HOME

Led Zeppelin: Die Rock-Rente ist sicher

Keine Wiedervereinigung hat eine solche Hysterie ausgelöst wie das Reunion- Konzert der Rocklegende Led Zeppelin. Der stern besuchte den Gitarristen Jimmy Page in London und traf auf einen Mann, der nichts ausgelassen hat

Von Hannes Roß

Ob in den drei silbernen Kannen wirklich nur entkoffeinierter Kaffee sei, möchte er wissen. "Ich will ja keine Überraschung erleben", sagt Jimmy Page, sein Magen sei empfindlich. Dann streicht er sich über den kleinen Kugelbauch und philosophiert über die Bedeutung von Drogen. "Für mich waren sie immer ein integraler Bestandteil im kreativen Schaffensprozess." Ein Nachmittag in London: Auf dem Tisch stehen Käsekuchen und Mandelgebäck, und Jimmy Page, Gründer und Gitarrist der Rockband Led Zeppelin, redet über die Exzesse von früher. 2007 ist das Jahr der Best-Age-Rocker. The Police, The Who oder Genesis, sie alle rauften sich wieder zusammen, sie alle gingen auf große Rock-Butterfahrt rund um die Welt. Doch bisher hat keine Wiedervereinigung eine derartige Hysterie ausgelöst wie die von Led Zeppelin. 20 Millionen Fans versuchten Tickets für das einmalige Reunion-Konzert in London zu ergattern, das gerade auf den 10. Dezember verschoben wurde, weil sich Jimmy Page einen Finger gebrochen hat.

Leider passen nur 20.000 Zuschauer ins Stadion. Derzeit werden die Karten für 1.400 Euro im Internet gehandelt, Tendenz steigend. Für welches Konzert würde Jimmy Page selbst so viel Geld ausgeben? "Da Elvis tot ist, bleibt eigentlich nur Led Zeppelin übrig." So reden sie, die Rockstars. Besonders, wenn sie in die Jahre kommen und zu Hause schon einen Ehrenorden von der Queen hängen haben wie Jimmy Page. Aber der Größenwahn des 63-Jährigen hat auch einen guten Grund: Led Zeppelin, gegründet 1968, aufgelöst 1980, gelten als die Mutter aller Hardrock- und Heavy-Metal- Bands, als Begründer eines ganzen Musikgenres, in dem bis heute Hunderte von Millionen umgesetzt werden. Die Faszination von Led Zeppelin mit ihrem wuchtigen Sound aus Folk, Rock, Blues und orientalischen Klängen scheint dabei von einer Generation auf die nächste zu springen. Allein seit 1990 hat die Gruppe mehr als 20 Millionen CDs verkauft - 38 Prozent der Käufer waren jünger als 25 Jahre. So ist es kein Wunder, dass zum Reunion- Konzert gleich noch die Konzert-DVD "The Song Remains The Same" und die Best-of-CD "Mothership" (siehe Kasten) auf den Markt geworfen werden.

"Wir wussten vorher häufig nicht, ob ein Lied 3 oder 30 Minuten dauern würde"

Fragt man Page, ob das denn nach all den Greatest- Hits-Alben, die es schon gibt, noch nötig sei, zuckt er nur kurz mit den Schultern und sagt: "Na ja, die Plattenfirma fragt mich jedes Jahr, ob ich eine Best-of-CD zusammenstelle, und alle vier Jahre tue ich’s einfach." Jimmy Page ist so etwas wie der strenge Nachlassverwalter der Gruppe, illegale Mitschnitte alter Konzertaufnahmen auf irgendwelchen Flohmärkten auftauchen. Die übrigen noch lebenden Mitglieder, Sänger Robert Plant und Bassist John Paul Jones, probierten in den vergangenen Jahren alles, um dem langen Schatten von Led Zeppelin zu entkommen. Plant sang vergebens auf mehr oder minder gelungenen Solo-CDs dem Erfolg hinterher, während sich Bassist John Paul Jones fast vollständig ins stille Produzentenfach zurückzog. Was verbindet sie heute noch? "Vielleicht nicht mehr viel, wir sehen uns eigentlich so gut wie nie", sagt Page, "aber wir waren mal eine Gang. Das ist das gemeinsame Band." "Die Gang" fand 1968 zusammen, im Keller eines Plattenladens in London.

Robert Plant, der Schönling mit blonder Löwenmähne und hautengen Jeans, Jimmy Page, das Wunderkind an der Gitarre, der schüchterne Bassist John Paul Jones und das fleischgewordene Schlagzeug-Gewitter John Bonham. Eine brillante Kombination von Ausnahmemusikern, was sich vor allem bei den bombastischen Live-Konzerten der Band zeigte. Nicht selten spielten sie drei, vier Stunden, oft ohne Plan, voller Überraschungen. "Wir wussten vorher häufig nicht, ob ein Lied 3 oder 30 Minuten dauern würde. Das hat sich beim Spielen ergeben." Led Zeppelin mit ihrem brachialen Rock ("Whole Lotta Love") und ihren ausufernden Balladen ("Stairway To Heaven") waren die Antwort auf die braven Hippie- Schwärmereien der 60er Jahre: Whisky statt Yogi-Tee, Hedonismus statt Meditation und zum Reisen ein Flugzeug namens "Starship". Es gibt viele schöne Geschichten aus dieser Zeit, zum Beispiel vom Besuch eines Geisha-Hauses nach einem Konzert in Hiroshima, wo die Gruppe angeblich sämtliche Geishas unter den Tisch getrunken haben soll. Daraufhin wurde ein Schwung neuer Geishas zum Weitertrinken bestellt.

"Ich wollte unser Andenken nicht zerstören"

Jimmy Page kann darüber heute nur noch milde lächeln. "Ja, kann sein, dass das passiert ist." Er möchte jetzt nicht so gern über besoffene Geishas sprechen. "Die Hälfte unseres Rufes liegt sowieso darin begründet, dass wir nie etwas dementiert haben." So entstanden damals die wildesten Gerüchte. Mal hieß es, man könne beim Rückwärtsabspielen von Led-Zeppelin- Platten Satansbotschaften hören, auch wurde behauptet, die Gruppe habe für den Erfolg ihre Seelen an den Teufel verkauft. Was wohl daran lag, dass sich Jimmy Page als Fan des Okkultisten und Satansanhängers Aleister Crowley zu erkennen gegeben hatte. "Ich kaufte mir damals sogar ein Haus von Crowley am Loch Ness in Schottland, weil ich glaubte, darin könnte ich bessere Lieder schreiben", sagt er und klingt dabei wie ein Schuljunge, der davon erzählt, wie er Kaugummi unter die Türklinke im Lehrerzimmer geklebt hat. Das mit Crowley sei natürlich bescheuert gewesen. "Ich war damals Anfang zwanzig, hatte einen Haufen Geld und wusste nicht so recht, wohin damit."

Das Ende der Band kam mit dem Tod von John Bonham. Der Schlagzeuger erstickte 1980 an seinem Erbrochenen, nachdem er sich bei Proben in London sinnlos betrunken hatte. "Uns war klar: Ohne ihn würde es keine Band mehr geben", sagt Page. Zweimal standen Led Zeppelin seitdem noch gemeinsam auf der Bühne, 1985 beim Live-Aid-Konzert und 1988 anlässlich einer Jubiläumsfeier ihrer Plattenfirma. Die DVD-Vermarktung ihres Live-Aid-Konzertes ließ Page stoppen, weil er so unglücklich mit dem Auftritt war. "Ich wollte unser Andenken nicht zerstören", sagt er und guckt traurig. Dann schüttet er sich den letzten Schluck entkoffeinierten Kaffee ein. Zwei Kannen hat er geschafft. Draußen wird es dunkel. Jimmy Page steht auf. Er müsse jetzt gehen, sagt er. Morgen früh begännen die sechswöchigen Proben für das Konzert. "Ich will das nicht in den Sand setzen, sonst muss ich vielleicht noch einmal mit 70 auf die Bühne."

print