HOME

Morrissey live: Der Messias findet zur Herde zurück

Im vergangenen Jahr gab der Ex-Smiths-Sänger Morrissey mehrere Konzerte in seiner Heimat England - und wurde vom Publikum mit offenen Armen aufgenommen.

Von Carsten Heidböhmer

Als das Popidol Morrissey Anfang der 90er Jahre seiner Heimat den Rücken zukehrte und seinen Wohnsitz ins sonnige Kalifornien verlegte, hat dies für eine Dekade ein unterkühltes Verhältnis zu seinen britischen Fans zur Folge. Erst der Charterfolg seines letztjährigen Albums "You Are the Quarry" brachte eine Annäherung, die der Sänger mit mehreren Live-Auftritten in England besiegelte. Einen Höhepunkt dieser Versöhnung bildete das Konzert am 22. Mai 2004 in der Heimatstadt Manchester - genau an seinem 45. Geburtstag -, das jetzt unter den Titel "Who put the M in Manchester?" auf DVD erschienen ist.

Der langjährige Smiths-Fan wird diesem Ereignis zunächst einmal mit einer gehörigen Portion Skepsis beiwohnen: Ausgerechnet Morrissey lässt sich hier als Idol der Massen feiern? Dabei war er doch der einzige Trostspender in dunklen Teenager-Tagen. Der treue Begleiter durch all das jugendliche Leiden an der Schlechtigkeit der Welt, das eigene Unverstandensein, die Tücken der Pubertät und das Heranwachsen in den miefigen Kohl-Jahren. In all den Qualen waren Morrisseys charismatische Stimme und seine von Selbstzweifel, Weltekel und Mitleidspathos getränkten Texte ein Licht in der Finsternis. Und ausgerechnet dieser einstige Hoffnungsschimmer steht nun, von fetten Scheinwerfern bestrahlt und von zehntausend Kehlen umjubelt, auf der Bühne der ausverkauften ManArena?

Atmosphäre wie bei einem Klassentreffen

Lässt man derartige Bedenken beiseite, steht einem runden Konzertabend am heimischen Fernseher nichts mehr im Wege. Denn Steven Patrick Morrissey präsentiert sich als Entertainer allererster Güte. In rund 90 Minuten spannt der Sänger einen Bogen von seinen aktuellen Hits bis hin zu alten Schmerzhymnen aus der Smiths-Ära. Klassiker wie "Every Day is like Sunday" reihen sich nahtlos an aktuelle Hits wie "First of the Gang to Day". Die Atmosphäre ist gelöst, herzlich, euphorisch, fast wie bei einem alten Klassentreffen. Fast ist man geneigt zu glauben, dass Zeit (und Musik!) vielleicht doch auch seelische Wunden heilt.

Selten hat ein Publikum mit den leidvollen Stunden seiner Vergangenheit derart triumphal Frieden geschlossen. Für diese Party ist Morrissey der ideale Zeremonienmeister. Stimmlich voll auf der Höhe, wächst sein Charisma sogar noch mit zunehmendem Alter; in punkto Ausstrahlung, Eleganz und Charme kann es ohnehin schon lange kein Sänger mehr mit ihm aufnehmen - wer bitteschön ist eigentlich Robbie Williams? Und wenn er in einer Szene eine Rose in Publikum wirft und dann Daumen und Zeigefinger zu einem Revolver formt, erscheint er plötzlich als der einzig legitime James-Bond-Nachfolger - wie es überhaupt in solchen Momenten keine Anforderung zu geben scheint, der er nicht gewachsen wäre. Genau in dieser Rolle des Messias sonnt sich der eitle Wahl-Kalifornier gern: drunter macht er's nicht mehr. Die Funktion des spirituellen Führers seiner Generation ist ihm schon lange unstrittig.

Party mit Gänsehaut

Wer sich dem Künstler lieber fernab der großen Gesten rein akustisch nähern möchte, kann auf die ebenfalls frisch erschienene CD "Live At Earls Court" zurückgreifen. Am 18. Dezember 2004 feierte der Sänger in London mit 17.000 Fans vorgezogene Weihnachten. Wie schon bei der Live-DVD singt Morrissey auch hier Songs aus allen Stationen seiner Karriere - und auch hier nimmt ihn das Publikum mit offenen Armen auf. Songs aus düstersten Smiths-Tagen funktionieren auch 20 Jahre später erstaunlich gut. "How Soon is Now" oder "Last night I dreamed that somebody loved me" stiften nachträglich keine falsche Harmonie und erzeugen noch immer Gänsehaut. Die rockigen Hits der jüngsten Platte sorgen aber dafür, dass aus dem Konzert eine Trauerfeier wird.

Beide Tonträger zusammen dokumentieren einen erstaunlichen Live-Künster, der vor allem eines lehrt: Wie man in Würde altert, ohne das Erbe seiner Jugend zu verraten. Und: wie wichtig auch für den erwachsenen, nicht-katholischen Musikhörer absolute, unhintergehbare Autoritäten sind.

Themen in diesem Artikel