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Singende Klosterbrüder: Mönche lassen Madonna alt aussehen

Zisterzienser-Brüder aus einem Kloster im Wienerwald ziehen mit ihren Gesängen in den britischen Charts an Madonna und Amy Winehouse vorbei. In ihrer österreichischen Heimat sind sie wochenlang die Nummer eins. Einer von ihnen glaubt genau zu wissen, warum sakrale Gesänge in diesen weltlichen Zeiten so gefragt sind.

Von Johannes Gernert

Der Papst ist Fan. Er liebt Gregorianische Choräle. Und also, sagt Pater Karl, hätten sie gewissermaßen auch in seinem Auftrag gehandelt. Es ist insofern eigentlich gar kein Wunder, dass die Zisterzienser-Mönche aus dem österreichischen Wienerwald mit ihrem Album "Chant" in den britischen Charts an Madonna und auch an Amy Winehouse vorbeigezogen sind. In ihrer Heimat standen sie einige Wochen sogar ganz oben an der Spitze. Zurzeit sind sie noch auf dem zweiten Platz. Pater Karl sagt, dass es nun endlich einmal die echte Madonna in die Hitparade geschafft hat, die Jesusmutter, und dass das eine gute Werbung für die Sache Gottes sei. Pater Karls Chef, der Abt des Klosters, bemerkt, dass der Papst einer Universalkirche vorstehe: "Wir waren schon vor Universal universal." Er meint damit das Plattenlabel, bei dem die Kloster-Gesänge erschienen sind.

Kein "Sister Act" mit Männern

Lange allerdings hatte der Zisterzienserbruder mit der randlosen Brille und den rötlichen, kurzen Haaren, der mit vollem Namen Karl Wallner heißt, gar nicht gewusst, dass es diese Musikfirma überhaupt gibt. Bis ihm ein Londoner Mönch per Mail den Link eines Wettbewerbs schickte, den Universal veranstaltete. "Schnell, schnell, Karl!" schrieb der englische Bruder. Mehr nicht. Wallner gehorchte und wies die Label-Manager auf die Homepage des Klosters hin, wo einige Choräle zu hören waren. Einer der Verantwortlichen stieß auf der Videoplattform YouTube auch noch auf einen Clip, der die Mönche zeigte, wie sie in ihren weißen Gewändern und mit Kerzen in der Hand durchs gewölbte Kirchenschiff ihres Klosters prozessieren. Das Video war einige zehntausend Male angeklickt worden. Das nährte den Glauben des Managers.

Vielleicht haben die Jungen unter den Mönche, die sich anfangs noch ein bisschen zierten, an die etwas kitschige Komödie "Sister Act" mit Whoopi Goldberg gedacht, die vom Aufstieg eines Nonnenchors handelt und den Untertitel "eine himmlische Karriere" trägt. Sie wollten jedenfalls nicht zur Boygroup verkommen. Aber als Universal zusagte, die Aufnahmen im Kloster und nicht in einem Studio zu machen, waren auch sie einverstanden. Für drei Tage kamen die Toningenieure ins Stift Heiligenzkreuz, das einige Kilometer von Wien entfernt liegt. Die Story klingt dann doch ein bisschen nach Heilig-Hollywood. Im Frühjahr waren drei Mönche gestorben. Und so hieß eines der Stücke, die sie aufnahmen, "In Paradisum". Text: "Ins Paradies mögen Engel dich begleiten."

Oscar-Erfolgsgeschichten aus Heilig-Hollywood

Es sind in diesem Kloster, bei den vielen Spätberufenen, die früher einmal Manager, Mediziner oder Künstler waren, schon andere kinotaugliche Geschichten geschrieben worden. Florian Henckel von Donnersmark etwa hat sich zeitweise hinter die 875 Jahre alten Mauern zurückgezogen und das Drehbuch für den Oscar-prämierten Film "Das Leben der Anderen" verfasst. Er ist der Neffe des Abts und auch dafür verantwortlich, dass es in Heiligenkreuz mittlerweile einen Fitnessraum gibt.

Dass die gesungenen Gebete der Zisterzienser plötzlich von tausenden Menschen gehört werden, dafür hat Pater Karl eine einfach Erklärung: "Die säkulare Musik ist an einen toten Punkt gekommen." In einer Welt, die immer schneller wird, schaffe sie nur noch mehr Stress. Die Gregorianischen Choräle dagegen sorgen für radikale Entschleunigung. Mit dem leichten Hall der katholischen Entspannungsklänge dringt auch die erhabene Kühle des Kirchenschiffs in die Wohnzimmer. Eine wohltuende Abwechslung, wenn sich die hohen Männerstimmen sekundenlang auf den lateinischen Vokalen ausruhen. "Fast wie eine Schlaftherapie", sagt ein englischer Fan. Von "Wellness-Religion" spricht ein Mönch aus einem anderen Orden. Engel-Inhalte spielen keine Rolle. Latein versteht heute ohnehin kaum jemand mehr.

Das Bedürfnis nach religiös inspirierter Entspannung scheint sich in regelmäßigen Abständen in den Charts niederzuschlagen. 1973 stürmte eine australische Nonne die US-Hitparade und landete im Jahr darauf weltweit in einigen Top-Ten-Listen. Knapp zwanzig Jahre später schafften es die Benediktiner-Mönche aus dem spanischen Silos immerhin auf Platz 5 der US-Charts. Der Titel des Albums: "Chant". Darauf zu hören: Gregorianische Choräle. Kurz zuvor hatte die Gruppe Enigma dasselbe Genre in ihrem Stück "Sadeness" verwendet und somit vielleicht den Weg für die Benediktiner geebnet.

Ein aktueller popkultureller Indikator für die Erfolgsaussichten von Pater Karl und seinen Mitbrüdern ist schon im vergangenen Jahr erschienen. "Halo 3" heißt das Spiel und ist für Microsofts Xbox gemacht. Die "Halo"-Reihe ist ein ziemlicher Verkaufsschlager. Der Protagonist kämpft dort auf einem "Blutsväter-Schiff". Der Soundtrack von "Halo 3" besteht unter anderem aus: Gregorianischen Chorälen. Was der Papst davon hält, ist nicht überliefert.

"Wer hören will, muss herkommen"

Karl Wallner, der von seinem Abt mit der Pressearbeit beauftragt worden ist, bemüht sich nun darauf hinzuweisen, dass ihr Chart-Sturm keineswegs geplant war, sondern "ein Geschenk des Himmels". Wallner hat sich gut in seine Sprecherrolle eingefunden und liefert den Journalisten einprägsame Bilder. Die Choräle seien keine Fastfood-Musik, die zur Verfettung der Seele führe, sondern eine Kraftsuppe, ein Protein-Shake. Wohl bekomm's!

Eines steht aber fest: "Die singenden Mönche werden sicher in keiner Show und auf keinen Bühne auftreten", verkündet Wallner. Die Ansage ist klar: "Wer uns hören will", sagt er, "muss hierher kommen." Das haben schon vor "Chant" Jahr für Jahr um die 170.000 Menschen getan und im Herbst 2007 auch Papst Benedikt XVI. Mittlerweile ist die Zahl der Touristen, die mit Videokamera durch die Kreuzkirche wandeln, so stark angestiegen, dass Gäste nur noch an bestimmten Tagen kommen dürfen. Karl Wallner versucht etwas hilflos, den Ansturm nach Deutschland umzulenken. Da sei doch auch ein Zisterzienser-Kloster.