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Madonna: Vorbild-Frau mit dünnem Stimmchen

Ausgerechnet das prollige Techno-Trio Scooter verdrängt Madonnas Album "Hard Candy" von der Chartspitze. Irgendwie peinlich für die Frau, die sonst die Trends setzt und sich angeblich immer wieder neu erfindet. Doch das ist ohnehin eines der größten Missverständnisse der Popgeschichte.

Von Thomas Winkler

Sie ist in einem Alter, in dem andere bereits über Enkelkinder nachdenken. Er ist Mitte 20, unrasiert, aber ansonsten makellos. Sie reißen sich die Kleider vom Leib. Die Körper winden sich im Rhythmus, Münder verschmelzen … Das, was Madonna mit ihrem Duettpartner Justin Timberlake im Video "4 Minutes" veranstaltet, wäre vor nicht allzu langer Zeit womöglich noch als Verführung Schutzbefohlener missbilligt worden. Doch niemand besitzt ein so sicheres Gespür für den aktuellen Diskussionsstand in Genderfragen wie Madonna - also steht uns nun das Zeitalter der generationenübergreifenden Liebe bevor.

Es wird wieder viel geredet über Madonna. Das neue Album "Hard Candy" ist dabei nur ein Anlass unter vielen: Vor exakt zweieinhalb Jahrzehnten erschien mit "Madonna" das Debüt der Künstlerin. Im Dezember präsentierte sie ihre erste Regiearbeit "Filth and Wisdom", im März wurde sie feierlich in die Hall of Fame des Rock'n'Roll in Cleveland aufgenommen. Kurz darauf überholte sie mit ihrer 73. Billboardsingle den bisherigen Weltrekordler Elvis Presley. Und Madonna Louise Ritchie, geborene Ciccone, wird am 16. August 50.

Nun setzt er also wieder ein, der Chor der Laudatoren. Sie bescheinigen ihr, sich auf "Hard Candy" neu erfunden zu haben. Man nennt sie Chamäleon, wie immer. Für die neuste Reinkarnation hat sie mit den Produzenten Timbaland, Pharrell Williams und Kanye West die amtierenden Branchenführer engagiert. Dazu den zum ernst zu nehmenden Künstler mutierten Exteeniestar Timberlake, auch er einer, der sich neu erfunden hat. Mit diesem Team stellt Madonna nun eine artifizielle Nähe zum Rap her. Wer mehr als 300 Millionen Tonträger verkauft hat, der weiß, wie das Geschäft funktioniert.

Die Erfolgsformel: dünnes Stimmchen plus Elektronik

Denn tatsächlich haben wir es gar nicht mit einer neuen, sondern wieder einmal mit derselben Madonna zu tun. Die ist, zugegeben, eine Meisterin der Masken. Aber ihr Erfolgsgeheimnis besteht, wie bei den meisten dauerhaft erfolgreichen Künstlern, vor allem darin, ein gewinnbringendes Modell immer wieder leicht variiert aufzulegen. Jeder clevere Unterhalter weiß: Es gibt kaum eine schnellere Methode, sich ins Abseits zu befördern, als sich grundsätzlich zu verändern. Radikale Umgestaltung? Interessiert nur die Kritiker. Doch ein relevantes Publikum ist viel zu träge, eine echte Innovation mitzutragen.

Madonna, so heißt es trotzdem, erfände sich neu, mit jedem Album, mit jedem Image, mit jedem Stilwechsel, mit jeder Inkarnation. Das allerdings wird über fast jeden erzählt, der mehr als ein paar Jahre halbwegs erfolgreich ist und es außerdem schafft, hin und wieder zum Friseur zu gehen. So hat sich auch David Bowie alle naslang neu erfunden, selbst über knorrige alte Herren wie Van Morrison oder Neil Young erzählt man sich das. Tatsächlich aber haben David Bowie, Neil Young, Van Morrison oder Lou Reed in ihren Karrieren schon derart krasse musikalische Kehrtwendungen vollzogen, dass Madonna dafür mit einem künstlerischen Schleudertrauma bezahlt hätte.

Hört man aufmerksam ihre Alben seit 1983, fällt eins auf: Über Jahrzehnte wandelt sie dasselbe musikalische Muster leicht ab, wenn auch mit viel Fantasie, technischem Aufwand und großer Handwerkskunst. Unter ihr - wie sie selbst zugibt - eher dünnes Stimmchen hat Madonna sich stets Mainstreampop auf elektronischer Basis mischen lassen. Anfangs war der dominiert vom Sequenzerflattern, ein Nachhall der Disco-Ära. Danach wurden die jeweils neuesten und doch bereits Mainstream-verträglichen Synthesizer, schließlich die aktuelle Computertechnik eingesetzt. Wenn man Madonnas musikalische Entwicklung auf einen Nenner bringen will, dann kann man sagen: Sie bestand vor allem in der Anwendung bestehender technischer Möglichkeiten.

Wer in ihrer Musik nach kreativer Leistung sucht, wird nicht fündig. Dabei ist Madonna nicht nur technisch, sondern auch wirtschaftlich stets auf dem Stand der Dinge. Mit der eigenen Plattenfirma Maverick sicherte sie sich Anfang der 90er-Jahre nicht nur selbst die völlige Kontrolle übers eigene Schaffen, sondern verdiente auch am Erfolg anderer - wie Alanis Morissette, The Prodigy oder Michelle Branch. 2007 schließlich schloss sie als erster Weltstar einen 120-Millionen-Dollar-Vertrag über zehn Jahre mit Live Nation. Der US-Konzertveranstalter sichert sich neuerdings die Gesamtrechte an Musikern, die mit Platten eh kaum noch Geld verdienen können. Mit ihrer Unterschrift bewies Madonna, dass sie den Umbruch der Musikbranche erkannt hat - und vorausschauend gegensteuert.

Auch musikalisch hat sie immer im richtigen Moment genau jene Produzenten verpflichtet, die soeben den Schritt von der Avantgarde in den Mainstream vollzogen hatten. Ein Muster, das sich nun, auf ihrem neuen Album, vielleicht sogar einen Tick zu spät wiederholt. Denn Timbaland und Williams haben ihren Sound, der die Charts dominiert, bereits Anfang des neuen Jahrtausends entworfen. Allerdings gilt er durchaus noch als fortschrittlich - wenn auch nur mangels Alternativen.

Doch wer in der Musik nach Madonnas kreativer Leistung sucht, der wird nicht fündig werden. Die Musik ist nur das Medium für ihr eigentliches Können: jeweils aktuelle gesellschaftliche Diskussionen in Popkultur zu übersetzen. Der Diskussionsstand zu Feminismus und Geschlechterrollen lässt sich an den jeweiligen Erscheinungsformen der Kunstfigur Madonna ablesen. Niemand reagiert so sensibel wie sie auf frauenspezifische Entwicklungen, niemand fügt sie so geschickt und passgenau ein ins stimmige Gesamtbild.

Vertonte Dossiers von Frauenzeitschriften

Mit dem ersten großen Erfolg "Like a Virgin" (1984) schaffte es Madonna, den Feminismus mit dem Femininen zu verbinden. In den frühen 90ern entdeckte sie mit "Erotica" (1992) den Sex als Waffe im Geschlechterkampf. "Bedtime Stories" (1994) definierte die radikale Öffnung des privaten Raums als Schutzstrategie. In "Ray of Light" (1998) spiegelte sich dann die New-Age-Mode und der Rückzug in eine neue Besinnlichkeit, während "American Life" (2003) aus dem Privaten das Politische ableitete. "Confessions on a Dance Floor" (2005) reflektierte, wie man auch als Mutter noch fit und sexy bleiben kann - und "Hard Candy" ermuntert nun eine dem Jugendwahn verfallene Gesellschaft zu konsequentem Handeln: Wenn wir schon alle "young-minded" bleiben bis zur Rente, dann sollten wir auch bei der Wahl des Sexpartners keine Altersbarrieren mehr akzeptieren.

Jede dieser Phasen hatte ihre Entsprechung in den gesellschaftlichen Entwicklungen des Westens. Madonna übersetzt sie für ihre Fans, lebt vor, probiert stellvertretend aus - von der sexuellen Selbstermächtigung über die Mutterschaft bis zur Adoption. Ihre Musik, so sehr sie auch Radiofutter sein mag, beschäftigt sich doch auch stets mit dem modernen Frauenbild - und ihre Urheberin demonstriert wie nebenbei, wie man Beruf und Familie miteinander vereinbaren, Zeit fürs Fitnesstraining erübrigen und weiter tollen Sex haben kann. Bösartig könnte man sagen: Madonna vertont in schöner Regelmäßigkeit die Dossiers von Frauenzeitschriften.

Das ist natürlich auch eine Leistung - vielleicht eine größere, als nur gute Popalben zu veröffentlichen. Madonna ist weniger als Musikerin ein Vorbild, sondern vor allem als Frau - schon immer und immer wieder. Ob das ihren Geschlechtsgenossinnen mehr Mut als Angst macht, ist allerdings noch nicht komplett erforscht.