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No Angels: Engel im Teufelskostüm

Die No Angels sind nach vierjähriger Auszeit wieder zurück. Die Single "Goodbye to Yesterday" schnellte sofort auf Platz vier der deutschen Charts. Zur Veröffentlichung des neuen Albums standen sie erstmals wieder gemeinsam auf der Bühne und zeigten, wie gut ihnen das Sabbatical getan hat.

Von Kathrin Buchner

Die Engel im Teufels-Look: Schwarz und Rot wählten die Damen für ihren ersten öffentlichen Bühnenauftritt nach der Wiedervereinigung - Ausdruck ihres neuen Selbstbewusstseins: sexy in engen Leggings, mit High Heels, Nadja Benaissa und Jessica Wahls in Kurven-betonenden Oberteilen, Sandy Mölling mit einem ballonartigen schwarzen Überwurf - so präsentieren sie sich gut hundert Fans, Pressevertretern und Verlosungs-Gewinnern im Studio des TV-Senders Viva in Berlin. Nur Lucy Diakovska, das Spice-Girl unter den No Angels, tanzt aus der Reihe. Den weiblichen Look ihrer drei Mitstreiterinnen kontrastiert sie mit schwarzer Adidas-Turnhose.

Passt gut zu ihr. Lucy ist so etwas die Rädelsführerin der Wiedervereinigung. Irgendwann im letzten Jahr hat sie sich in ihrem großen Haus so gelangweilt, dass sie die anderen zu einem Neustart zusammengetrommelt hat. Nur Vanessa Petruo spielt ein bisschen Robbie Williams und glaubt weiterhin an ihre Solokarriere. Bei den anderen hat es allein nicht so richtig gezündet.

Funktionieren perfekt als Team

Aber gemeinsam sind sie ein gutes Team, da stimmt die Chemie immer noch. Das spürt man sofort, wenn die Mädels die Bühne betreten. Die Choreografie sitzt, ohne dass sie hölzern oder einstudiert wirkt. Sandy gibt die strahlende Blondine, spornt das Publikum an, "die Nummer ist Hiphop, ist Rock, ist groovy, gebt alles", Lucy ist die Burschikose mit den flapsigen Kommentaren, Nadja das Vollweib - böse Zungen behaupten, sie hätte den Chirurg an ihre Oberweite gelassen - und Jessica die etwas zurückhaltende Diva.

Es sind keine Püppchen, die da auf der Bühne stehen, sondern Frauen, die wissen, was sie tun. Denen man ihre Erfahrungen der letzten Jahre anmerkt und die es zu schätzen wissen, dass die Fans ihnen noch die Treue halten. Aus den Fehlern der Vergangenheit haben sie gelernt: Sie managen sich selbst, wählen Interview-Termine gezielt aus und lassen sich von der Vermarktungsmaschinerie nicht mehr komplett aufsaugen.

Positiver Reifeprozess in der Auszeit

Und in der Auszeit haben sie genug Energie getankt, um wieder mit Begeisterung an die Sache zu gehen. Als sie ihren Hit "Daylight" spielen, geraten nicht nur die Zuschauer, sondern auch die Engel selbst in Ekstase. Zugabe-Rufe, Gänsehaut-Feeling bei Alison Moyets Soul-Nummer "All cried out". Sex in der Stimme, das haben die Ladys - nicht nur das unterscheidet sie von Retortennachfolgeprodukten wie Bro'Sis oder Monrose. Mitreißend, stimmungsvoll ist die Performance.

Jetzt würde man gerne noch ein bisschen mehr haben. Auch die No Angels haben so richtig Spaß an ihrem ersten Comeback-Auftritt, genießen den Beifall des Publikums, sind sichtlich überwältigt von der Begeisterung, die ihnen entgegenschlägt. "Ihr wart toll, ihr wart fantastisch, es ist so schön, wieder da zu sein". Wie ein Mantra ruft Sandy diese Sätze in ihr Mikro. Und Lucy hüpft wie ein Gummiball über die Bühne, jeden Augenblick könnte sie zum Stage-Diving ins Publikum abheben.

Selbstbestimmt in den Pophimmel

Nach zwei Zugaben ist genug. Trotz verschwitzter Klamotten und glänzender Stirn absolvieren die Vier noch ihren Fototermin. Danach geht's zur Album-Release-Party von ihrem neuen Werk "Destiny" in den Partyraum ihrer Plattenfirma Universal, nur ein paar hundert Meter entfernt. Da tanzen sich Nadja, Jessica und Lucy auch noch die letzten Energienreserven aus dem Leib. Nur Sandy verschwindet ziemlich früh. Einen Gruppenzwang gibt es nicht mehr. Die No Angels entscheiden mittlerweile selbst, wann es genug ist. Selbstbestimmt in den Pophimmel, heißt die neue Devise. Denn die Hölle nach der ersten Erfolgstortour will keiner der Engel mehr durchmachen.