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Keith Richards "Life": Das beste Buch über den Rock'n'Roll

Es geht um die Rolling Stones, um Männergehabe, um Drogen, gelegentlich um Sex - aber vor allem dreht sich Keith Richards' "Life" um den Rock'n'Roll. Jochen Siemens hat das Buch gelesen und ist begeistert.

Das Erstaunlichste an diesen 736 Seiten "Life" sind nicht die vielen Anekdoten, Enthüllungen, Bosheiten und überraschenden Kindlichkeiten dieses Mannes, der sich als die wirklich wahre Seele nicht nur der Rolling Stones, sondern gleich eines Teils der Rock-Geschichte entpuppt. Das Erstaunlichste an Keith Richards' Buch ist das Unternehmen "Life" selbst. Denn Rock-Geschichte wird nicht gelebt, um später Memoiren daraus zu machen, sie wird nicht wie andere Ereignisse – Friedensverhandlungen, technische Entwicklungen oder medizinische Forschung – akribisch dokumentiert, geordnet und archiviert. Das widerspricht ihrer Natur. Rock-Geschichte ist Ekstase, Delirium, Koma und Wahnsinn und wer das aufschreiben will, muss die Tausende von Scherben suchen und zusammenbauen.

Und das hat Keith Richards zusammen mit dem Journalisten James Fox gemacht. Ohne Fox wäre das alles nichts geworden, sagt Richards. Es gab vor "Life" schon zwei Bücher, die sich an der Geschichte der Rolling Stones versuchten, das bieder pappige "Stone alone" von Bill Wyman und die etwas heiß und flirrig geschriebenen Memoiren "Ronnie" von Ron Wood. Beide Bücher sind nun schlicht wertlos, weil sie die Geschichte der Stones nur runterrasseln. „Life“ lebt die Geschichte und wer es liest, muss sich entschließen mitzuleben.

Das beste Buch über den Rock'n'Roll

Das überaus Symphatische des Buches ist die in jedem Satz quellende Leidenschaft Richards' für sein Leben. Er erzählt seine Kindheit im englischen Dartford, das Leben seiner Eltern, seine Schulwege und seine Verehrung für seinen Großvater mit einer solchen Dichte, als würde das alles für ihn wiederauferstehen. Und so wächst auch beim Leser nach und nach diese erste und später alles bestimmende Liebe zur Musik und zur Gitarre , die Richards Leben bestimmte."Ich habe angefangen wie jeder gute Gitarrist anfangen sollte: auf einer Akustischen mit Darmsaiten. Für Stahlsaiten war später immer noch Zeit genug, und eine Elektrische konnte ich mir sowie nicht leisten. … wenn du ganz nach oben willst, musst du ganz unten anfangen. Eine allgemeingültige Regel, ob man nun Gitarre spielt oder ein Bordell bestreibt."

Richards nimmt einen mit. Wie ein Sammler, der 50 Jahre lang auf der ganzen Welt für sein Lebensmuseum gesammelt hat, führt er mal begeistert, mal andächtig und mal selbst erstaunt durch die vielen Hallen und Zimmer seines Museums. Nirgendwo steht "Bitte nicht anfassen", denn dazu sind die Fundstücke und Schätze, die hier liegen, zu oft benutzt, zu dreckig und nie heilig. Und man ist vielleicht erst auf Seite 183 - und weiß dennoch schon, dass es das beste Buch über den Rock'n'Roll ist, das je geschrieben wurde. Weil es seinen leicht dreckigen Ton nie verliert, weil es Ungeheuerliches lakonisch erzählt und weil es nichts zu verlieren hat. Und, und das ist wichtig, weil Richards die Gitarre nie aus der Hand legt. "Du musst sie lieben wie eine Frau und mit ihr ins Bett gehen. Die Form einer Frau hat sie ja", sagte er dem stern.

Es sind die Seiten, die ihm wichtig sind, es sind die vielen, vielen Seiten, bei denen Nicht-Gitarre-Spielern schwindelig wird, weil er von "Licks", Akkorden, Dur und Moll, und "niemand hatte daran gedacht, Moll-Akkorde bei offener Dur-Stimmung zu spielen" spricht. Da ist Richards nicht zu bremsen, und zum ersten Mal versteht man die Dramaturgie, die sich auf der Bühne zwischen Gitarre, Bass und Drummer jedesmal wieder abspielt. Dasselbe leistet "Life" auch, wenn es vom Songschreiben erzählt, wenn man als Leser neben Richards und Jagger sitzt und sie Textzeilen vor sich hinmurmeln, Richards dazu zwei, drei Akkorde spielt und Jagger einfach so weiterdichtet und wie aus diesem Hauch dann eine Wolke und dann ein Song wie "As tears go by" wird. Was "Life" dann schafft, ist ein Kunstgriff großen dramaturgischen Handwerks – nach und nach verwebt sich die Geschichte der Rolling Stones mit der eigenen Geschichte Richards, seine Drogensucht, seine Isolation, sein Wahnsinn. Das läuft nicht nebeneinander her, sondern ineinander und man versteht, warum Richards aus diesem Strudel, der mit Wucht nach unten sog, nicht aussteigen konnte.

"Machen Sie das bloß nicht nach!"

Er selbst sagt, er habe diese Jahre nur überlebt, weil er bei seinen Drogen immer auf die höchste Qualität geachtet hat. Sein Stoff war der reinste, den es gab. Er dosierte exakt, verwendete keine unbekannten Streckmittel - "No Shit" eben. Man könnte, böse gesehen, manche Seiten sogar als Dosierungsanleitung für Fixer lesen, aber das ist eben Keith Richards, wie beim Gitarrenspiel erzählt er auch mit Leidenschaft vom Fixen. Nicht von ungefähr kommen zwei-, dreimal die Hinweise "Machen sie das bloß nicht nach!"

Später im Buch spürt man die Erleichterung, als Richards Anfang der 80er-Jahre endlich weg von der Nadel ist. Er lernte Patti Hansen kennen, damals Model, und trennte sich - endlich - von einem anderen Model, der drogensüchtigen Anita Pallenberg. Man spürt die Erleichterung in jedem Wort, Richards wird beinahe albern und redet wie ein Teenager von der ersten Liebe.

"Mick wurde unerträglich"

Und dann kommt ein Kapitel über Mick Jagger den Richards fast 597 Seiten zuvor nur beiläufig erwähnt. Es ist ein Kapitel mit Leidenschaft, Wut und Souveränität geschrieben, es sind Sätze nach denen sich Jagger eigentlich nicht mehr aus dem Haus trauen sollte. "Mick wurde unerträglich" ist da nur die Overtüre, danach ist von einem selbstsüchtigen, eitlen, raffgierigen und eigenartig unsicheren Jagger zu lesen, der die Band in "Mick Jagger und die Rolling Stones" umtaufen wollte und über dessen erste Solo-Platte Richards nur giftet "ich habe sie nie ganz gehört, aber wer hat das schon?" Und auch, wenn er dann erzählt, wie sie sich beide wieder vertragen haben, ist die schlecht verheilte Narbe in allen weiteren Sätzen zu sehen. Nein, sie seien keine Freunde, dazu sei zuviel zwischen ihnen passiert, sagt Richards, sie seien eher wie Brüder, Brüder die sich hassen und die sich lieben.

Zum Schluss dieser unendlichen Führung durch sein Lebensmuseum führt Richards den Leser dann an einen völlig unerwarteten Ort: das Sterbezimmer seiner Mutter Doris. Dort setzt sich der Gitarrist ans Bett und spielt das spanische "Malaguena", ein Stück vom er schon in seiner Kindheit sagte: "Wenn du das fehlerfrei spielen kannst, hast du es auf der Gitarre geschafft". Und da, ganz am Ende spürt man die Melancholie als den Ton der die ganze Zeit durch "Life" mitschwingt - und der es zu einem der besten Musikbücher überhaupt macht.