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Iron-Maiden-Album "The Final Frontier": Ordentliches Mittelmaß ohne Klassiker-Potenzial

Iron Maiden als Götter der Metal-Szene zu bezeichnen, ist sicher nicht zu hoch gegriffen. Doch von Göttern wird bisweilen Übermenschliches verlangt. Mit ihrer neuen Platte liefert die Band allerdings nur guten Durchschnitt ab.

Bescheiden müssen sie nicht sein. Iron Maiden haben im Heavy Metal alles erreicht. Erst Anfang August spielte die Band zum zweiten Mal auf dem Wacken Open Air in Schleswig-Holstein, dem größten Heavy-Metal-Festival der Welt. Das Gelände vor der Bühne war beim Headliner voll bis auf den letzten Platz ­ es müssen also die meisten der 75 000 Besucher dort gewesen sein. Und sie sangen bei einzelnen Songs nahezu geschlossen mit.

Die Bühnenbauer hatten Iron Maiden eine Weltraum-Landschaft in die Kulisse zimmern lassen ­ein Vorgeschmack auf das nun erschienene, mittlerweile 15. Studioalbum der Band in der fast 35-jährigen Bandgeschichte: "The Final Frontier" - der Weltraum, die letzte Bastion. Und es stimmt ja auch: Was soll diese Band auf Erden noch erreichen?

Die Fachmagazine überschlagen sich angesichts der neuen Veröffentlichung, legen eigens ganze Sonderhefte zur Band und ihrer Geschichte auf, umfassende DVD-Dokumentationen inklusive. Kaum eine weitere Heavy-Metal-Band ist weltweit kommerziell so erfolgreich und hat über all die Jahre so beständig von den Fans geliebte Alben veröffentlicht.

Die Spannung war umso größer, als seit der vorangegangenen Studio- Veröffentlichung "A Matter Of Life And Death" immerhin vier Jahre vergangen sind. Wer mit dem Einlegen der CD aber einen Knalleffekt erwartet, wird enttäuscht. Zweieinhalb Minuten lang gibt es zur Eröffnung erst einmal ein zum Teil elektronisches Intro, bis die Stimme von Bruce Dickinson einsetzt. "Satellite 15... The Final Frontier" ist mehr die Eröffnung einer Symphonie als eines Rock- Albums. Der Geradlinigkeit, aus der Heavy Metal einen Teil seiner Energie bezieht, muss das nicht schaden. Nach mehr als acht Minuten am Ende von Track eins bleibt dennoch der Eindruck, das Album sei noch gar nicht richtig losgegangen.

Symphonisch muten weite Teile der Platte an - die Titellängen etwa bewegen sich zwischen viereinhalb und elf Minuten. Die Weltraummetapher, die zum Nachdenken über das Überwinden von Grenzen, über die Zeit, das Reisen, die Technik und Hybris des Menschen einlädt, hält das Album inhaltlich zusammen. Musikalisch liegen die stärkeren Stücke aber am Ende. Ein erster Hochpunkt ist das balladeske "Coming Home" ­ Track vier. Dass dazwischen die vorab ausgekoppelte Single "El Dorado" steht ­ sie war vorher auf der Band- Homepage zum kostenlosen Download veröffentlicht worden -, bekommt man kaum mit.

Denn erst nach der Hälfte laufen Iron Maiden zu alter Form auf. Anspieltipps wie "Starblind" und "The Talisman" sind als Tracks sieben und acht auf dem Album untergebracht. Fans werden also ordentlich bedient: Wer den typischen Iron-Maiden-Sound sucht, wird nicht enttäuscht. Doch der ganz große Wurf fehlt auch hier.

Risiken geht die Band nirgends ein. Der Titel und das Weltraumthema hätten sperrige, progressive Songs mit völlig neuer musikalischer Ausrichtung bedeuten können - und das hätten Iron Maiden nach so langer Zeit sicher viele übelgenommen, Kritiker hätten sie möglicherweise aufs Altenteil schicken wollen. Der auf der Platte eingeschlagene Pfad ist da der sicherere und vermutlich auch der stimmigere. Unter anderem mit "Seventh Son Of A Seventh Son" von 1988 hat die Band gezeigt, dass sie auch progressivere Konzeptalben drauf hat.

Die neue Platte ist also ordentliches Mittelmaß ­ schlicht gemessen am Standard, den die Band selbst in all den Jahren gesetzt hat. Dafür braucht es keinen Blick ganz weit zurück auf große Hymnen aus den Anfangsjahren. Denn es ist ja nicht so, dass der Ruhm der Band sich nur auf das Schaffen aus längst vergangenen Tagen gründen würde.

Vom Album "Brave New World" aus dem Jahr 2000 stammen einprägsame Tracks wie "Ghost Of The Navigator" oder der Titelsong. Und auf "Dance Of Death" aus dem Jahr 2003 finden sich zum Beispiel die Mitsing-Hymne "No More Lies" ­ alles Titel, die dauerhaft Eingang in das Live-Set der Band gefunden haben. Auch damals waren Iron Maiden schon mehr als zwei Jahrzehnte und etliche Alben lang aktiv. Auf der neuen Platte findet sich allerdings kein solcher Titel, der das Format zum Klassiker hätte.

Thorsten Wiese, DPA / DPA