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Berlin: Die gekaufte Kultur

Hauptstadt im Kaufrausch: Berlin bezahlt Unternehmen Millionen für den Umzug an die Spree. Vor allem Medienbetriebe, Musikfirmen und Buchverlage stehen auf dem Einkaufszettel. Finanziert wird das nicht nur von Bund und EU, sondern auch von den Bundesländern. Die haben mittlerweile genug und gehen auf die Barrikaden.

Von Anja Lösel und Johannes Musial

Frankfurt ist beleidigt. Hamburg auch. Und Köln sowieso. Berlin zieht gute Leute und imageträchtige Kultur- und Medienunternehmen ab - mit Tricks und Lockmitteln, die kaum einer ablehnen kann in diesen Krisenzeiten. Universal, MTV und die Popkomm sind schon da. Die "Bild"-Zeitung folgte im vergangenen Jahr. Der traditionsreiche Suhrkamp-Verlag kommt demnächst. Die Deutsche Presseagentur und der Bundesverband Deutscher Galerien wälzen gerade Umzugspläne.

Mit Charme und schick verpackten Geldtüten gehen Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und sein Stellvertreter Harald Wolf (Die Linke) auf Unternehmen zu. "Nicht aggressiv, aber aktiv", so Wolf. Großzügig versprechen sie hübsche Summen und aufregende Immobilien. Doch das Geld, das sie so freigiebig verteilen, stammt gar nicht aus Berlin, sondern aus Entwicklungsprogrammen der EU, dem Länderfinanzausgleich und dem Topf der "GA", der "Gemeinschaftsaufgabe zur Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur". Gefüllt werden letztere von anderen Bundesländern, und die sind inzwischen ziemlich sauer auf Berlin.

Jeder Kulturmensch irgendwo in der Bundesrepublik, der nur ganz leise von Umzugsplänen spricht, kann sicher sein: Berlin wird sich melden und locken. So ging es etwa Klaus Gerrit Friese, dem Vorsitzenden des Bundesverbandes Deutscher Galerien. Kaum war durchgesickert, dass er mit einem Wechsel von Köln nach Berlin liebäugelte, meldete sich auch schon ungefragt Sven Harpering von der öffentlich-privaten "Berlin Partner GmbH", einer Wirtschaftsförderungsgesellschaft des Landes Berlin-Brandenburg. Harpering hatte in seiner Wochenendzeitung von den Umzugsplänen gelesen, schickte am Montag drauf sofort eine E-Mail an Friese und unterbreitete ein "kostenfreies Leistungsangebot". Schnell und clever. Von Beratung zur Finanzierung von Personal und Büros ist da die Rede. Und noch viel besser: von "nicht rückzahlbaren Zuschüssen", etwa für Grundstücke und Häuser. Friese war beeindruckt. Zwar weiß er noch gar nicht, ob die Verbandsmitglieder dem Umzug zustimmen werden, das entscheidet sich erst am 25. Mai. Aber falls es klappt, wird er sich "gerne anhören, was Berlin und Klaus Wowereit uns anzubieten haben".

Berlin als neue Kulturhochburg

Klaus Wowereit träumt schon seit seinem Amtsantritt 2001 von der nationalen und internationalen Kulturhochburg Berlin. Er ist überzeugt: "Kultur ist ein wesentliches Zukunftskapital unserer Stadt." Inzwischen ist sie zu einem Wirtschaftszweig angewachsen, der rund 17,5 Milliarden Euro Umsatz pro Jahr erwirtschaftet. Über zehn Prozent der Berliner haben irgendwas mit Kultur zu tun, sind Künstler, Musiker, Spieleentwickler, Filmproduzenten, Kulturmanager, Schauspieler oder Modemacher. Sie erwirtschaften 21 Prozent des Umsatzes der Berliner Wirtschaft und sind damit wichtiger als in jeder anderen Region. Über 22.900 Kulturunternehmen gibt es in Berlin – vom Ein-Mann-Architekturbüro bis zum Riesenkonzern Universal. Seit 2000 sind die Umsätze der Berliner Kulturwirtschaft um 25 Prozent gewachsen.

Gekommen sind die Unternehmen wegen billiger Mieten, der Nähe zur Regierung, den vielen jungen, hippen und kreativen Menschen, aber auch wegen der Subventionen: 1075 Euro pro Einwohner und Jahr. Allein der Länderfinanzausgleich spült 3,1 Milliarden Euro pro Jahr in die Kassen der Hauptstadt. Berlin kauft sich seine Kulturlandschaft zusammen.

Berlins "arm aber sexy" bleibt

Dass die Stadt mit ihren 59 Milliarden Euro Schulden "arm aber sexy" ist, gerät ihr dabei zum Vorteil. Denn so muss Berlin selbst nicht einzahlen in den Länderfinanzausgleich oder die GA und kann dennoch mit vollen Händen verteilen. "Das ist ausgleichende Gerechtigkeit", findet Harald Wolf, Berliner Senator für Wirtschaft, Technik und Frauen. "Durch die Teilung der Stadt verließen viele Unternehmen Berlin, davon profitierten andere Bundesländer erheblich." Sein Trost für die Vergrätzten: "Jedes Unternehmen, das nach Berlin kommt, mindert den Einzahlungsbetrag des Landes, aus dem es weggeht."

"Das ist instinktlos", ärgert sich in Hessen Hans-Joachim Otto (FDP), Vorsitzender des Ausschusses für Kultur und Medien, "Berlin ist Weltmeister in Subventionen." Hessen als eines der Hauptgeberländer im Länderfinanzausgleich zahlt jährlich fast 2,5 Milliarden Euro ein. Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust (CDU), der 361 Millionen beisteuert, nennt das "Geldumverteilung zu Lasten des Steuerzahlers".

Lockangebot "Berlin im Test"

Unentschlossenen bietet der Senat auch noch das großzügige Paket "Berlin im Test": Für drei Monate bekommen Unternehmer ein komplett ausgestattetes Büro, ein möbliertes Apartment, U- und S-Bahnticket, dazu Rechts-, Steuer- und Unternehmensberatung und Tipps für den richtigen Werbeauftritt in Berlin. Frank Horch, Präsident der Handelskammer Hamburg: "Die Subventionspolitik des Berliner Senats ist zu aggressiv."

Kein Wunder, dass auch Ulla Berkéwicz, die Chefin des Suhrkamp-Verlages, sich locken ließ. "Lady Lenin" war der scherzhafte Name der streng geheimen, zwei Jahre währenden Verhandlungen über die Umzugs-Bedingungen des traditionsreichen Frankfurter Buchunternehmens. Diesmal war Harald Wolf federführend. Berkéwicz und Wolf stammen beide aus Hessen und lebten in den siebziger Jahren in Berlin. Sie im Osten als Dramaturgin, er im Westen als Gründer der trotzkistischen Zeitschrift "Commune". Sowas verbindet. Getroffen haben sie sich damals nicht, "jedenfalls nicht wissentlich", sagt Wolf. Erst jetzt fanden sie zueinander und zettelten gemeinsam die Verschwörung gegen Frankfurt an. Ganz heimlich, still und leise. Wolf: "Das war Chefsache. Wir mussten sehr diskret sein, denn so was kann schnell zerredet werden."

Nicht immer geht es so diskret zu. Manchmal wirbt Berlin auch offensiv. In London gab Wowereit 2008 ein "Business Dinner" für Kreative, um ihnen die Vorteile eines Umzuges nach Berlin schmackhaft zu machen. In Moskau lud er Teilnehmer einer Logistik-Messe ins Kempinski zum Investorenseminar. In San Diego gab es eine "Berlin Night" zur Solar-Messe.

Deutsche Presseagentur jetzt auch?

Ein richtig großer Fang wäre die Deutsche Presseagentur (DPA). Auch sie erwägt den Umzug zumindest einiger Ressorts von Hamburg nach Berlin. "Berliner Mittel, die jedem zur Verfügung stehen, nehmen wir gern in Anspruch", sagt DPA-Sprecher Justus Demmer. In drei Monaten sollen Gremien und Aufsichtsrat abstimmen. "Klaus Wowereit ist informiert, alles andere blocken wir ab." Dennoch "kommen ungefragt Angebote für tolle Grundstücke", so Demmer.

"Wir kaufen keine Unternehmen", versichert hingegen Christoph Lang von "Berlin Partner". Lieber hört er die Wörter Unterstützung und Förderung. Universal etwa, die schon 2001 aus Hamburg nach Berlin kamen, erhielten zehn Millionen Euro. Sat.1, die inzwischen wieder weg sind, 33 Millionen.

Berlin im Filmrausch

Geld zieht auch die Filmindustrie an. Internationale Filmproduktionen wie "Operation Walküre" mit Tom Cruise oder der oskarprämierte Film "Der Vorleser" mit Kate Winslet wurden in Berlin gedreht. Im Gegenzug flossen Millionen vom Medienboard Berlin-Brandenburg und dem Deutschen Filmförderfonds (DFF). Auch Tom Tykwer kam und drehte seinen Film "The International". Als Dankeschön kassierte er 5,8 Millionen Euro Fördergelder. Die anderen deutschen Städte hat Berlin im Filmbusiness bereits abgehängt. Kaum eine Kinopremiere findet noch außerhalb der Spreemetropole statt.

Event-Location Tempelhof

Bei der Modemesse Bread & Butter war eine grandiose Immobilie das schlagende Argument für den Umzug: der Flughafen Tempelhof. Als Klaus Wowereit den extravaganten Dreißiger-Jahre-Bau als Event-Location anbot, war schnell alles klar. "Bread & Butter und Berlin, das ist wie Adam und Eva, die gehören zusammen", verkündete Gründer und Messechef Karl-Heinz Müller nach dem Coup. Die Streetwear-Messe ist ohnehin ein Lieblingskind Wowereits, weil sie cool ist und Festivalcharakter hat. 2005 hatte Wowereit die Messe zu seinem Leidwesen an Barcelona verloren, wo sie 60.000 Besucher anlockte und der Stadt 80 Millionen Euro einbrachte. Dass er sie jetzt wieder zurückgewinnen konnte, ist ein Geniestreich, für den Wowereit sogar in Kauf nahm, andere Tempelhof-Interessenten wie die Filmstudios Babelsberg vor den Kopf zu stoßen.

Übrigens: Auch hier liefen die Verhandlungen von Chef zu Chef, geheim und ohne Abstimmungen. "Stille Diplomatie" nennt man sowas wohl. Wowereit mag das sehr.