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Musikmesse Popkomm: "Die Marktlage ist dramatisch"

450 Bands, 886 Aussteller aus 57 Ländern und 15.000 Fachbesucher: Die Musikmesse Popkomm, die in Berlin beginnt, verzeichnet eine Rekordbeteiligung. Trotzdem jammern Plattenfirmen und Verleger, denn der Umsatz sinkt.

Von Kathrin Buchner

Sägespäne liegen auf dem Boden der Hallen im Berliner Messehallen, Vorhänge aus bunten Plastikkugeln werden geputzt, Spanplatten verschraubt - wer die Pressekonferenz zur Eröffnung der Musikmesse Popkomm besucht, dessen Weg führt über Baustellen. In der Lounge am Funkturm sitzen vier Männer in dunklen Anzügen und eine Frau in grauer Strickjacke und hohen schwarzen Stiefeln. Katja Bittner, 29, ist seit 2005 Direktorin der Popkomm und damit oberste Musikbeauftragte Deutschlands sozusagen. Schließlich gilt die Messe als eines der wichtigsten Branchentreffen weltweit.

"Amateurisierung" des Musikgeschäfts

Und eigentlich hat Bittner allen Gründ, sich zu freuen. "Wir können international mithalten", sagt sie. Zu recht. Fast 900 Aussteller aus 57 Ländern, 15.000 Fachbesucher und 450 Bands besuchen die Messe in nur vier Tagen. Die Zahlen sind imposant. Trotzdem macht Bittner ein besorgtes Gesicht. Ebenso wie ihre Mitstreiter auf dem Podium. Professor Dr. Rolf Budde, der einen Musikverlag hat, beschwört ein Krisenszenario. "Die Marktlage ist dramatisch", sagt Budde. Zwar werde immer mehr Musik genutzt, aber immer weniger Geld dafür gezahlt. Er spricht gar von einer "Amateurisierung" des Musikgeschäfts und bezeichnet es als "Unverschämtheit", dass Künstler und Verleger durch illegale Downloads um ihre Tantiemen betrogen würden.

Es ist das Dauer-Jammerthema einer jeglichen Musikmesse. Der Markt für Tonträger schrumpfte im vergangenen Jahr um 2,4 Prozent auf 1,7 Milliarden Euro zurückgegangen. Ein Trostpflaster für die Industrie: Auch die Zahl der illegalen Downloads ist zurückgegangen, nämlich von geschätzten 412 Millionen auf 347 Millionen. Trotzdem kommen auf einen legalen immer noch 14 illegale Downloads.

Rekordgewinn bei Konzerttickets

Kompensiert werden die sinkenden Verkaufszahlen bei den CDs dadurch, dass die Deutschen immer mehr Geld für Konzerttickets ausgeben. Live-Musik ist im Trend: Jeder dritte Deutsche über zehn Jahre war mindestens einmal im Jahr bei einem Konzert, Musical oder Festival. Damit werden 2007 voraussichtlich 2,88 Milliarden Euro erwirtschaftet - so viel wie noch nie. Das ist das Ergebnis einer Studie des Marktforschungsunternehmens GfK, die am Dienstag im Rahmen der Popkomm vorgestellt wurde. Dabei sein ist offensichtlich alles. Um sich das Vergnügen, seine Stars so hautnah wie möglich zu erleben, wird woanders gespart. "Es gibt bei etlichen Musikfans die Haltung: Wir geben unser Geld lieber für Konzerttickets aus, und sparen uns dafür die Tonträger", sagt Jens Michow, Präsident des Bundesverbandes der Veranstaltungswirtschaft (idkv), der die Studie vorstellte.

Für Verdruss sorgt sowohl bei Fans als auch bei Veranstaltern die Tatsache, dass bekannte Künstler wie Madonna oder die Rolling Stones immer mehr Geld für ihre Shows verlangen. Ticketpreise von über 100 Euro sind keine Seltenheit. "Die Einkommensausfälle durch mangelnde CD-Verkäufe mit hohen Ticketpreisen zu kompensieren, funktioniert nicht langfristig", sagt Michael Bisping, Geschäftsführer der A.S.S. Konzertagentur.

Dass die Bedingungen für Musiker in Deutschland verbessert werden müssen, darin sind sich Wirtschaft und Politik einig. Schließlich ist Musik ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. 1,7 Milliarden Euro wurden hierzulande im vergangenen Jahr damit umgesetzt. Im Ranking der umsatzstärksten Musikmärkte weltweit liegt Deutschland damit immerhin an vierter Stelle. Sogar Wirtschaftsminister Michael Glos hat das Potential, das darin liegt, erkannt und wird die Popkomm am Mittwoch besuchen. Bis dahin sind sämtliche Sperrholzplatten verschraubt und die Dekorationen der Messestände auf Hochglanz gebracht. The Show must go on.

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