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Indie-Pop aus New York: "Musikmanager haben keinen Geschmack"

Was vielen Bands erst jetzt klar wird, das stellten Nada Surf schon vor zwölf Jahren fest. Deshalb entschied sich das Trio schon früh gegen ein großes Plattenlabel und stört sich bis heute nicht daran, dass sein Hit "Popular" den berühmteren Kollegen von Weezer oder Jimmy Eat World zugeschrieben wird.

Von Verena Stöckigt

Die Geschichte von Nada Surf beginnt wie die eines Straßenköters, den eine reiche Familie als Spielzeug aus dem Tierheim holt, um ihn dort postwendend wieder abzuliefern, weil er unerzogen ist.

Das Problem zwischen Hund und Herrchen

Im Falle von Nada Surf ist die wohlhabende Familie das Plattenlabel Elektra (Warner Music Group) und die Band das widerborstige Hündchen, das nicht apportieren will. Das geworfene Stöckchen ist ein Song mit dem schicksalhaften Titel "Popular", der Nada Surf im Sommer 1996 einen Überraschungshit in den USA beschert. Die Zeilen "I'm head of the class/I'm popular/I'm a quarterback/I'm popular..." machen die Singleauskopplung ihres Debüts "High/Low" zur Hymne einer ganzen High-School-Generation. Für den Hype sorgen zu jener Zeit die Campus- und Jugendradios und nicht etwa MySpace, YouTube oder der Soundtrack der amerikanischen Teenagerserie "O.C. California", die in den letzten fünf Jahren Undergroundbands wie Death Cab For Cutie oder Snow Patrol groß machte. Nada Surf freuen sich über die plötzliche Popularität, zu der ihnen die Radiostationen verhelfen, gleichzeitig ahnen sie, dass auf jedes "High" auch schnell ein "Low" folgen kann.

"Dem Radiodepartment war einfach alles egal!"

Und richtig: Nach dem "Aus-Versehen-Hit" fordert die Plattenfirma, das Kunststück mit dem zweiten Longplayer "The Proximity Effect" gefälligst zu wiederholen. Die Arbeit nach diesem Fließband-Prinzip will den Nada-Burschen nicht schmecken. Zwar ist der Nachfolger von "High/Low" flugs fertig komponiert, doch die Musikmanager von Elektra zögern die Veröffentlichung hinaus. Ohne Hit wird es auf dem amerikanischen Markt scheitern, behaupten sie und wollen die Band zum Nachsitzen ins Tonstudio schicken. Jetzt ist den aufstrebenden Jungmusikern klar, wie der Major-Hase läuft.

"Alle waren mit 'The Proximity Effect' einverstanden - von der Band über den Produzenten bis hin zum A&R - bis sich plötzlich das Radiodepartment von Elektra meldete und entschied, es gehöre eine Ohrwurm-Single auf das Album. Unfassbar. Diese Leute luden Acts in Stripclubs ein. Sie hatten nicht nur einen schlechten Musikgeschmack, sie hatten überhaupt keinen. Es war ihnen einfach alles egal", empört sich Sänger Matthew Caws noch heute. Heutzutage hätten Nada Surf wohl den Weg von Radiohead eingeschlagen und ihr zweites Album im Alleingang zum "Zahl-Was-Du-Willst"-Preis auf ihrer Website feilgeboten. Doch die Vernetzung der Welt steckt 1997 noch in den Kinderschuhen, zudem beansprucht Elektra die Rechte von "The Proximity Effect". Schließlich erscheint der Longplayer immerhin in Europa. Er verkauft sich gut, die Fans sind begeistert, doch in USA lassen die Elektra-Manager die Scheibe weiterhin in der Schublade vergammeln. Nada Surf sind verzweifelt.

Nach einem zweijährigen Streit können Ira Elliot, Daniel Lorca und Matthew Caws das Copyright zurückkaufen. Über ein eigens gegründetes Mini-Label kommt ihr Baby im Jahr 2000 endlich in den USA auf den Markt. Barsuk, ein familiäres Independent-Label, übernimmt die Vermarktung der nachfolgenden Werke. Ihr Schicksal in die Hände eines Majors zu legen, das können sich Nada Surf heute nicht mehr vorstellen. "Bei einem kleinen Label fühlen wir uns besser aufgehoben", stellt Caws fest. "Und die Barsuk-Betreiber sind echte Musikliebhaber."

Vom Frühstückskiffer zum Gentleman

Wir treffen den Nada-Surf-Sänger an einem Wintertag in einer chaotisch eingerichteten Fabriketage in Berlin. Hier befindet sich die Schaltzentrale des Indie-Labels City Slang, bei dem die Gruppe in Deutschland unter Vertrag ist. Der Grund für Elliots, Lorcas und Caws Europareise ist die Vorstellung ihrer fünften LP namens "Lucky".

Matthew Caws ist ein höflicher Mann mit guten Manieren. Er würde am liebsten das Tischtuch glattziehen, bevor er Journalisten empfängt. Der schlichte Holztisch des Interviewraums kommt ohne Decke aus und so belässt er es bei einem zuvorkommenden Türaufhalten. "Wir haben 'Lucky' in Seattle mit Produzent John Goodmanson (Death Cab For Cutie, Wu Tang Clan) eingespielt. Für die Aufnahmen muss man New York einfach verlassen, sonst fällt man leicht in sein gewohntes Leben zurück und dazu gehörte bei mir bis vor kurzem leider noch der ein oder andere Joint", erzählt der Surf-Poet offenherzig. Wie so oft, war es eine neue Liebe, die half, das Laster zu überwinden. "'Lucky' leitet sich aus dem Stück "From Now On" ab, das ich für meine Freundin geschrieben habe. Ich hatte so lange keine gesunde, gute Beziehung mehr. Mit ihr ist alles anders“, freut er sich.

Das Geheimnis eines perfekten Popsongs - Nada Surf kennen es

Auch wenn sich die Weisheiten in den Liedtexten schon mal lesen wie eine Grußkarte aus dem Supermarkt ("Um jemand zu finden, den man liebt, muss man sich selbst lieben" - "Concrete Bed/The Weight Is A Gift") - gerade die Lyrics sind es, die Nada Surf eine treue Fangemeinde sichern. Matthew Caws lotet die Grenze zwischen Universellem und Speziellem so geschickt aus, dass sich jeder seiner Hörer wie zufällig in seinem Gedankenwerk wiederfindet. Der 40-Jährige erklärt das Phänomen so: "Ich neige dazu, Songs zu schreiben, nachdem ich Probleme gelöst hab. An dem Punkt, an dem es nach einer Durststrecke bergauf geht, fange ich an zu texten. Das ist vielleicht, was den Menschen gefällt. Sie spüren die Aufwärtsbewegung in den Liedern."

"Amy Winehouse und Pete Doherty müssen kämpfen!"

Um authentisch und glaubwürdig zu sein, muss man nicht wie Amy Winehouse und Pete Doherty publikumswirksam leiden. Für den bodenständigen Matthew Caws kommt es auf anderes an: "Klar, sind die Texte von Künstlern, die sichtbar leiden, irgendwo glaubwürdig. Man muss den Zeilen jedoch auch anmerken, dass jemand dafür kämpft, sich aus seiner Misere zu befreien."

Trotz Major-Flop, Marihuana-Verlockungen, Beziehungsdramen - in 15 Jahren Bandgeschichte haben Nada Surf nie aufgehört, zu kämpfen. Ihr Glück finden sie vor allem in Europa, wo sie seit Jahren in ausverkauften Clubs spielen. Dass das Glück aber auch viel bequemer herbeigezaubert werden kann, das wollen die Surf-Poeten mit dem Cover-Artwork von "Lucky" demonstrieren. Es zeigt eine heraufziehende Nacht mit funkelnden Sternen. "Diesen Anblick kann jeder haben - gratis und wann immer er will", schwärmt Caws zum Ende des Interviews und tatsächlich: über Berlin ist die Nacht hereingebrochen und am Himmel keine einzige Wolke, sondern tausend weiße Lichter. Manchmal tut Kitsch doch sehr, sehr gut...

stern.de präsentiert exklusiv einen Titel von dem neuen Nada-Surf-Album: "Lucky"