfragen für irgendwelche Tribut-Alben. Aber häufig muss man aus Zeitnot absagen - oder weil einem wirklich nichts zum gewünschten Thema einfällt.

Mit den Barock-Rockern von In Extremo haben Sie ebenfalls kollaboriert. Wie kam es zu diesem Zusammenprall der Stile?

Ich kenne den Sänger Micha schon seit einiger Zeit über eine gemeinsame Freundin. Als er mich fragte, ob ich mir eine Zusammenarbeit vorstellen könnte, war das für mich eine Herausforderung. Das war schon extrem abseitig, aber das Lied "Singapur" gefiel mir.

Wie kommen Sie eigentlich in der modernen Welt zurecht? Wir haben gehört, Sie verweigern sich der Kommunikation per E-Mail?

Nee, das hat sich vor etwa einem Jahr geändert. Ich hatte vorher immer das Gefühl, so ein Sonderling zu werden, wie früher die Leute, die keinen Fernseher im Haus hatten.

Ihr Sohn und Sie besitzen einen Segelschein. Wo bitte schippert Herr Alsmann in Münster herum?

Auf dem Aasee. Ich bin kein großer Skipper - nicht, dass Sie mich beim nächsten America's Cup suchen. Wir leihen uns ein Boot, fahren heraus, gucken uns den Himmel an und quatschen ein wenig. Mein Sohn und ich sind nicht sportlich, und für unsportliche Männer ist diese Art zu segeln eine schöne Abwechslung.

Also fehlt Ihnen die Passion fürs Segeln, die der große Moderator Hans-Joachim Kulenkampff besaß?

Ich wünsche mir das für spätere Jahre.

Man sagt Kulenkampff nach, er sei stets unvorbereitet in seine Shows gegangen. Wie ist das bei Götz Alsmann?

Sie kennen vielleicht den alten Spruch der Kabarettisten: Um was aus dem Ärmel zu schütteln, muss man vorher etwas hineingetan haben. Kulenkampff konnte Jahrzehnte lang Erfahrungen sammeln. Er war Schauspieler, Moderator und wusste wie man vor der Kamera Frauen anbaggert - ohne dabei in so einen Altherren-Stammtisch-Humor zu verfallen. Er hatte als erster die Funktion und Macht des Fernsehens begriffen - übrigens zusammen mit Paul Kuhn. Ich profitiere bei meinen Moderationen ebenfalls von meinen Erfahrungen auf der Bühne.

Wie definieren Sie heute gutes Fernsehen?

Fernsehen wird von Künstlern gemacht, die ihr Handwerk zum Zwecke der Unterhaltung oder Weiterbildung vorteilhaft einsetzen sollten. Wenn aber jemand die ganze Zeit ein Miederhöschen in die Kamera hält und schreit "Ruf mich jetzt an, Du kannst drei Geldkoffer gewinnen!" - das ist dann Unfug für Leute mit zu viel Tagesfreizeit.

Wurde Ihnen schon einmal eine große TV-Show angeboten, die Sie abgelehnt haben?

Ja, ich sage Ihnen aber nicht welche. Es gab irrwitzige Angebote und ich wäre noch irrwitziger gewesen, wenn ich diese angenommen hätte. Teilweise flattern mir Konzepte ins Haus, bei denen ich nur mit dem Kopf schütteln kann und denke: Wie ist jemand auf die Idee gekommen, das ausgerechnet ich so etwas mache?

Gibt es etwas, für das Sie sich geschämt haben?

Zu schämen brauche ich mich für gar nichts - ich bin ja noch nicht bei 9Live gelandet. Sicherlich gab es mal verunglückte Sendungen, aber die pflastern jeden Weg eines Moderators.

Wie viel Zeit verbringen Sie vor dem Fernseher?

Zu wenig. Ich liebe das Fernsehen, habe aber leider zu wenig Zeit, weil ich meistens auf der Bühne stehe.

Haben Sie eine Lieblingssendung?

"Stromberg" mag ich sehr gerne, bin ein Fan von Bastian Pastewka und liebe Monk. Leider laufen die wirklichen guten Filme aus den 40er Jahren zu unmöglichen Zeiten. Es scheint für Programmplaner wichtiger zu sein, irgendwelche bescheuerten Doku-Soaps über Friseursalons zu zeigen.

Was bei Ihnen angenehm auffällt, ist, dass Sie nicht bei jeder Promisause in die Kamera grinsen. Wie hält man das durch?

Ich bin nur einmal zu einer Show von Oliver Geissen mit dem Thema "Sommerhits" eingeladen worden. Dort sollte ich auf der Ukulele spielen und später mit Oliver über das Phänomen des Sommerschlagers diskutieren. Was man mir verschwiegen hatte, waren die Gäste, mit denen ich später auf der Couch sitzen sollte. Nach 20 Minuten wurde ich zwischen diesen Leuten immer unglücklicher - und man hat mich aus der Sendung entfernt. Das war das erste und letzte Mal, dass ich bei so einer Sendung war.

In Ihre Sendung "Zimmer frei" verirren sich relativ wenig Politiker. Woran liegt es?

Wir haben schon einige Politiker in unserer Sendung begrüßen dürfen. Die Tatsache, dass sich so wenig Leute daran erinnern können, zeigt, wie wenig beeindruckend die meisten dieser Darsteller waren. Am besten waren die Sendungen mit Regine Hildebrand und Claudia Roth. Ganz schrecklich lief die Sendung mit Gregor Gysi. Damals wollte er Regierender Bürgermeister von Berlin werden und hat sich ausgerechnet unsere Sendung ausgesucht, um das Image des Polit-Clowns abzulegen. Gysi saß da wie ferngesteuert - das war wirklich ein Trauerspiel. Toll waren aber auch Wowereit und Frau Künast.

Was regt Sie im Alltag am meisten auf?

Unpünktlichkeit, Dilettantismus und Dummheit.

Sie werden im Juli 50 Jahre alt. Ist das ein Wendepunkt im Leben?

Nein. Man sagte früher, die Zeit zwischen 40 und 60 seien die Besten Jahre des Mannes. Damit meinte man einen erwachsenen Menschen, der ein erwachsenes Leben lebte. Das war die Zeit, als die Welt noch nicht voller Berufsjugendlicher war.

Wohin würden Sie mit Frau Westermann, Ihrer Co-Moderatorin von "Zimmer frei", in den Pauschalurlaubreisen reisen?

Vermutlich nirgendwohin. Frau Westermann bevorzugt exotische Gefilde. Ich dagegen fahre gerne an die Nordsee.

Interview: Thomas Soltau


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