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Meinung

Streaming in Krisenzeiten: Spotify lässt Künstler Spenden sammeln: Warum das zynisch ist

Spotify ist berüchtigt dafür, die Musiker mit lächerlichen Centbeträgen zu vergüten. Trotzdem spielt sich der Streaming-Gigant in der Krise als Wohltäter auf. Dabei haben die existenziellen Probleme vieler Bands nicht erst mit Corona begonnen. Sondern mit Spotify.

Bis Ende August wurden in Deutschland alle Festivals abgesagt

Läuft bei Spotify, denn wenig überraschend belebt die Coronakrise das Abo-Geschäft: Im ersten Quartal hat der Streamingdienst sechs Millionen zahlende Nutzer zusätzlich begrüßen dürfen, die Gesamtzahl der Abonnenten liegt jetzt bei 130 Millionen. Im Jahresvergleich konnte der Umsatz um 22 Prozent auf 1,85 Milliarden Euro gesteigert werden. Dass die Anzeigenerlöse im Vergleich zum Weihnachtsquartal eingebrochen sind – geschenkt.

Apropos geschenkt: Der Marktführer des Musikstreamings ist seit jeher berüchtigt dafür, die Musiker mit lächerlichen Centbeträgen zu vergüten, was ihm in der Vergangenheit immer wieder Teilzeitboykottaktionen von Künstlerinnen wie zum Beispiel Taylor Swift eingebrockt hat. Doch mitten in der Coronakrise zeigt sich das schwedische Unternehmen plötzlich scheinbar großzügig.

Der Streaming-Gigant als Wohltäter?

So können Acts nun bei Bedarf ein Feature auf ihrem Portal aktivieren, mit dem die User ihren Lieblingsbands eine Art "Trinkgeld" spenden können, dass die Künstler dann für sich selbst, für ihre Mitarbeiter oder für Projekte zur Pandemie-Bekämpfung verwenden können. Und bereits vor wenigen Wochen hatte Spotify den "Covid-19 Music Relief" an den Start gebracht – ein Projekt, mit dem für Spenden an Künstlerberatungsorganisationen aufgerufen wurde.

Der Streaming-Gigant plötzlich als Wohltäter? Für diese Lesart benötigt es schon eine gehörige Portion Naivität. Obgleich vielen Bands und Musikern in Zeiten von Covid-19 die Auftritte, auf die sie existenziell angewiesen sind, wegbrechen, so hat diese Abhängigkeit vom Live-Geschäft doch überhaupt erst mit dem rücksichtslosen Raubzug der Streamingdienste begonnen.

Spotify lacht der Branche ins Gesicht

Seit Jahren verhallen die Forderungen nach künstlerfreundlichen Ausschüttungsmodellen ungehört. Es gehört also eine gehörige Portion Zynismus dazu, wenn Spotify in der Krise den Kümmerer gibt und mit publikumswirksamen Spendenaktionen billigen Beifall einheimsen will.

Das System Spotify beförderte mit seinen Algorithmen von Anfang an nur die größten Stars, es treibt eine zunehmende Gleichförmigkeit in allen musikalischen Spielarten von Rock bis Rap voran und sortiert alles Abseitige aus. Es begegnet der Branche schon seit Jahren mit demselben Mangel an Wertschätzung, den die Politik der Kultur in diesen Tagen entgegenbringt. Nicht weniger verwerflich wird diese Tatsache, wenn die Pandemieprofiteure in schweren Krisenzeiten lieber die Künstler mit dem virtuellen Klingelbeutel durch die Manege scheuchen, anstatt endlich das eigene Modell zu überdenken.

Die Musikbranche hängt seit Jahren am Tropf, und es ist gut möglich, dass ihr die Coronakrise schon bald das letzte Leben aushaucht. Umso unwürdiger, dass sie sich in der dunkelsten Stunde noch vom eigenen Totengräber ins Gesicht lachen lassen muss.