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LaFee: Wie ein Star gemacht wird

Eigentlich heißt sie Christina Klein. Sie wird 16 und wollte unbedingt berühmt werden. Jetzt heißt sie LaFee, singt von Pubertätsqualen und ist die Heldin Hunderttausender Teenager. Eine Geschichte über die Risiken und Nebenwirkungen, ein junges Idol zu sein.

Von Jochen Siemens

Es gibt so Orte in Deutschland, da heißen die Restaurants "Balkan-Grill" oder "Hellas-Grill", und damit es auch jeder versteht, haben sie unter das Wort "Grill" große gelb-rote Flammen auf die Leuchtreklame gemalt. In Stolberg, einer kleinen Stadt bei Aachen, haben sie viele solche Grills mit aufgemalten Flammen, und man könnte den Weg zu den Kleins auch mit "am ersten Grill rechts abbiegen, dann am vierten Grill wieder links" beschreiben. Den Weg zu den Kleins?

Ihre Heimat ist Stolberg, die Welt des Mehrheitsdeutschlands

Bernd Klein ist Lkw-Fahrer und seine Frau Koula ist Griechin, Hausfrau und Mutter eines Sohnes und einer Tochter. Besucht man die Kleins in Stolberg, ist das Deutschland Normalonien. Man sitzt auf einer rustikalen Eckbank in der holzgetäfelten Küche, die Kaffeemaschine blubbert, auf dem Tisch belegte Brötchen, auf der Fensterbank ein kleiner mattsilberner Ghettoblaster. Es ist die Welt der Menschen, deren Namen man manchmal auf Einblendungen im Fernsehen sieht, weil sie ein Kochset oder eine Traumreise gewonnen haben und man sich selbst fragt: "Wo liegt denn Bürstadt? Oder Lilienthal? Oder Stolberg?" Es ist die Welt des Mehrheitsdeutschlands, in Häusern wie bei den Kleins werden Einschaltquoten, der Umsatz von Aldi oder die Verkaufszahlen von Marlboro mitentschieden. Nicht weit von hier steht die Kartbahn, auf der Michael Schumacher seine ersten Runden drehte.

Gegenden wie Stolberg sind aber auch noch Rohstoff-Landschaften ganz anderer Art, und einer dieser Rohstoffe sitzt am Tisch bei den Kleins. Christina Klein, wird 16 Jahre, Teenagerstatur, große Augen, lange Haare, und wenn Besuch kommt, erst einmal ein wenig still. Aus dem Rohstoff Christina haben andere im vergangenen Jahr etwas gemacht, einen Star mit Namen LaFee, und wenn man bei den Kleins die dicke Mappe mit Zeitungsausschnitten durchblättert, die Mutter Klein sammelt, schaut man von den Fotos immer wieder zu Christina und zurück, weil man glaubt, zwei verschiedene Mädchen zu sehen. LaFee wirkt größer als Christina, ihr Gesicht hat die makellose Glätte von Make-up und Computerkosmetik, die Zähne sind gleißend weiß und die Haare mal gelockt und mal glatt.

Perfekt für "Bravo"

Seit Juni hat LaFee mit ihrem ersten Album mehr als 200.000 Stück verkauft, was umso bemerkenswerter ist, weil sie keiner Castingshow entsprungen ist, nicht im Radio gespielt wird und noch nicht bei "Wetten, dass..?" oder einer anderen großen Show war. LaFee gibt es nur, weil sie von einem Mann erfunden wurde, und weil es die Zeitschrift "Bravo" gibt, in die Christina Klein LaFee ganz gut hineinpasste. Und weil sie etwas singt, das ihr die Fans glauben. So wie es Christina ja selbst glaubt, auch wenn die Texte nicht von ihr sind.

"Oben", Christina Klein zeigt mit dem Finger nach oben, "oben in meinem Zimmer habe ich das geübt." Vor dem Spiegel, seit sie, "ach, weiß ich nicht, schon immer halt", seit ein paar Jahren also. Gesungen hat sie, getanzt, posiert, ganze Auftritte von Britney Spears hat sie nachgespielt, "ich wollte unbedingt Sängerin werden, schon immer, unbedingt. Ich hätte mich auch bei diesen Castingshows beworben, bei allen, außer bei Dieter Bohlen, von dem möchte ich mir nichts anhören". Bis vor einem halben Jahr ging Christina noch zur Hauptschule hier in Stolberg. Sie sagt, sie war eine ganz gute Schülerin aber, na ja, da war eben dieser Wunsch, Sängerin zu werden, und eigentlich war es das, worum alles ging. Alles. Fragt man Christina nach Schule und Freunden, kommen die Antworten immer etwas karg, ja, sie hatte Freundinnen und hat auch noch welche, aber jetzt, seit ihrer Verwandlung in LaFee, ist ja auch kaum noch Zeit, und irgendwo zwischen den Sätzen hört man auch Erleichterung heraus, dass kaum noch Zeit ist.

Der wahrgewordene Mädchentraum

Denn jetzt endlich ist der Traum, der in Zigtausenden von Mädchenzimmern wie eine immer größer werdende Wolke hängt, wahr geworden. Ein Star werden. Herauszukommen, herumzufahren, die Welt von oben, von der Bühne zu sehen. Es ist kein neuer Traum, doch anders als früher, als Teenager schrammelige Tonbandkassetten an Plattenfirmen schickten und auf Anrufe hofften, die nie kamen, brüllt heute eine Medienindustrie schon den Kindern auf allen Kanälen zu: Wir brauchen euch, wir suchen euch, jeder kann ein Star werden.

Und die Kinder glauben es. 5189 Mädchen hatten sich in diesem Jahr bei der Pro-Sieben-Show "Popstars" beworben, RTL meldet sogar die Rekordzahl von 28.000 Bewerbern (männlich und weiblich) für die nächste Staffel der Bohlen-Folter "Deutschland sucht den Superstar". Wo immer in Deutschland ein Casting ausgerufen wird, sind die Schlangen lang und die Bewerber hysterisch. "Berühmt sein" oder ein "Star werden" hat längst "Tierarzt" oder "Astronaut" von den pubertären Wunschlisten möglicher Berufe verdrängt. Dass "Star" kein Beruf ist, erklärt ihnen erst mal keiner.

Auch bei Christina Klein war die Liste nach "Sängerin werden" eigentlich leer, und sie saß oft mit der Mutter im Wohnzimmer und sang etwas vor. Einmal haben die beiden ein kleines Video gedreht, haben es an Sender verschickt und sich beworben, wo man sich bewerben konnte. Bei "Kiddy Contest" zum Beispiel, einer Kinder-Castingshow des ORF, eine Art "Popstars"-Show für ganz Kleine, ein Talenthumus, aus dem dann so lollige Ohrwürmer wie "Schnappi, das Krokodil" entstehen.

Christina macht also mit, es ist 2004, und sie singt eine auf Deutsch umgedichtete Fassung von Barry Manilows Hit "Oh Mandy", die bei ihr "Oh Handy" heißt. "Es war ein grauenvoller Song", sagt Bob Arnz, der die Sendung 1400 Kilometer entfernt in seinem Haus auf Ibiza sieht. Arnz will schon abschalten, als seine damals neunjährige Tochter Lea sagt: "Papa, die ist es." Arnz, 44, früher Produzent der singenden "Big Brother"-Insassen wie Jürgen oder Zlatko, hatte längst eine Blaupause für einen Popstar im Kopf, für die ihm nur eines fehlte: ein Mädchen. Eines, das sich in sein Konzept aus Gefühl und Härte einmontieren ließ, eines, das nicht allzu niedlich, allzu Hanni-und-Nanni-weich verwechselbar sein sollte.

Nicht allzu Hanni-und-Nanni-weich sollte sie sein

"Christina hatte einen bestimmten Ausdruck, der zu meiner Idee passte", sagt er. Arnz ruft in Stolberg an, fährt hin, sitzt auf der rustikalen Eckbank, trinkt Kaffee und redet mit den Kleins. Das kann er, Arnz hat animateurhaften Charme. Christina sagt heute, dass sie damals eigentlich mehr ein HipHop-Fan war und mit Arnz' Musikrezept erst mal wenig anfangen konnte, "aber es hat mir dann immer mehr gefallen". Sie proben im Studio, Bob Arnz kratzt sein Geld zusammen, schreibt Texte und produziert das erste Album auf eigene Kosten. "Ich hab sehr geschwitzt", sagt er, "ein paar Plattenfirmen haben gleich abgesagt."

Auch wenn es nicht so aussieht, aber LaFee ist eine Reißbretterfindung. Sie ist Konzept, und zwar eines, das eine gut beobachtete Marktlücke in Teenagerseelen ausfüllt. Ermüdet und gesättigt von fernen Britney Spears und immer gleich klingenden Girlie-Gangs, sucht eine schneller erwachsen werdende Zielgruppe nach Figuren, die nicht allmählich, sondern schlagartig Ernsthaftigkeit liefern. Anders als früher sehen sich zehn- bis zwölfjährige Mädchen heute zügiger im wirklichen Leben als zu Milchschnitten-Zeiten. Viele von ihnen sind Scheidungskinder aus Hartz-IV-Haushalten, sie leben in Wohnsilos, in denen Fernseher den ganzen Tag laufen und Meldungen von Kindesentführungen und Missbrauch in ihren Alltag hämmern. Sie wissen einfach, dass das Leben nicht Kuschelpop ist. Man versteht das an einem Nachmittag in Düsseldorf, wenn 400 Kinder, meist Mädchen, vor einer Bühne auf LaFee warten. Es kann noch nicht lange her sein, dass sie den Kinderkanal schauten und zu Tanzalarm herumhopsten, jetzt donnern kriegerische Gitarrenriffs durch die Halle, es ist verdammt laut, und das Schlagzeug dröhnt wie ein Abrissunternehmen. Und mitten in diesem Metal-Inferno LaFee wie ein Phönix aus der Asche einer bitteren Pubertät.

Wie Phönix aus der Asche einer bitteren Pubertät

Sie singt vom Sterben, vom tyrannischen Vater, vom Mobbing an der Schule, vom ersten Mal und vom Missbrauch, "Nacht - es ist Nacht, sie liegt vor Angst, schon so lange wach, dann kommt wieder er, sie spürt den Atem, er will immer mehrÉ" In jeder Minute eines LaFee-Konzerts sieht man das Konzept siegen, Elfjährige kreischen für eine Beichtschwester, die sie in ihrem Plattenbauleben gern hätten. Und LaFee hat noch die Nähe zu ihnen, die man hat, wenn man das alles erst seit einem halben Jahr macht. Sie bewegt sich wie eine, die viele Shakira-Auftritte gesehen hat, sie kann in ihr Publikum schauen, und jede Einzelne glaubt, sie sei gemeint. Sie spielt mit der Düsternis des Gothic, aber sie spielt eben nur damit. Nutella mit Rammstein-Geschmack, so einfach ist das. Man muss die Szenen gesehen haben, wenn Zwölfjährige nach dem Konzert den verschwitzten Gitarristen der Band fragen, ob er sich mit ihren Jacken oder Schals den Schweiß abwischen könne. Er macht es, auch das ist Konzept.

Um das Konzept LaFee noch besser zu verstehen, muss man nach München in die Redaktion der "Bravo" fahren. Hier bekommt der Fahrplan "Star" seine Vollendung, denn LaFee ist auf eine Art Eigentum des Teenie-Blattes. Hier, sagen sie, haben sie aus Christina Klein LaFee gemacht, hier drucken sie jede Woche eine Geschichte über sie, hier machen sie die biografische Tapete, auf der Fans jede Woche lesen können, dass Christina Klein eine von ihnen ist. Es sind banale Geschichten, die sich als Nachrichten verkleiden. LaFee in ihrer alten Schule, LaFee bei ihren Großeltern in Griechenland, LaFee lässt sich ein Tattoo machen. Jede Woche brüten "Bravo"-Redakteure und LaFees Manager über Nachschub. Christina Klein sagt auch mal was, aber entscheiden tun andere.

LaFee ist Teil des "Bravo"-Konzeptes

Tom Junkersdorf ist "Bravo"-Chefredakteur, für ihn ist LaFee auch Teil eines neuen Blattkonzeptes. "'Bravo' macht wieder Stars. Wenn wir jemanden wie LaFee entdecken, dann investieren wir viel Arbeit und viele Seiten in sie, weil wir an sie glauben. Das sind Investitionen, die so keiner in Deutschland macht", sagt er, "das hat mit der neuen Linie der "Bravo" zu tun. Wir wollen nicht mehr jedem Sternchen folgen, das in den USA einmal aufgeht und dann, wie Britney Spears, ein für unsere Leser nicht nachvollziehbares Leben führt." Dass derart publizistische Investition auch zu medialer Leibeigenschaft führt, verneint er natürlich. Dennoch ist es ihm wichtig, LaFee bitte nur in der "Bravo" zu sehen.

Zu sagen hat Christina Klein wenig

Es ist so wie immer im Leben, der Misserfolg ist ein Waisenkind, und der Erfolg hat viele Väter. Bei Christina Klein will jeder ein bisschen miterfunden haben. Bob Arnz, der Produzent, die "Bravo"-Macher und natürlich auch die Emi, die Kölner Plattenfirma. "Uns wurde das einmalige künstlerische Potenzial schon beim ersten Treffen deutlich, wir hatten sofort eine klare Vision für die Künstlerin", sagt Emi-Chefin Birgit Adels etwas gestelzt, "sie passt in ein bestimmtes Teenie-Segment: 80 Prozent ihrer Fans hätten LaFee gerne als große Schwester. Doch darüber hinaus verbindet sie mystische Fantasy-Erlebniswelt mit frecher Sprache und schafft damit ein vollkommen neues, eigenes Genre." Ein paar Tage mit der kleinen LaFee-Fabrik unterwegs zu sein heißt, immer wieder ähnliche Szenen zu sehen: Bob Arnz sagt etwas, irgendjemand von "Bravo" sagt etwas, jemand von der Plattenfirma sagt etwas. Nur Christina Klein sagt wenig.

Ein katapultartiges Leben führt zum Kindheitsverlust

Und wenn sie dann, wie nach einem Auftritt in Leipzig, ein Dutzend Interviews geben muss, sitzt einer aus der Fabrik immer dabei. Zur Kontrolle und zum Schutz gleichzeitig, denn manche Fragen nach dem Authentischen ihrer Texte über Missbrauch oder das erste Mal müssen glaubhaft retourniert werden. "Ich kann leicht darüber singen, weil mir so etwas zum Glück noch nicht passiert ist", sagt Christina Klein dann.

Also, keine Probleme? Christiane Papastefanou, Entwicklungspsychologin an der Uni Mannheim, sieht sehr wohl welche. Ein derart katapultartiges Leben in der Show- und Prominenzwelt führe fast immer zu einem Verlust normaler Kindheit. "Beziehungen brechen ab, der Alltag tritt in die Hintergrund und macht einer Scheinwelt Platz", sagt sie. Teeniestars, so das Problem, entfernen sich aus ihrer Welt und werden doch nie Teil einer anderen Welt, "weil sie von einer Industrie nur benutzt werden", sagt Papastefanou. Aber ist der Erfolg einer LaFee nicht auch die Botschaft, dass es jeder schaffen kann? "Natürlich nicht, es kann ja nicht jeder schaffen, dann gäbe es ja 10 000 Popstars. Die Illusion ist gefährlich, weil sie zu Neid und Minderwertigkeitsgefühlen bei denen führt, die es nicht schaffen." Aber auch der Erfolg sei eine Illusion, "er macht einsam, und die Öffentlichkeit raubt die Intimität".

Noch, sagt Christina Klein, finde sie das nicht schlimm. Doch das "noch" wird leiser, wenn sie erzählt, wie das ist mit den Jungs. "Ich treff schon Jungs, die ich klasse finde. Aber es ist besser, nichts mit denen anzufangen, denn ich kenn die ja nicht, und wer weiß, ob sie am nächsten Tag der "Bild"-Zeitung erzählen, "ich hab mit LaFee geknutscht"." Also erst mal nix mit Jungs. Auch das ist Konzept.

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