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Rainald Grebe: Spiel's noch einmal, Rainald!

Niemand singt so bitter­böse und komische Lieder über Guido Knopp, Brandenburg und Magersucht wie Rainald Grebe. Der Berliner ist der neue Star der deutschen Comedy-Szene.

Von Hannes Ross

Natürlich könnte man den Mann für einen entlaufenen Irren halten, so, wie er auf die Bühne gerannt kommt: starrer Blick aus eisblauen Augen, ein blonder Kunst-Zottelbart am Kinn, am hageren Körper schlabbert ein beigefarbener Anzug. Dazu stammelt er wirres Zeug. "Die Frau vom Arbeitsamt hat mich angerufen. Ich soll heute für Sie hier singen."

Das Publikum im Berliner Club "Die Wühlmäuse" kreischt vor Vergnügen. Die Leute sind gekommen, um ihr Idol Rainald Grebe zu feiern - den neuen Star der deutschen Kabarettszene. Drei Abende hintereinander ist seine Bühnenshow "Das Robinson- Crusoe-Konzert" ausverkauft.

Rainald Grebe ist anders

Kabarett? Da denkt man an schlecht belüftete Kleinkunstkeller, in denen ergraute Dieter-Hildebrandt-Fans vor überquellenden Aschenbechern hocken und Hefeweizen trinken. Gefangen in einer Zeitschleife seit den 70er Jahren - damals, als es noch links und rechts gab, Gut und Böse, als die Welt so übersichtlich schien wie eine Sandkiste. Rainald Grebe ist anders. Er ist eine Mischung aus Udo Jürgens und Helge Schneider. Klavierpathos trifft auf anarchischen Humor, doch auch damit würde man dem 37-jährigen Berliner wohl Unrecht tun. Grebe hat sich sein eigenes Genre erfunden. Wenn man ihm zuhört, wie er an einem schwarzen Konzertflügel sitzt und schwitzt, mit den Augen sein Publikum immer im Blick, dann wird man hin- und hergeworfen zwischen Tragik und Komik, Nonsens und Satire. Grebe singt über Magersucht ("Pia, Pia, du bist dünn wie ein Abfahrtsski") ebenso wie über Brandenburg ("Da stehn drei Nazis auf dem Hügel/und finden niemanden zum Verprügeln").

Er macht sich über sendungsbewusste Links-Studentinnen lustig ("Dörte hat jetzt zugegeben, sie onaniert auf Andreas Baader/Das ist der Rubbelmann für das Mittelmaßgeschwader") oder über den ZDF-Historiker Guido Knopp ("Er wohnt im deutschen Fernsehen, er wurde dort geboren. In einer WG mit Adolf Hitler und anderen Senioren"). Grebe spannt einen weiten Bogen. Er füllt eine Lücke, von der man bisher gar nicht wusste, dass es sie gibt: ein singender Deutschland-Kolumnist, dessen Lieder an den Chanson-Großmeister Jacques Brel erinnern. Nur: Grebe ist komischer. Ein wahrer Lichtblick zwischen all den Privatfernsehen-Kalauer-Deppen wie Atze Schröder oder Mario Barth.

"Bei mir geht es immer um Einsamkeit, Trauer und Tod", sagt Grebe. Er meint das ganz ernst. Er sitzt an seinem Schreibtisch in seiner Berliner Wohnung, einer renovierten Fabriketage. Überall liegen Zettel mit Kaffeeflecken herum, handgeschriebene Notizen mit neuen Ideen. Es sieht nach Umzug aus. Eine Leiter lehnt an der Wand, halb volle Kartons überall, in der Küche stapelt sich das Leergut. Im Nebenzimmer steht ein schöner weißer Konzertflügel. Grebe denkt über seine Worte nach. Das eben klang vielleicht ein wenig bedeutungsschwer. "Aber meine Texte kippen immer wieder ins Komische. Ich könnte nie ein romantisches Liebeslied schreiben. Das würde mir im Mund verfaulen."

Im Grunde ist seine provinzielle Herkunft seine große Inspirationsquelle. Eine Herkunft, die er mit Millionen Deutschen teilt. Das ist sein Kapital. Er wuchs in einer Reihenhaussiedlung in Frechen bei Köln auf - in den sorglosen 80er Jahren, als Helmut Kohl endlosen Wohlstand versprach und die Deutschen noch daran glaubten. Der Vater war Professor für Buchkunde, die Mutter Lehrerin für Religion. Braves deutsches Bildungsbürgertum. "Das waren nette Leute, die haben mich nie geschlagen", sagt Grebe. So redet er, Ironie schwingt überall mit. Mit 13 sei er unruhig geworden, die Familienidylle beklemmte ihn. Im Keller stand ein verstaubtes Klavier, auf dem seine Schwester nicht mehr spielen wollte. Grebe lernte erst Mozart-Sonaten. Als er genug Akkorde beherrschte, um einen Song zu begleiten, begann er, selbst zu komponieren.

Abrechnung mit der Generation Golf

"Unsere Eltern haben uns mit Hanuta beworfen, unsere Nachbarn mit Niveacreme/ Es hat uns an nichts gefehlt, aber genau das war das Problem", singt Grebe in seinem Song "Familie Gold", eine Abrechnung mit den Generation-Golf-Nostalgikern, die ihre Wohlstandskindheit verklären. "Ich bin ein Bildungsbürgerkind", sagt Grebe, "aber natürlich habe ich auch den Wunsch, mehr zu sein."

Nach dem Abitur geht er nach Berlin, studiert Puppenspiel an der renommierten Ernst-Busch-Schauspielschule, arbeitet dann als Regisseur, Schauspieler und Dramaturg am Theater in Jena. "Ich hatte nur 1000 Euro im Monat, aber dafür war das Theater immer voll und man konnte alles ausprobieren."

Satire über Brandenburg

In dieser Zeit entstanden auch seine ersten Lieder. Eines davon, "Brandenburg", eine Satire über die Tristesse des Ostens, ist zum Klassiker seiner Auftritte geworden. "Es gibt Länder, wo was los ist. Es gibt Länder, wo richtig was los ist. Und es gibt Brandenburg", singt er. Selbst die "Bild"- Zeitung widmete dem Song eine Schlagzeile. "Was hat dieser Sänger bloß gegen Brandenburg?", klagte das Boulevardblatt, um dann ausführlich aus dem Liedtext zu zitieren: "In Brandenburg, in Brandenburg ist wieder jemand gegen einen Baum gegurkt/was soll man auch machen mit 17, 18 in Brandenburg?" "Ich wollte eine Berlin- Hymne schreiben. Dann ist dabei 'Brandenburg' rausgekommen", sagt Grebe. In der S-Bahn habe er auf den Info-Schirmen die Schlagzeilen gelesen: "Da stand: 'Brat Pitt ist in der Stadt'. Und über Brandenburg: 'Die Wölfe kehren zurück nach Brandenburg'. Das hat mich auf die Songidee gebracht."

Inzwischen ist Grebe omnipräsent auf den deutschen Konzertbühnen: Mal tourt er mit seiner Band, "Die Kapelle der Versöhnung", mit der er jetzt auch die neue CD "Volksmusik" veröffentlicht. Seine Songs sind so populär, dass im Fischer- Verlag sogar ein Songbook, "Das Grüne Herz Deutschlands", erschienen ist. Natürlich sind auch TV-Produzenten aufmerksam geworden. Angebote für eine eigene Comedy-Show lehnte er aber ab. "Ich möchte mich nicht vereinnahmen lassen und den Comedy-Hansel für das Massenpublikum geben." Für den Sommer plant er trotzdem seinen ersten Auftritt für das große Publikum - dann wird er einen Kinofilm zusammen mit dem Comedian Thomas Herrmanns drehen. Eine Satire über das deutsche Provinztheater. Bis dahin macht Grebe, was er will. Neulich hat Antje Vollmer angefragt, ob er nicht mal auf dem Grünen-Parteitag auftreten wolle. "Da war ich erst verwirrt. Dann habe ich dankend abgelehnt."

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