Fran Healy im Interview Travis steigen aus


Alle Jahre wieder zum Branchentreff Popkomm jammert die Musikindustrie über sinkende Verkaufszahlen und Piraterie. Travis-Frontmann Fran Healy hat die Zukunft gesehen: Im Gespräch mit stern.de prophezeit er den Untergang der großen Plattenfirmen und eine harte Zeit für junge Bands.
Von Sophie Albers

Man müsse der Krise den Beigeschmack der Katastrophe nehmen, hat Popkomm-Chef Ralf Kleinhenz zur Eröffnung der Musikmesse in Berlin gesagt. Immerhin sei die Zahl der legalen Kopien aus dem Internet gestiegen. Trotzdem heißt es, die Branche habe seit 2000 beim Musikverkauf fast 40 Prozent ihres Umsatzes eingebüßt. Da wäre die internationale Musikmesse doch eigentlich ein willkommener Anlass, um über die Wünsche und Anforderungen der jungen Kundschaft nachzudenken, anstatt weiterhin über Raubkopierer zu schimpfen. Das sieht auch Fran Healy so, Frontmann der schottischen Band Travis.

Herr Healy, nach zwölf Jahren haben Sie Ihr Label verlassen und ein eigenes gegründet. Die Plattenfirma Universal übernimmt nur noch den Vertrieb der Alben von Travis. Warum?

Wir haben Lizenzen vergeben. Im Oktober ist der alte Plattenvertrag ausgelaufen. Es war wie das Ende einer Beziehung. Wir mussten weiter. Als wir angefangen haben, das Album aufzunehmen, haben wir gedacht, wir kümmern uns später um einen neuen Vertrag. Als wir fast fertig waren, dachten wir plötzlich: Warum machen wir es eigentlich nicht selbst?!

Ist Travis der nächste Nagel im Sarg der großen Labels?

Nee, das glaube ich nicht. Aber ich habe ein Bild für Sie, das ganz gut erklärt, was passiert ist: Als wir angefangen haben, waren wir vier Jungs in einem kleinen Ruderboot, die gut gelaunt den Fluss runtergepaddelt sind. Dann hatten wir das Glück, großen Erfolg zu haben, und plötzlich saßen wir auf diesem riesigen Schiff. Irgendwann will man aber vielleicht mal die Richtung ändern, und dann merkt man dass man im Ruderboot nur auf der einen Seite ein bisschen kräftiger paddeln muss. Auf dem großen Schiff braucht man vier Wochen, um das Ding umzudrehen. Da geht alles viel langsamer, ist viel umständlicher. Wir sind ins Rettungsboot gesprungen und rudern jetzt weg von der Titanic.

Gute Güte! Große Labels sind die Titanic?

Aber wenn die Titanic untergeht, wird etwas anderes auftauchen.

Der Eisberg.

Ja, wer weiß. Vielleicht ist der Eisberg das neue Ding. Was die Titanic versenkt, sind neue Menschen mit neuen Ideen. Junge Menschen. Wir beide gehören zur Generation X. Die, die kommen, heißen Millennials, habe ich gehört. Diese Leute zahlen nicht für Musik, sie glauben nicht, dass sie das müssen. Aber die Generation X zahlt noch dafür. Es gibt Millionen Leute, die Platten kaufen, aber es gibt eben auch einen Haufen Leute, die es nicht tun. Und diese Leute haben mittlerweile auch Jobs bei den Plattenlabels, oder sie ziehen eigene Firmen auf. Die haben eine ganz andere Sicht auf die Dinge. Ich glaube, im Augenblick ist der perfekte Zeitpunkt, um nichts mit den großen Schiffen zu tun zu haben.

Aber was genau versenkt die Titanic?

Bei unserem alten Label [Independiente/Sony, Anm.d.Red.] war es so, dass wir bei jedem Album mit völlig neuen Leuten arbeiten mussten. Plötzlich sitzen da BMG-Leute, dann sitzen da wieder Sony-Leute. Es ändert sich andauernd. Dabei geht es in diesem Geschäft doch um Beziehungen. Darum, dass man die Leute kennt, mit denen man arbeitet und die dann beispielsweise die Leute in den Radiostationen gut kennen. Aber auch die wechseln jetzt dauernd. Die Karrieren werden immer kürzer, und das hat einen ziemlich großen Effekt auf die Karrieren von Bands. Das wächst nicht mehr organisch. Wenn dein erstes Album kein Erfolg ist, bist du weg vom Fenster. Der Nächste bitte. Das ist die Titanic.

Reichen diesmal wenigstens die Rettungsboote, oder geht die Musikindustrie samt Künstlern und Mitarbeitern unter?

Wir sitzen hier bei Universal, der größten Plattenfirma der Welt und somit auf dem Aussichtsdeck der Titanic. Und nun hüpfen gerade alle auf den Eisberg. Glauben Sie mir, das sind schlaue Leute. Die Musikindustrie wird niemals verschwinden. Aber sie wird sich verändern, sich in andere Dinge verwandeln. Wir stehen gerade an einem Kreuzweg. Die alte Schule und die neue Schule krachen aufeinander. Und heraus kommt etwas Neues.

Und was ist das?

Das weiß ich auch nicht, aber es hat definitiv mit dem Internet zu tun. Und es hat definitiv mit Internetanbietern zu tun. Heute zahlst du im Monat 30 Pfund an deinen Internetanbieter - hier ist das T-online oder so was - und die verdienen damit Millionen. Die Websites verdienen ihr Geld mit Werbung, die Radiostationen auch. Da steckt eine Menge Geld drin, aber es ist im Augenblick blockiert. Die Künstler bekommen davon nämlich nichts ab. Um die Plattenfirmen mache ich mir keine Sorgen, die werden immer Geld haben. Aber ich mache mir Sorgen um die Künstler.

Und wie sollen die an ihr Geld kommen?

Die Internetanbieter müssen einen Teil des Geldes an die Künstler abführen - von dem Geld, das du ihnen zahlst. So wie es in Großbritannien die BBC macht: Hier zahlt man ein Mal jährlich eine Lizenzgebühr von 52 Pfund und kann so viel ferngucken und Radio hören wie man will. Die privaten Stationen kriegen Geld für die Werbung zwischen den Songs. Von dem Geld kriegt der Künstler was, wenn sein Song gespielt wird. Wenn du viel gespielt wirst, kommt da ganz schön was zusammen. Wenn du eine neue Band bist, bezahlt dir das deine Brötchen. Das ist dein Geld. Mit Plattenverträgen verdienst du nicht viel. Das ist eine Illusion. Du musst immer irgendwas zurückzahlen.

Wie sieht die Zukunft Ihrer Meinung nach also aus?

Du hast deinen Internetanbieter, deine Internetverbindung und gehst auf Youtube: Hm, will ich die neue Slipknot-Single hören oder lieber die von Travis? Du zahlst, um Musik zu hören. Aber die, denen du dein Geld gibst, zahlen nichts an die Leute, die die Musik machen. Dabei liegt es in ihrer Verantwortung. Aber nein, die beschränken sich im Moment darauf, Leute zu verklagen, die Musik illegal runterladen. Das ist nicht fair, das ist lächerlich. Eigentlich müssten die verklagt werden. Sie ziehen doch das Geld raus. Wenn man dem Internet das Entertainment nehmen würde, dann hätten wir kein Internet mehr.

Wir stecken also mitten in einer Revolution.

Ja, und es ist großartig! Es ist eine verdammt gute Zeit. Die Menschen werden nie aufhören, Musik zu machen. Wir haben gesungen, bevor wir sprechen konnten. Musik wird immer da sein. Aber der Weg, wie man an Musik kommt, ändert sich. Und das ist cool.

Fühlen Sie sich mit dem eigenen Label mächtiger als vorher?

Einerseits schon, aber wir haben eben das Glück, schon ein Publikum zu haben. Wir hatten das Glück, einen Vertrag zu kriegen. Junge Bands haben heute ein Problem: Wie werden sie bekannt? Es ist teuer, ein Album aufzunehmen und zu touren.

Frisst die Revolution also den Nachwuchs?

Im Augenblick schon, weil sie noch nicht abgeschlossen ist. Ich fürchte, einige Bands werden durchs Gitter fallen. Und bei den Labels verlieren Leute ihre Jobs. Wissen sie was: Die Musikindustrie könnte mittlerweile alles verkaufen, weil es Riesenkonzerne geworden sind. Die können auch Cola verkaufen oder Fahrräder, was weiß ich. Im Kern gibt es zwar noch diese Leute, die die Musik wirklich lieben. Über denen sitzen aber diese Unternehmenstypen im Anzug, die große Entscheidungen treffen müssen über riesige Mengen Geld. Da geht es um Übernahmen und Anteile. Das ist langweilig. Aber das ist die Realität des Geschäfts. Aber die verändert sich ja nun. Zum Glück.

Das neue Album von Travis heißt "Ode to J. Smith". Die Musikmesse Popkomm endet am 10. Oktober.


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