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Ingrid Michaelson: Die neue Macht des Pop-Nachwuchses

In den USA ist Ingrid Michaelson ganz ohne Plattenvertrag ein Star geworden. Millionen Menschen haben ihre Musik in der TV-Serie "Grey's Anatomy" gehört. stern.de traf die derzeit wohl mächtigste, unabhängige Newcomerin auf ihrem Weg in die Ohren des deutschen Publikums.

Von Sophie Albers

In der alten Welt haben Musiker davon geträumt, eines Tages von einer mächtigen Plattenfirma entdeckt zu werden, das sie ganz groß rausbringt. In der neuen Welt müssen selbst die großen Labels hinter Künstlern her rennen, die ohne ihre Hilfe berühmt geworden sind. Das kommt in letzter Zeit häufiger vor, denn auf Internetplattformen wie Myspace können sich Musiker ganz allein dem Markt anbieten. Dort begann die Karriere der Arctic Monkeys, und auch die von Colbie Caillat. Jüngstes und widerspenstigstes Beispiel des neuen Ruhms ist Ingrid Michaelson, eine 29-jährige Sängerin aus New York. Ohne Plattenvertrag im Rücken fand ihre Musik Eingang in den Soundtrack der erfolgreichen TV-Serie "Grey's Anatomy", und auch in Werbespots war plötzlich Michaelsons Folk-Pop-Stimme zu hören. Da mussten sich die Plattenfirmen erstmal hinten anstellen.

Michaelson sieht aus wie eines der schlauen Mädchen aus Highschool-Filmen. Das lange Haar fällt glatt auf ihre Schultern, im fein gezeichneten Gesicht prangt eine große Brille, und die zierliche Figur steckt in einem dicken Pulli, Jeans und gemütlichen Stiefeln. Klar könnte sie genauso schön, glatt und langweilig aussehen wie die Prom-Queens, das wollen Mädchen wie Ingrid Michaelson aber gar nicht. Sowieso weiß die ehemalige Schauspielerin sehr genau, was sie alles nicht will.

Danke "Grey's Anatomy"

Nachdem ihr Song "Keep Breathing" in einer der dramatischsten Szenen der Krankenhausserie die Menschen vor und im Fernseher zum Heulen brachte, riefen Vertreter von US-Plattenfirmen an, um die junge Frau mit der intensiven Stimme schnellstmöglich unter Vertrag zu nehmen. "Aber erst nachdem ich bekannt war", regt sie sich auf. Deshalb habe sie natürlich nicht unterschrieben. Da musste erst der deutsche Zweig des Plattenlabels Universal kommen und mehr als ein Jahr um sie werben.

"In Deutschland kennt mich keiner. Für die bin ich eine unbekannte Künstlerin. Die wollen mit mir arbeiten, weil sie an die Musik und an mich glauben." Michaelson lächelt und zappelt auf der Sitzbank in einer Berliner Jazzbar herum. Sie würde eigentlich lieber übers Weggehen in New York oder Haarfarben reden. Den Ruhm könne sie nicht wirklich fassen, sagt sie dann. Aber da denke sie auch besser nicht so genau drüber nach. Als "Keep Breathing" in "Grey's Anatomy" lief, habe sie mit Freunden in ihrem Apartment gesessen. "Ich bin hin- und hergelaufen und habe gedacht, dass sie es am Ende doch noch rausgeschnitten haben." Doch das hatten sie natürlich nicht. "Es war surreal. Und dann war's auch schon wieder vorbei."

Der Plan der Ingrid Michaelson

Der Endlichkeit der Dinge ist sich die junge Frau erstaunlich bewusst. Deswegen ist sie wohl eine, die immer weitermacht, die nicht stehenbleibt, um den Erfolg zu betrachten. Das liege an ihrem Plan, sagt Michaelson. "Ich will am Anfang sehr hart arbeiten, damit ich danach nicht mehr so hart arbeiten muss." Ernst guckt sie durch ihre Brille, sie meint, was sie sagt. Als sie das Stirnrunzeln ihres Gegenübers bemerkt, holt sie zur weiteren Erklärung aus: "Jetzt baue ich meine Fangemeinde auf, und später muss ich nicht mehr zehn Monate im Jahr auf Tour, sondern nur noch vier." Okay, aber das reicht noch nicht, Frau Michaelson. Sie drückt den Rücken durch: "Mein Lebensplan ist es - (sie klopft auf den Holztisch) - in den nächsten Jahren zu schuften, dann will ich mich ein bisschen entspannen, eine Familie gründen, immer noch auf Tour gehen und schreiben, aber auch für andere schreiben, vielleicht produzieren, und ein kleines Label aufmachen." Sie lächelt wie eine VWL-Studentin mit Bachelor. So viel zum Rock'n'Roll.

Aber es ist wohl eben dieser pragmatische Realismus, der Karrieren wie ihre möglich macht. Dass Myspace das neue Sprungbrett ins Popbusiness sei, will die Tochter eines Komponisten und einer Bildhauerin jedoch nicht verkünden: "Alles ist möglich, aber du kannst nichts erwarten. Ich hatte Glück", sagt sie, und dann nimmt sie sich mit der Inbrunst ihrer 29 Jahre die Musikindustrie vor: "Wir erleben definitiv eine Umwälzung. Die Plattenfirmen gehen unter. Ich glaube aber trotzdem nicht, dass es ihr Ende ist. Sie werden gebraucht. Schon wegen des Geldes, das du als Anfänger nicht hast. Sie stützen dich, organisieren die Tour, lassen dich eine Platte machen, sorgen dafür, dass du im Radio gespielt wirst. In Labels steckt eine Menge Macht und Geld. Unabhängige Künstler haben weder das eine noch das andere."

Die Macht aus dem Netz

Dass die Labels nicht so weitermachen können wie bisher, ist nicht wirklich neu, aber in der Konsequenz stehen Michaelson und ihr Erfolg für eine neue Generation von Musikern, die sich ihrer Macht gegenüber den Labels erstmals bewusst sind. Und das ist wirklich ein Novum.

"Das hängt mit dem Internet zusammen", sagt sie. "Wenn du heute einen Song hörst, der dir gefällt, dann googlest du ihn und holst ihn dir. Diese Sofort-Verbindung ist neu. Anstatt ein Label zu haben, das dafür sorgt, dass mein Zeug im Radio gespielt wird, habe ich eben "Grey's Anatomy". Und das gucken Millionen Leute. So bin ich am Label vorbeigekommen. Ich hatte das Glück, mich nicht drum kümmern zu müssen. Ich bin gerne autonom und kontrolliere die Dinge selbst." So sehen das viele Nachwuchsmusiker. Jetzt ist es an den Labels, sich den neuen Bedürfnissen anzupassen.

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