HOME

Mozart-Oper: Kizilkaya will "Idomeneo" nicht sehen

Keine Lust auf Mozart: Der Vorsitzende des Islamrats, Ali Kizilkaya, lehnt es ab, sich mit Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble und den 28 anderen Konferenzteilnehmern Mozarts "Idomeneo" anzuschauen.

"Das muss ich mir nicht antun", sagte Kizilkaya der "tageszeitung" (Freitagausgabe). "Kunstfreiheit heißt nicht, dass man sich alles anschauen muss." Opernintendantin Kirsten Harms hatte "Idomeneo" am Montag aus Angst vor islamistischen Attacken vom Spielplan genommen. Schäuble hatte sich am Mittwoch nach dem Auftakt der Islamkonferenz dafür ausgesprochen, die Absetzung zurückzunehmen. Gleichzeitig erklärte er, alle Konferenzteilnehmer wollten sich die Inszenierung dann gemeinsam anschauen.

"Wenn er nicht kommt, ist das schade"

Kizilkaya sagte der "tageszeitung": "Für mich ist es nicht zumutbar, eine Szene anzusehen, in der dem Propheten der Kopf abgeschlagen wird." Der Vorsitzende des Islamrats betonte, auch er finde es falsch, dass die Oper aus Angst vor möglichen Anschlägen abgesetzt worden sei. Von einem einstimmigen Beschluss der Islamkonferenz zum gemeinsamen Opernbesuch könne jedoch keine Rede sein, "auch wenn der Minister das gerne so hätte".

Kizilkaya räumte ein, dass er den Vorschlag auf der Konferenz nicht ausdrücklich abgelehnt habe. Das Thema Opernbesuch sei erst ganz am Schluss der Veranstaltung zur Sprache gekommen, da habe es nicht die Möglichkeit zu diskutieren gegeben. Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat, bedauerte Kizilkayas Absage. "Wenn er nicht kommt, ist das schade", sagte er der "tageszeitung".

Berlins Innensenator räumt Fehler ein

Berlins Innensenator Ehrhart Körting (SPD) hat nach der Absetzung der Mozart-Oper "Idomeneo" Fehler eingeräumt. In einer schriftlichen Mitteilung gestand der Senator am Donnerstag ein, dass es vor der Absetzungsentscheidung keinen ausführlichen Gespräche zwischen den Verantwortlichen gegeben hat. "Bei rückblickender Betrachtung wäre wahrscheinlich ein ausführlicher Diskurs zwischen allen Beteiligten vor einer Entscheidung zielführend gewesen", hieß es verklausuliert in Körtings Mitteilung.

Der Generalsekretär der Berliner CDU, Frank Henkel, begrüßte "das Eingeständnis des Berliner SPD-Innensenators, sich hinsichtlich der Gefährdungslage der Aufführung der Mozart-Oper geirrt zu haben". Körting hatte nach eigenen Worten die Intendantin der Deutschen Oper, Kirsten Harms, im Sommer telefonisch über mögliche Gefahren informiert, die die Inszenierung von Hans Neuenfels heraufbeschwören könnte. Nachdem die Intendantin angedeutet habe, die Inszenierung abzusetzen oder zu verschieben, habe er sich erleichtert gezeigt. Harms hatte die Inszenierung daraufhin aus dem Spielplan genommen.

Zu keinem Zeitpunkt eine konkrete Anschlagsdrohung"

"Es hat zu keinem Zeitpunkt eine konkrete Anschlagdrohung gegeben", betonte Körting. Nach der Einschätzung der Behörden lag aber eine Gefährdung vor. Der Senator sagte, er "halte es nach wie vor für richtig, dass die Deutsche Oper über die Gefährdungsbewertung unterrichtet worden ist." Im Schlussbild der Inszenierung sind die abgeschlagenen Köpfe von Religionsstiftern wie Christus und Mohammed zu sehen.

Ausgangspunkt der Ereignisse war laut Körting die Warnung einer anonymen Anruferin bei der Bundespolizei gewesen, die das Berliner Landeskriminalamt (LKA) informierte. Am 13. Juli übermittelte das Bundeskriminalamt (BKA) dem LKA eine Bewertung. Darin hieß es, neben Auswirkungen auf die Sicherheitslage in Deutschland könnten durch die Inszenierung "deutsche Interessen im Ausland" gefährdet sein.

Das LKA kam am 14. Juli zu dem Ergebnis, dass bei regem Medienecho eine Reaktion in der "islamischen Welt" zu erwarten sei und dann ein "gefährdendes Ereignis" in der Hauptstadt wahrscheinlich sei. Die Innenverwaltung teilte dies nach eigenen Angaben telefonisch der Kulturverwaltung mit und erhielt die Zusage, Harms dafür zu sensibilisieren. Ob dies geschah, ließ Körtings Mitteilung offen.

Körting sagte, angesichts der laufenden Debatte sei eine Neubewertung denkbar. Natürlich seien die Berliner Sicherheitsbehörden in der Lage, eine Wiederaufnahme der Mozart-Oper angemessen zu schützen.

Bundestag unterstützt Dialog mit Muslimen

Der Bundestag unterstützt mit breiter Mehrheit den am Mittwoch in der Islam-Konferenz aufgenommenen Dialog mit den Muslimen in Deutschland. Politiker aller Parteien begrüßten am Donnerstag grundsätzlich das Ziel, das Zusammenleben auf eine bessere Grundlage zu stellen und die Integration der mehr als drei Millionen Muslime zu fördern.

In einer Regierungserklärung sagte Schäuble im Bundestag: "Der Islam ist Teil Deutschlands und Europas. Der Islam ist Teil unserer Gegenwart und unserer Zukunft." Grundlage des Dialogs sei die deutsche Rechts- und Werteordnung. "Das Grundgesetz ist nicht verhandelbar."

Schäuble hatte am Vortag die erste deutsche Islam-Konferenz eröffnet. Im Bundestag sprach er von einem "Zeichen des Aufbruchs zu einem neuen Miteinander" und dem "ersten institutionalisierten Dialog zwischen dem deutschen Staat und den Muslimen".

Lob für Schäuble

Die am Mittwoch begonnene Konferenz ist auf zwei Jahre angelegt und soll jetzt in Arbeitsgruppen konkrete Probleme lösen. "Es wird ein steiniger Weg sein, für die Muslime und für den Staat", betonte Schäuble. Er hoffe, dass es gelinge, mit der Konferenz "mehr Verständnis und Sympathie in unserem Lande, mehr Friedlichkeit, mehr Toleranz und vor allen Dingen mehr Kommunikation, mehr Vielfalt und mehr Bereicherung zu schaffen".

Die Konferenz soll sich auch mit Sicherheitsfragen befassen. Nach den Terroranschlägen von Islamisten fühlten sich viele Muslime zu Unrecht unter Generalverdacht gestellt, sagte Schäuble. "Wir dürfen nicht hinnehmen, dass Extremisten die Religion des Islam für ihre Taten in Anspruch nehmen können, gerade weil auch die große Mehrheit der Muslime Angst vor gewalttätigen Extremisten hat."

SPD-Generalsekretär Hubertus Heil bescheinigte Schäuble, einen guten Anfang gemacht zu haben. Dass man so wenig über die hier lebenden Muslime wisse, habe seinen Grund auch darin, dass viele konservative Politiker diese Tatsache bislang verleugnet hätten. Die Äußerungen Schäubles seien ein Schritt in die richtige Richtung.

Polizei ist bereit für Wiederaufnahme der Oper

Der Deutsche Städte- und Gemeindebund wertete die Islam-Konferenz als wichtiges Signal für die Integration der Muslime. Fortschritte seien aber nur langfristig zu erzielen. Dabei müssten die Kommunen unterstützt werden. In den Kommunen würden Integrationserfolge, aber auch Misserfolge unmittelbar sichtbar. Der Generalsekretär des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, sprach nach dem Auftakt der Islam-Konferenz von einem Meilenstein. "Zum ersten Mal hat eine Bundesregierung gesagt, wir wollen mit den Muslimen über die Probleme und Herausforderungen sprechen und nicht über die Muslime", sagte er im Bayerischen Rundfunk.

Der SPD-Innenpolitiker Michael Bürsch forderte in der Bundestagsdebatte eine Beteiligung der Bürger. Ein sinnvoller Dialog, der langfristig zu einer besseren Integration führen solle, könne nicht zwischen Staat und Islam, er müsse maßgeblich zwischen Bürgern geführt werden. Die FDP-Abgeordnete Sibylle Laurischk forderte zudem eine Beteiligung des Parlaments.

Die Berliner Polizei steht für den Fall einer Wiederaufnahme der Mozart-Oper bereit. "Falls die Deutsche Oper das Stück wieder ins Programm nimmt, müssen wir die Lage neu bewerten, auch im Hinblick auf den Wirbel, den der Fall in den Medien ausgelöst hat", sagte Polizeisprecher Bernhard Schodrowski der dpa. Der Generaldirektor der Berliner Opernstiftung, Michael Schindhelm, sagte im Kulturradio des RBB: "Es wäre sinnvoll, diese Vorstellung wieder anzusetzen." Auch die Grünen-Kulturpolitikerin und Bundestags-Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt plädierte für eine Wiederaufnahme.

AP/DPA / AP / DPA