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Kommentar: Flucht in die Ängstlichkeit

Die Deutsche Oper in Berlin hat Mozarts "Idomeneo" vom Spielplan genommen - aus Angst vor radikalen Islamisten. Eine Fehlentscheidung. Um die Intendantin Kirsten Harms wird es nun einsam.

Von Anja Lösel

Eigentlich wollte Intendantin Kirsten Harms nur Unheil von ihrem Haus abwenden. Aber nun ist genau das Gegenteil passiert: Alle schauen auf die Deutsche Oper. Alle sprechen über die "Indomeneo"-Inszenierung von Hans Neuenfels, in der die abgeschnittenen Köpfe von Jesus, Buddha, Mohammed und Poseidon präsentiert werden. Riskant und missverständlich? Eigentlich nicht.

Keine der Religionen hat uns Frieden gebracht, will der Regisseur damit sagen. Wir brauchen sie ALLE nicht mehr. Bei der Premiere im Jahr 2003 war nur ein wenig Gemurre aufgekommen. Sonst nichts. Nun aber ist "Idomeneo" abgesetzt und es gibt ähnliche Aufregung wie beim Streit um die dänischen Mohammed-Karikaturen. Auch der letzte Islamist wird Wind bekommen von der Berliner Inszenierung, obwohl er noch nie in der Oper war und auch nicht vorhat, jemals hinzugehen.

Herbeigeredeter Schaden

Der "Idomeneo" von Neuenfels sei ein "Sicherheitsrisiko für Publikum und Mitarbeiter mit unkalkulierbarem Ausgang", sagt Kirsten Harms. Wenn alle so ängstlich reagierten wie sie, dann wäre es allerdings schnell vorbei mit der Freiheit der Kunst und dem Recht auf Redefreiheit. Sollen die Theater etwa ihre Spielpläne durchforsten nach Stücken, in denen der Islam kritisiert wird? Mozarts "Entführung aus dem Serail" zum Beispiel? Oder Lessings "Nathan der Weise"? Undenkbar.

Wahrscheinlich hatte Kirsten Harms vor, das Stück stillschweigend aus dem Programm zu nehmen. Um es dann irgendwann genauso stillschweigend wieder auf den Spielplan zu setzen. Aber ihre Entscheidung wurde publik - und nun hat sie alle Aufmerksamkeit erst richtig auf ihr Haus gezogen. Dumm gelaufen. Die Inszenierung von Neuenfels wird wohl nie mehr gezeigt werden können. Von möglicher "selffullfilling Prophecy" spricht Neunfels’ Anwalt Peter Raue deshalb, von einem herbeigeredeten Schaden, der nicht mehr kontrollierbar und kalkulierbar ist.

Harms von aller Welt verlassen

Das Landeskriminalamt, das vor Problemen mit "Idomeneo" gewarnt und die ganze Affäre ausgelöst hatte, spielt die Angelegenheit nun herunter. Man habe nicht mit einer Absetzung des Stückes gerechnet. Innenminister Wolfgang Schäuble findet die Entfernung des "Idomeneo" vom Spielplan "verrückt" und "inakzeptabel". Meinungsfreiheit dürfe man nicht aus Angst einschränken. Kulturstaatsminister Bernd Neumann plädiert für Toleranz "auch gegenüber unbequemen Meinungen". Kirsten Harms, die Intendantin, die doch alles nur gut gemeint hatte, ist allein und von aller Welt verlassen. Wie lang sie das wohl aushält?

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