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RBB-Integrationsradio vor dem Aus: Kulturszene kämpft für Multikulti

Hier wurden Künstler wie Shakira, Joy Denalane oder Gentleman entdeckt und gefördert. Doch "Radio Multikulti" soll eingestellt werden - genau wie das TV-Magazin "Polylux". Der Rundfunk Berlin-Brandenburg begründete die Entscheidung gegen seine Prestige-Programme mit Sparzwängen. Nun kommt es zu massiven Protesten.

Von Doris Hellpoldt

An den Pinnwänden in den Redaktionsräumen hängen Mails von der kompletten Belegschaft eines renommierten Berliner Architekturbüros, vom Präsident der Ärztekammer Berlin bis hin zu einem deutschen Hörer in Venezuela, der über Internet das Programm verfolgt. Redakteurin Hilde Van Poucke fühlt sich durch diese Solidaritätsbekundungen ermutigt: "Man fühlt sich viel mehr wertgeschätzt, als man vermutet hätte."

Mit dem Sender falle nicht nur ein wichtiges Informationsangebot für Zugewanderte weg, sondern auch eine Plattform für viele Kulturschaffende - ein großer Verlust für Berlin, so die Einschätzung vieler Hörer. "Es gibt unglaublich viele interessante kleine Projekte in Berlin jenseits von Oper und Staatstheater, die in anderen Medien kaum vorkommen", bestätigt Redakteurin Andrea Handels. "Ohne 'Radio Multikulti' fehlt diesen Veranstaltern doch jede Möglichkeit, ein größeres Publikum zu finden."

Viele Kulturschaffende und Verbände aus Berlin und Brandenburg machen sich deshalb für den Erhalt des Senders stark, darunter die Akademie der Künste, aber auch Musikverlage und Plattenfirmen wie das von den Fantastischen Vier gegründete Label "Four Music".

Starthilfe für Shakira

Musikchef Tobias Maier beschreibt die Musikfarbe des Senders als "world wide music"; eben nicht nur Weltmusik im klassischen Sinn, sondern "Musik aus aller Welt". Dabei mache der Sender bei seiner Musikauswahl keine regionalen Einschränkungen. Ob lateinamerikanisch, afrikanisch, französisch oder eher in der osteuropäischen Tradition, "Radio Multikulti" spielt Künstler aus allen Ländern, in denen Pop- oder Unterhaltungsmusik im weitesten Sinne gemacht wird - eine einzigartig vielfältige Mischung.

Nicht ohne Grund wird der Sender oft als Vorreiter bei musikalischen Trends gesehen, die erst später ein breiteres Publikum finden: "Das Phänomen Shakira zum Beispiel wurde in Deutschland mit Sicherheit von uns zuerst aufgegriffen", sagt Maier. Die kolumbianische Sängerin lief im Programm von "Multikulti" schon, als sie in ihrer Heimat gerade erst angefangen hatte, Musik zu machen und dort noch ein rein lokales Phänomen war.

Regionale Talentförderung statt Hit-Radio

Auch in der deutschen Musikszene haben sich die Kollegen von "Radio Multikulti" den Ruf erarbeitet, keine Scheu zu haben, auch unbekannte Künstler prominent ins Programm zu bringen: "Wir lassen uns auf die Musik ein, auch ohne die Gewissheit zu haben, dass da schon ein großer Star zu hören ist - so wie andere Sender das möglicherweise wollen oder müssen", erklärt Maier die musikalische Philosophie von "Multikulti". Vor allem in der deutschen Reggae-, HipHop,- und Soul-Szene haben viele Künstler zu Beginn ihrer Karrieren so von der Unterstützung durch den Sender profitiert, darunter Namen wie Joy Denalane, Gentleman oder Nosliw.

Zu den solidarischen Zuschriften der ersten Tage nach der Entscheidung gehört auch ein Brief der Plattenfirma und Künstleragentur "Four Music", die darin in einer langen Liste darauf hinweist, wie viele ihrer Künstler durch "Radio Multikulti" entdeckt und voran gebracht wurden – aktuelle Beispiele sind Miss Platnum oder die aus Nigeria stammende Soul-Sängerin Nneka, die im vergangenen Jahr beim von "Radio Multikulti" veranstalteten "Völkerball" aufgetreten ist.

Falsches integrationspolitisches Signal

Genau wie das Hauptstadtmagazin "Polylux" galt "Radio Multikulti" immer als Prestige-Projekt für den RBB. Ob der Wegfall möglicherweise zu einem Imageverlust führen wird, darüber möchte Unternehmenssprecher Ralph Kotsch nicht spekulieren: "Das Image des RBB wird nicht ausschließlich durch diese beiden Programme bestimmt." Mit Fritz, Radio Eins oder zum Beispiel dem Comedian Kurt Krömer, der seit kurzen seine "Internationale Show" auch für das Erste produziert, habe man noch andere ansprechende Programme für eine jugendliche Zielgruppe.

Ob es einen adäquaten Ersatz für "Radio Multikulti" geben wird, das bezweifelt unter anderem Karin Weiss, die Integrationsbeauftragte des Landes Brandenburg. Zwar soll auf der Frequenz des Senders künftig das ebenfalls in Teilen fremdsprachliche Angebot "Funkhaus Europa" des WDR senden. Vor allem regionale Themen würden dann jedoch nicht mehr in dem Maße abgebildet werden können, wie es jetzt durch eine Redaktion vor Ort möglich sei. Integrationspolitisch sei die Entscheidung gegen "Radio Multikulti" genau die falsche Botschaft, so Weiss.

Kämpfen bis zum Ende

RBB-Unternehmenssprecher Ralph Kotsch versichert, man nehme die Proteste sehr ernst. Er finde die Reaktionen zwar verständlich, nur ändere das nichts an der Tatsache, dass dem RBB 54 Millionen Euro für die Gebührenperiode von 2009 bis 2012 fehlen werden. Diese schwierige Finanzsituation des RBB nennt Unternehmenssprecher Kotsch den "wichtigsten, ersten und einzigen" Grund für das Einstellen von "Radio Multikulti" und "Polylux".

28 feste und rund 80 freie Mitarbeiter sind allein von der Abschaltung von "Radio Multikulti" betroffen. Die fest angestellten Redakteure werden in anderen Wellen des RBB weiter beschäftigt; die Zukunft der Freien ist bisher ungewiss. Die Stimmung in der Redaktion schwankt indessen zwischen Frust, Wut und Enttäuschung und Begeisterung darüber, mit wie viel Wertschätzung und Engagement sich Hörer für ihr Programm einsetzen. "Das hält uns gerade so richtig am Kämpfen", sagt Redakteurin Hilde Van Poucke. "Wir haben auf jeden Fall den Ehrgeiz, dass wir nicht einfach sang- und klanglos verschwinden."