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Kulturelle Kriegsverbrechen Bombenhagel auf ukrainische Museen und Denkmäler: "Es geht darum, nationale Identitäten zu zerstören"

Schneebedeckte Glockentürme der Sophienkathedrale in Kiew
Noch völlig unversehrt: die Sophienkathedrale im Herzen Kiews
© Ukrinform / DPA
Russland hat es in seinem Angriffskrieg auch auf ukrainische Kunst- und Kulturgüter abgesehen. Welche Strategie steckt dahinter? Wie kann Zerstörtes wieder restauriert werden? Ein stern-Gespräch mit zwei in der Ukraine engagierten Kunsthistoriker:innen.

Nicht nur auf zivile Einrichtungen und die Energieinfrastruktur hat es Russland in der Ukraine abgesehen. Die Besatzer bombardieren auch gezielt kulturelle Einrichtungen: etwa Museen, Archive, Denkmäler und Bibliotheken. Das hat einen bestimmten Grund, sagen Beate Störtkuhl und Robert Born im Gespräch mit dem stern. Beide sind Kunsthistoriker am "Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa" in Oldenburg. Seit Kriegsbeginn koordinieren sie Hilfsgütertransporte für die Ukraine, damit auch wertvolle Gemälde und historische Werke vor dem Bombenhagel der Russen sicher sind.

Frau Störtkuhl, Herr Born, Sie kümmern sich darum, dass Bücher, Bibliotheken, Statuen – kurz Kulturgüter – vor den russischen Bomben gerettet werden. Warum ist das so wichtig? In Kriegen stehen doch vor allem Menschenleben auf dem Spiel.

Born: Kulturgüter bilden auch in der Ukraine eine wichtige Säule der nationalen Identität. Deshalb werden Museen und Denkmäler angegriffen, um die Identität des Landes zu schädigen oder zu vernichten. Aus russischer Sicht ist die Ukraine kein eigenständiger Staat und hat deshalb auch keine eigene Kultur.

Wenn Russland der Ukraine die kulturelle Eigenständigkeit abspricht, das Land stattdessen als russisches Eigentum betrachtet, dann müsste das auch für die Kulturgüter gelten. Nach russischer Logik zerstört das Land dann sein eigenes kulturelles Erbe. Warum?

Born: So einfach ist es nicht. Im Fall der Ukraine haben wir eine komplexe Gemengelage aus ideologischen Argumenten und nationalen Mythen. Deshalb bleiben manche Kulturgüter, die Russland für wichtig hält, verschont. Zum Glück gibt es einige hochsymbolische Orte in der Ukraine, die auch Russland sehr wichtig sind. Bestes Beispiel dafür ist der zum Unesco-Weltkulturerbe zählende museale Komplex der Kyiver Sophien-Kathedrale. Aber es gibt auch von Russland organisierte Raubzüge, die Kulturgüter aus Museen entwenden. Etwa das Skythische Gold aus der Schwarzmeerregion. Auch Museumsdirektoren oder -mitarbeiter werden verschleppt und gefoltert.

Werden die geraubten Kulturgüter in russischen Museen ausgestellt?

Störtkuhl: Das ist unklar. Aus den Erfahrungen nach dem Zweiten Weltkrieg wissen wir, dass Beute lange Zeit in Depots verschlossen bleibt. Bis heute sind viele Artefakte verschollen. Wo sie dann liegen und ob sie ausgestellt werden, ist zweitrangig. Es geht darum, nationale Identitäten zu zerstören.

Born: Im Fall der Ukraine argumentiert Russland natürlich damit, die Objekte in Sicherheit bringen zu wollen. Das ist aber eine fadenscheinige Behauptung. Soweit ich weiß, hat der Kreml bisher nur Propaganda-Ausstellungen mit Beutestücken wie Waffen, die aus dem Westen in die Ukraine geliefert wurden, organisiert.

Haben Sie auch ein Beispiel für die systematische Zerstörung von Kulturgütern?

Born: Es ist natürlich derzeitig schwer dies eindeutig zu belegen. Allerdings spricht einiges dafür, dass etwa der Beschuss des Regionalarchivs des Geheimdienstes SBU in Černihiv kein Kollateralschaden war. Dort lagerten Bestände der sowjetischen Geheimdienste NKVD und KGB und Akten zu den Verfolgungen der Stalinzeit. Das war einer der seltenen Orte, an denen man weitestgehend ungehindert zur sowjetischen und ukrainischen Geschichte, aber auch über die deutsche Besatzungsperiode forschen konnte.

Kommen wir einmal auf Ihre Arbeit zurück. Waren Sie auch einmal in der Ukraine vor Ort, um Kulturgüter zu retten?

Störtkuhl: Ich war zuletzt vor dem Krieg in der Ukraine. Unsere Aufgabe besteht vor allem darin, Hilfsgüter aus dem Ausland zu organisieren. Wir haben seit Kriegsbeginn ein großes Netzwerk mit Kunsthistorikern aus Deutschland, der Deutsch-Ukrainischen Gesellschaft für Wirtschaft und Wissenschaft (DUG), dem Netzwerk Kulturgutschutz und unseren ICOM-Partnern (International Council of Museums, Anm. d. Red.) in Deutschland, Österreich und in der Schweiz aufgebaut. Mit ihnen tauschen wir uns alle zwei bis drei Wochen in Online-Meetings aus.

Seit Juni fördert die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) Claudia Roth diese Arbeit mit Bundesmitteln. Am Anfang ging es vor allem darum, Kontakte in der Ukraine zu nutzen und herauszufinden, was dort gerade benötigt wird.

Schutz der Fenster vom Memorialmuseum in Kiew
Die Fenster des Memorialmuseums von Pawlo Tytschyna in Kiew werden mit mit OSB-Platten versehen
© Iryna Nikiforova

Und das wäre?

Störtkuhl: Schon in den ersten beiden Wochen wurden Feuerlöscher, Verpackungsmaterial, Kartons und Folie in die Ukraine geschickt. Viele Museen aus Deutschland haben auch Material gespendet. Aus den Graswurzelinitiativen entstand sukzessive das der DUG (Deutsch-Ukrainische Gesellschaft, Anm. d. Red.) angegliederte Ukraine Art Aid Centre, um die logistischen Fragen zu klären und die benötigten Dinge transportieren zu können. Im Sommer waren dann Luftentfeuchter sehr gefragt, um in den Räumlichkeiten, in denen die Kunstwerke gelagert werden, ein entsprechendes Klima herstellen zu können. Nach den gezielten russischen Angriffen auf die Infrastruktur werden jetzt insbesondere Stromgeneratoren benötigt.

Hilfsgüter in Holzkisten verpackt, werden in Kyiw-Petschersk-Lwara verladen
Hilfsgüter in Holzkisten verpackt, werden in Kyiw zum Weitertransport nach Petschersk-Lwara verladen
© Iryna Nikiforova

Die Objekte wurden nicht ins Ausland gebracht?

Störtkuhl: Genau. In vielen Fällen wurden sie nur aus stark bombardierten Städten evakuiert. Hilfsangebote, etwa aus Deutschland, aber vor allem auch aus Polen, hat die Ukraine bisher abgelehnt. Man befürchtet, dass einige Dinge doch verloren gehen könnten.

Born: Wir wissen nicht, wohin konkret die Objekte verlagert wurden; aus Sicherheitsgründen ist das auch gut so.

Die Entscheidung klingt riskant. In der Ukraine ist doch die Wahrscheinlichkeit viel höher, dass die Gegenstände ganz zerstört werden.

Born: Wir hoffen es nicht, aber ausschließen kann man es natürlich auch nicht. Wir versuchen aber mit der Lieferung von feuerfesten Panzerschränken etwa für die Archive vorzusorgen. Eine hundertprozentige Sicherheit wird es aber nie geben. Deswegen ist die digitale Dokumentation so wichtig.

Für den Wiederaufbau nach dem Krieg?

Born: Wir haben auch Festplatten und Scanner, damit die Archiv- und Museumsbestände digitalisiert werden können, in die Ukraine geschickt. Mittlerweile werden auch 3D-Aufnahmen von Gebäuden gemacht, die als Grundlage für Wiederaufbauarbeiten dienen könnten. Es geht darum, Schäden zu bilanzieren. Die Beweise kann man später auch vor Gericht verwenden.

Störtkuhl: Wir arbeiten hierfür mit ukrainischen FotografInnen zusammen, die vor Ort fotografieren.

Reichen die 1,5 Millionen Euro, die Claudia Roth zuletzt für den Kulturschutz bereitgestellt hat?

Störtkuhl: Am Ende waren es 2,5 Millionen Euro. Das Budget wurde noch einmal aufgestockt und soll bis Jahresende fließen.

Born: Eine weitere halbe Million kam geflüchteten WissenschaftlerInnen aus der Ukraine zugute.

Störtkuhl: Mit Sicherheit muss es mehr Geld geben, auch wenn wir den Wiederaufbau nach dem Krieg berücksichtigen. Um die Kulturgüter im kommenden Jahr weiter schützen zu können, brauchen wir nach unseren Berechnungen 13 Millionen Euro.

Sie berichten davon, dass Sie regelmäßig in Meetings mit Kollegen in anderen Ländern sprechen. Wie geht es den Mitarbeitern in der Ukraine?

Born: Die männlichen Mitarbeiter wurden überwiegend für die Armee eingezogen. Einige sind bei den Kampfhandlungen ums Leben gekommen. Die verbliebenen Mitarbeiterinnen arbeiten unter den widrigsten Bedingungen hochmotiviert und professionell. Sie setzen sich täglich den Kampfhandlungen aus, leiden unter der mangelhaften Energieversorgung und fehlender Bezahlung.

Störtkuhl: Eine Kollegin hat uns bei einem Meeting mit ihrem Smartphone durch ihr Museum geführt. Da konnte man hautnah erleben, was der Krieg bedeutet, denn die Wände waren leer, man konnte nur die Spuren sehen, die die Bilder hinterlassen haben, die dort einmal hingen. Und in den Vitrinen stehen nur noch die Holzklötzchen, auf denen die Kunstobjekte standen.

Ich finde es erstaunlich, wie sich die Museumsmitarbeiter einsetzen, um den Menschen in der Stadt oder der Region trotz des Krieges ein Kulturangebot bieten zu können. In dem Museum Khanenko-Museum in Kyiv wurden im Sommer Lesungen und Konzerte veranstaltet. Aus Lviv und Chernivtsi haben wir gehört, dass die Museen extra Programme für Geflüchtete anbieten. Da beeindruckt mich die Kraft und die Widerstandsfähigkeit der Menschen. Natürlich sind Menschenleben und humanitäre Hilfe viel wichtiger, aber wir sehen auch, welchen Stellenwert Kultur hat.

In der Haagener Konvention zum Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten von 1954 wurde die gezielte Zerstörung von Kulturgütern als Kriegsverbrechen eingestuft. Was bedeutet das jetzt für Russland?

Born: Die gezielte Zerstörung von Kultureinrichtungen und Archiven wird nach dem Krieg bestimmt vor dem einen oder anderen Tribunal verhandelt werden und deshalb ist es so wichtig, dass die Schäden umfassend dokumentiert werden.

Warum ist Russland eigentlich immer noch Mitglied der ICOM?

Störtkuhl: Nicht alle internationalen Komitees und Gremien haben sich scharf gegen Russland positioniert. Es gibt zwar eine Resolution einiger nationaler ICOM-Verbände, die sich gegen Russland richtet, aber bisher hat sich die Mehrheit dagegen ausgesprochen, Russland auszuschließen.

Born: Man kann und sollte die Taten Russlands in den internationalen Gremien kritisieren, aber man weiß auch nicht ganz genau, wie linientreu die Museumsmitarbeiter in Russland und die russischen ICOM-Mitglieder wirklich sind. Andererseits haben sich prominente Museumsfachleute, wie der Emeritage-Direktor Michail Piotrovskij nach dem Überfall auf die Ukraine öffentlich klar auf Seiten Putins positioniert.

Wie viel hat Russland denn bisher in der Ukraine zerstört? Und: Kann man das alles wieder rekonstruieren?

Born: In unserem letzten Meeting vor fast einer Woche hieß es, dass 800 Institutionen, also Museen und Archive, durch die russischen Angriffe beschädigt wurden. Die Unesco hat Schäden an 218 Standorten aufgenommen. Dies sind ungewöhnlich hohe Zahlen. Perspektivisch denken einige an den Wiederaufbau. Das sieht man an dem Interesse an Fort- und Weiterbildungen der ukrainischen Kollegen. Der englische Museumsverband bietet beispielsweise Online-Schulungen an. Da geht es darum, wie man Objekte sichert und wie man Einrichtungen strategisch sinnvoll wieder aufbaut. Ob alles rekonstruiert werden kann, ob und in welchem Umfang die geraubten Objekte wieder in die Ukraine zurückkehren, muss sich zeigen.

Störtkuhl: Rückgabeforderungen und Fragen des Wiederaufbaus werden auf jeden Fall eine wichtige Rolle bei den Friedensverhandlungen spielen.

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