HOME

Hurricane Festival 2007: Mit dem Schlauchboot übers Festival

Musik als Kunstperformance: Sonic Youth verzerrten ihre Gitarren bis es wieder regnete, Marilyn Manson schrie "Motherfucker" und ließ Sterne vom Himmel purzeln, und Deichkind schwammen mit einem Schlauchboot über die Fans. Das Festival-Wochenende in Scheeßel.

Von Kathrin Buchner

Immer wieder gibt es die Minuten, in denen man sich als Musikfans fragt: Warum tue ich mir das eigentlich alles an? Wenn nach stundenlangem Stehen die Füße schmerzen, die Ordner einen mit sanftem Druck auffordern, aufzustehen, das Wasser eimerweise runtertropft und selbst die Nordsee-Segeltörn-erprobte Regenjacke ihre Dichthaltefähigkeit aufgibt - in diesen Momenten hat man Visionen von weichen Sofas und heißem Tee vor dem Kamin. Doch dann kommt wieder eine Band auf die Bühne, die ihre Gitarren aufheulen lässt, deren Beat einem in die morsch-geregneten Knochen fährt, deren Energie sich sofort auf einen selbst und alle um einen herum überträgt. Die Masse hüpft und man hüpft mit.

Gemeinsam mit 60.000 Fans feierte man am Wochenende beim Hurricane-Festival in Scheeßel ab. Die Tage verliefen ohne Zwischenfälle - wenn man absieht von ein paar Schlägereien, kleineren Unfällen und dem Verlust eines Bollerwagens, den ein 13-Jähriger an Besucher verliehen hatte und nicht wiederbekam. Die Polizei ermittelt wegen Unterschlagung.

Rote Karte für Krawallmacher

63 Bands auf zwei Bühnen und einem Zelt - beim elften Hurricane-Festival stand man deutlich seltener im Gedrängel: Die Veranstalter hatten das Gelände erweitert. Doch bei den großen Acts wie Beastie Boys, Marilyn Manson oder Placebo stand man trotzdem in der Schlange vor den Wellenbrechern der Hauptbühne, um einen Platz ganz vorne zu bekommen. Die Sicherheitskräfte besänftigten uns per Megaphon, doch nicht zu viel Druck auszuüben. Bei Incubus am Samstagabend halfen beschwichtigende Worte allerdings nicht mehr: Damit die ganz vorne Stehenden mehr Luft bekommen, machten die Ordner die Gitter auf. Besonders Vorwitzige versuchten, durchzuschlüpfen, wurden aber von den Sicherheitskräften abgeführt. Seit letztem Jahr gibt es gelbe Bändchen für Krawallmacher, um das sogenannte "Krautsurfen" - sich auf den Händen der Festivalbesucher nach vorne tragen lassen - zu unterbinden. Wer noch mal negativ auffällt, bekommt dann ein rotes Bändchen, das endgültige Aus.

Kindergeburtstags-Remmidemmi bei Deichkind

Denn wer als Zuschauer zu viel Rock'n'Roll auslebt, fliegt raus. Selbstdarsteller und Paradiesvögel leben sich auf dem Zeltplatz aus. Schließlich gehört die Show den Musikern. Und da gab es reichlich Extrawürste: Marilyn Manson deutete Kopulation an, wälzte sich auf der Bühne und gröhlte "Motherfucker", Sonic Youth traten auf die Verzerrer und ließen minutenlang die Gitarren jaulen bis es wieder anfing, zu regnen.

Nicht immer stimmte der Sound. Akustische Probleme gab es bei Bloc Party, und auch bei den Queens Of The Stone Age dauerte es vier Lieder, bis sich aus dem wabbernden Soundbrei der bluesig-erdig-bombastische Wüsten-Trucker-Rock richtig in Fahrt und ins Ohr ging. Einen Track aus dem neuen Album "Era Vulgaris" gibt es auf stern.de zu hören.

Die größte Show lieferten Deichkind zum Abschluss des Festivals: HipHop und Technobeats zum Mittanzen, die Bühnenkulisse wie bei "Takeshi's Castle" mit Hüpfburg, Trampolin, einem futuristischem Trinkautomat namens "Zize" und einem Schlauchboot, in dem die drei Hamburger Musiker sich vom Publikum tragen ließen. "Spiele ohne Grenzen" im Kindergeburtstags-Style mit Deichkind - da fehlte eigentlich nur noch die Tortenschlacht. Und man wundert sich über sich selbst, dass man nach drei langen Tagen und ultrakurzen Nächten im Zelt immer noch hüpfen kann.