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Tagebuch 1: Mittwoch, 22. Oktober 2003

Nach zwölf Stunden Flug von Deutschland nach Kigali, der Hauptstadt des kleinen Landes Ruanda im Herzen Afrikas, geht es am Morgen in aller Frühe zum ersten Besuch eines Hilfsprojektes los.

Nach zwölf Stunden Flug von Deutschland nach Kigali, der Hauptstadt des kleinen Landes Ruanda im Herzen Afrikas, geht es am Morgen in aller Frühe zum ersten Besuch eines Hilfsprojektes los.

Rein in die Landcruiser und quer durch die geschäftige Hauptstadt fahren wir zum ersten Stopp: das gemeindenahe Rehabilitationszentrum für Körperbehinderte der Christoffel Blindenmission. Als wir unter wolkenschwerem Himmel dort ankommen und sofort von dutzenden winkenden und neugierigen Kindern umringt sind, warten dort schon Patienten. Es sind vor allem Menschen, die durch Kinderlähmung, Verletzungen oder Geburtsschäden nicht laufen können. Weit verbreitet - bei uns längst unbekannt - ist der Klumpfuß.

Patrick ist drei Monate alt und wird gerade von der Physiotherapeutin Sonja zum zweiten Mal versorgt. Während sie die kleinen Füße des schreienden Kleinen richtet und mit dem Gipsverband einwickelt, erklärt sie Herbert Grönemeyer - der ganz selbstverständlich dabei versucht, den Kleinen durch Streicheln zu beruhigen und zu trösten - dass Patricks angeborene Fehlstellungen der Füße, dadurch die richtige Lage erhalten und er später Laufen lernen kann.

Gleich darauf trifft Herbert auf den 15-jährigen Bayavuge, dessen Beine durch einen Schuss ins Rückenmark während des Bürgerkrieges gelähmt wurden und nun verkümmert sind. Fünf Stunden ist er aus seinem Dorf durch die staubigen Wege zum Rehabilitationszentrum gerobbt und heute ist der große Tag, an dem er sein extra für ihn angefertigtes Dreirad bekommt. Seine Augen strahlen, als er das erste Mal in sein Trycicle einsteigt. Endlich ist das Robben durch Staub und Dreck vorbei. Wie gut man damit vorwärts kommt, zeigt er auch gleich Herbert. Nach einigen Anfangsübungen kurven sie fröhlich gemeinsam die Dorfstraße rauf und runter. "Da geht die Sonne im Gesicht auf", freut sich Herbert und strahlt genauso wie Bayavuge, als er wieder ins Auto steigt. Das nächste Ziel ist ein Dorf bei Gitarama, wo sich bereits die Dorfbewohner versammelt haben, weil wir heute ein Projekt von Care besuchen. Mit traditionellem Gesang und Tanz begrüßen uns hunderte Frauen, Männer und Kinder. Sofort wird Herbert zum Mittanzen aufgefordert und alle klatschen begeistert im Rhythmus der Trommeln. "Woher kann er unsere Tänze, hat er zu Hause schon geübt?", fragt ganz erstaunt eine Frau und lacht. Dann zeigen die Nkundabanas in einem Rollenspiel die typischen Probleme in diesem Dorf: Wie in den meisten Dörfern Ruandas gibt es auch hier immer mehr Aids-Waisen.

Die meisten der 422.000 Waisenkinder Ruandas leben in Kinderhaushalten auf sich allein gestellt und sind für bis zu vier Geschwister verantwortlich. Das heißt über Nacht erwachsen werden, kein Schulbesuch mehr, kein Spielen. Schlecht bezahlte Hilfsarbeiten, Feldarbeit und nicht selten Prostitution werden zu Überlebensstrategien. Neben dem großen Alltags- und Verantwortungsdruck leiden viele Kinder unter schweren Traumata. 95 Prozent aller Kinder wurden 1994 in Ruanda Zeugen von furchtbarer Gewalt und Massaker während des Genozids von fast einer Million Menschen. Mehr als 600.000 Kinder und Jugendliche leiden noch heute unter ihren grauenhaften Erlebnissen. Die ehrenamtlichen Helferinnen von Care - Nkundabanas genannt - versuchen zumindest eine Grundsicherung der Kinderhaushalte zu erreichen. Sie besuchen die Kinder regelmäßig, bringen ihnen Lebensmittel und zeigen ihnen, wie sie ihr Feld bestellen können.

Herbert Grönemeyer betritt die armselige Hütte der 17-jährigen Lilianne mit ihren drei jüngeren Geschwistern Sylvanie (9), Chistianne (11) und Onosphole (12), und Lilianne erzählt Herbert mit leiser Stimme ihr Leben: Liliannes Vater wurde 1994 während des Genozids ermordet, die Mutter starb als sie elf Jahre alt war. Zunächst hatte ein Onkel die Kinder unterstützt, jetzt leben sie auf sich allein gestellt. Lilianne geht seit vier Jahren nicht mehr zur Schule. Sie ist für das Einkommen und die Ernährung der Geschwister verantwortlich. Auf dem kleinen geerbten Grundstück der Eltern baut Lilianne Bananen an, manchmal sind es genug, noch ein paar zu verkaufen. Im Auftrag eines Nachbarn betreut Lilianne ein Schwein und eine Kuh im Tausch für den Dünger für das Feld. Sylvianne und Christianne gehen noch in die Grundschule. Onesphole darf seit kurzem nicht mehr zur Schule, weil Lilianne nicht genug hat, um die Schuluniform für vier Dollar und die Schulgebühr zu bezahlen.

Seit zwei Jahren werden Lilianne und ihre Geschwister durch eine von Care ausgebildete Nkundubana betreut. Sie erhalten Lebensmittelhilfen und Beratung bei allen anfallenden Problemen. Liliane ist Mitglied im Club der Waisenkinder und nimmt an Trainingsprogrammen zu Gartenbau, Viehhaltung und AIDS-Prävention teil. Durch einen Sparclub möchte sie bald einen Kleinkredit aufnehmen, um ein eigenes Schwein zu kaufen.

Winkend werden wir verabschiedet. Nachdenklich und bewegt fahren wir zurück nach Kigali. Es war der erste Tag, an dem Herbert Grönemeyer sowohl die große Lebensfreude als auch die großen Nöte und Sorgen der Kinder, Frauen und Männer Ruandas sah und hörte, mitfühlte und erlebte.

Susanne Anger