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Katharina Wagner: "Oper kann auch ganz anders sein"

Klingt wie das Motto der künftigen Leiterin der Bayreuther Festspiele. Jetzt gibt Katharina Wagner, 29 Jahre junger Spross des zerstrittenen Clans, ihre Visitenkarte dafür ab - mit Urgroßvaters "Die Meistersinger von Nürnberg", ihrer ersten Inszenierung auf dem Grünen Hügel.

Frau Wagner, heute schon Walther ausgeführt?

Nur kurz, heute morgen. Gott sei Dank schläft Walther sehr gern, wie alle englischen Bulldoggen. Wenn ich früh aufstehe, liegt er schnarchend auf dem Sofa und ist beleidigt, dass ich ihn wecke.

Walther schnarcht?

Und wie! Wegen der eingedrückten Nase. Oft wundern sich Leute, die mich besuchen: Wer schnarcht denn da? Na, der Hund, im Nebenzimmer.

Ihr Urgroßvater Richard trug seine Kompositionen stets zuerst seinem Bologneser Peps vor; im Park der Villa Wahnfried ließ er sich neben dem Neufundländer Russ begraben. Liegt die Hundeliebe den Wagners in den Genen?

Absolut! Für Richard war es immer ein Riesendrama, wenn einer seiner Hunde ausgerissen war. Das war fast so schlimm, als wenn ihm die Frau weggelaufen wäre. Mein Vater hatte früher sogar acht Hunde, jetzt sind es immerhin noch drei.

Die heißen sicher Isolde, Senta und Siegfried.

Nein, nein: Molly, Sam und Helga.

Von der Hundeliebe abgesehen - woran erkennt man noch, dass Sie eine Wagner sind?

Manche sagen, ich hätte Richards Nase. Das stimmt zum Glück nicht. Zum Leidwesen meiner Mutter spreche ich aber wie mein Vater gern breites Fränkisch. Auf jeden Fall bin ich bei Wutanfällen meines Vaters Tochter. Die Schmerzgrenze ist hoch. Aber plötzlich geht es mächtig los.

Jetzt war überall zu lesen, dass Sie, wie Richard und Wolfgang, die Leitung der Bayreuther Festspiele übernehmen wollen.

Ich wäre dazu bereit. Prinzipiell.

Schon morgen? Ihr Vater ist jetzt 87 und seit 1951 Intendant. Oder brauchen Sie noch Zeit?

Ich fühle mich nicht mehr zu jung, ich sähe mich dazu in der Lage. Aber wir sprechen natürlich im Konjunktiv. Es ist ja nicht so, dass mein Vater mich zur Festspielleiterin machen könnte oder ich mich selber. Es gibt einen Stiftungsrat. Und der bestimmt.

Falls Sie es aber werden: Öffnen Sie das Haus dann auch für Opern anderer Komponisten?

Ich sperre mich gegen keinen Vorschlag. Aber das hätte gewaltige Konsequenzen. Man müsste die Stiftungssatzung ändern. Dabei würde man die Einmaligkeit aufs Spiel setzen. Wir könnten das Problem bekommen, dass wir wie andere Häuser nicht mehr ausverkauft sind, weil Bayreuth dann vielleicht nichts Besonderes mehr wäre.

Das Bayreuth-Publikum stirbt langsam weg. Wie wollen Sie neue Besucher gewinnen?

Ich kann verstehen, dass junge Leute denken, alle Opernsänger sind dick, tragen Samtkostüme, singen vor muffigen Kulissenschinken unverständliches Zeug - und das Ganze dauert fünf Stunden.

Stimmt doch oft auch.

Schon. Aber Oper kann auch ganz anders sein. Gute Stoffe können, auch wenn sie schon älter sind, sehr gut Konflikte verhandeln, die auch heute noch aktuell sind.

Sind "Die Meistersinger von Nürnberg" Ihre Bewerbung für die Festspielleitung?

Immer diese unselige Koppelung der Nachfolgefrage mit meiner künstlerischen Arbeit! Ein guter Regisseur muss ja kein guter Festspielleiter sein, und das gilt umgekehrt genauso.

Trotzdem: Alles schaut jetzt auf Sie...

...und ich weiß heute schon genau, dass ich am 25. Juli nach der Premiere raustrete und ausgebuht werde. Da brauche ich gar keine Glaskugel, um das vorherzusehen.

Können Sie nachts noch schlafen?

Wenn ich über all das ständig nachdenken würde, dann würde ich wahrscheinlich wahnsinnig werden (lacht). Man muss das ausblenden und sich einfach sagen: Okay, konzentrier dich jetzt auf deine Arbeit.

Christoph Schlingensief schlug es auf Magen und Galle, als er vor drei Jahren in Bayreuth den "Parsifal" inszenierte. Und Lars von Trier, der 2006 auf dem Grünen Hügel den "Ring" neu herausbringen sollte, warf gleich ganz das Handtuch.

Klar, der Erwartungsdruck ist extrem. Wenn man Wagner heißt, wahrscheinlich noch mehr. Aber ich kann ja nichts dafür, dass ich in diese Familie hineingeboren bin. Ich muss halt immer dagegen ankämpfen, dass ich nur als Tochter und Urenkelin wahrgenommen werde...

...als Kronprinzessin...

...oder Barbiepuppe, bloß weil ich blond bin! Ich will als Regisseurin beurteilt werden, für meine Leistung. Man soll mich nicht mit dem Namen verknüpfen.

Wären Sie an manchen Tagen lieber eine ganz normale 29-Jährige?

Mitunter nervt es schon, wenn die Leute mit dem Finger auf einen zeigen. Manchmal stülpt auch einfach jemand von hinten meinen Kragen um: Was trägt sie für eine Marke? Zur Festspielzeit fahre ich lieber zwei Stunden, um an einen Badesee zu kommen, wo mich keiner kennt. Es muss ja nicht ganz Bayreuth wissen, wo Katharina Wagner ihre Problemzonen hat. Aber ich weiß natürlich: Ohne meinen Namen wäre ich jetzt nicht da, wo ich bin.

Warum geben Sie Ihr Bayreuth-Debüt gerade mit den "Meistersingern"?

Diese Oper kenne ich wirklich sehr gut. Das würde ich nicht von jeder Wagner- Oper behaupten, um Gottes willen. Aber bei den "Meistersingern" habe ich meinem Vater und Harry Kupfer assistiert. Sie waren auch die erste Oper, in die meine Eltern mich mitnahmen, da war ich vier.

Seit wann wussten Sie, dass Sie im Jahr 2007 in Bayreuth inszenieren werden?

Als ich vor drei Jahren in Budapest "Lohengrin" machte, kam mein Vater nach der Premiere zu mir und sagte: "Jawoll, jetzt habe ich gesehen, du kannst auch Chor inszenieren" - und bot mir die "Meistersinger" an.

Die letzte Bayreuther Inszenierung dieser Oper stammt von Ihrem Vater. Was machen Sie anders?

Ich habe von ihm das Handwerk gelernt, das ist nicht hoch genug zu schätzen. Aber natürlich unterscheidet uns auch einiges.

Zum Beispiel?

Mich interessiert an dieser Oper nicht primär die Liebesgeschichte. Ich sehe das Stück vor allem als einen Diskurs über Kunst: Wie verhält sich Tradition zu Innovation, wie der Künstler zur Gesellschaft?

Es geht um einen Dichter- und Sängerwettstreit unter Handwerksmeistern, bei dem der angesehene Hans Sachs der Ansicht ist, Kunst dürfe auch gegen Regeln verstoßen. Der Stadtschreiber Beckmesser pocht dagegen auf deren Einhaltung.

Das ist für mich der Kern. Mein Vater sieht das Ganze aus einem völlig anderen Blickwinkel: farbenfrohe Festwiese, bunte Kostüme. Für ihn haben die Meistersinger etwas Komödiantisches, Charmantes.

Wenn man mit dieser Oper aufgewachsen ist und dem Vater so oft über die Schulter geschaut hat - läuft man da nicht Gefahr, Überkommenes zu übernehmen?

Was glauben Sie, wie oft ich mich ertappe: Ups! Wieder voll ins Konventionsnäpfchen getreten. Natürlich hat man immer wieder Bilder, die fest eingeprägt sind. Es ist wahnsinnig schwer, sich frei zu machen und zu sagen: Nee, Mädel, dieses Bild hast du schon x-mal gesehen. Zum Beispiel muss Hans Sachs doch nicht den ganzen zweiten Akt auf ein Paar Schuhen herumhämmern, bloß weil er Schuhmacher ist.

Wie gehen Sie mit der heikelsten Stelle der Oper um, dem deutschtümelnden Hans-Sachs-Monolog?

An einem historisch aufgeladenen Ort wie Bayreuth muss man das besonders sorgfältig thematisieren, aber wie ich es löse, das möchte ich jetzt noch nicht verraten.

Schafft Ihr Vater es eigentlich, sich rauszuhalten, wenn Sie inszenieren?

Sogar mehr als bei anderen Regisseuren. Normalerweise sagt er viel deutlicher seine Meinung. Neulich wollte er sich noch nicht einmal mit mir fotografieren lassen, damit bloß keiner denkt, er würde mir reinreden. Ich habe zu ihm gesagt: "So ein Schmarrn, werd jetzt nicht paranoid, du lässt dich doch mit jedem Regisseur einer Neuinszenierung ablichten. Ist doch ganz klar: Ich bin Regisseurin, du bist der Chef."

Fragen Sie den Chef denn manchmal um Rat?

Ich sag nicht: "Papa, hilf mir!" Ich mach es eher ein bisschen verschlüsselt. Ich motze herum, wie unsäglich lang und uninszenierbar eine Szene ist. Dann fängt er an, sich mit mir darüber zu unterhalten. Das macht mir oft den Kopf wieder frei.

Was tun Sie sonst zu Ihrer Entspannung?

Meistens arbeite ich, auch am Wochenende. Aber ich bin eine leidenschaftliche Fernseherin, das gönne ich mir, ich liebe "Dr. House" oder die Mystery-Reihe "XFactor". Und nachts, da laufen die Wiederholungen von den Nachmittagstalkshows, ich staune immer wieder, was die Leute da alles von sich preisgeben.

Gehen Sie auch mal in einen Club? Tanzen?

Lieber hänge ich im Fitnessstudio länger am Kardiogerät, als dass ich mich in so einen überfüllten Raum stelle mit lauter Musik, und am Ende erbrechen sich noch irgendwelche 15-Jährigen vor meine Füße.

Sie hören nur Klassik?

So abgedreht bin ich auch nicht. Ich weiß, was in den Charts läuft. Ich mag Shakira und die neueren Alben von Rammstein.

Rammstein?

Das ist nicht nur irgend so ein Rockgegrummel, ich schätze die wirklich als Künstler. Ihre Texte sind intelligent und auf ihre Weise brisant. Zum Beispiel das Lied "Keine Lust". Darin ist viel von der Mentalität unserer Gesellschaft enthalten.

Muss Ihr Vater Rammstein hören, wenn er in Ihr Auto steigt?

Manchmal schon. Ich hab ihm sogar schon Videos von denen vorgespielt. Er hat’s mit Fassung getragen.

Interview: Christine Claussen, Alexander Kühn / print