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Till Brönners "Oceana": Weiche Welle

Till Brönner hat sein neues Album "Oceana" herausgebracht. Kein temperamentvoller Jazz, sondern ein plätschernder Klangteppich. Es eignet sich für eine Kuschel-Nacht ohne musikalische Ablenkung.

Inspiration für sein neues Album "Oceana" holte sich der Jazz-Trompeter auf einem längeren Aufenthalt an der amerikanischen Westküste, vor allem in Los Angeles und Hollywood. "Los Angeles ist Jazz für die Seele", sagt Brönner. Das mag für zart besaitete Zeitgenossen zutreffen, die keine musikalische Aufregung, sondern eine beruhigende Seelenmassage suchen. Tanzwütige Temperamentsbolzen kommen nicht auf ihre Kosten.

Das erste Stück, "Bumpin", aus der Feder von Wes Montgomery lockt noch mit leidlich temperamentvollen Trompetensoli und macht Lust auf mehr. Aber diese Lust auf anregende Unterhaltung wird enttäuscht. Die folgenden Stücke verdienen fast alle das Prädikat langweilig. Keine Spannung, keine spielerische Reibung der Instrumente und keine Seelen bewegenden, nachklingenden Soli. Im Gegenteil. In Leonard Cohens "In my secret live" schmachtet das französische Topmodel Carla Bruni vor sich hin, und die Seele leidet.

"Subrosa" reißt das Album raus

Einen Lichtblick hat das Album, der sich wohltuend aus dem ansonsten seicht vor sich hin plätschernden Klangteppich abhebt und zum Zuhören animiert. Larry Goldings "Subrosa" ist ein meisterliches Stück, ein stimmungsvoller Spaziergang der Saxophon-Legende Gary Foster und des Ausnahmetrompeters Till Brönner. Das Stück fasziniert durch eine eingängige und vielschichtige Melodie. Die beiden Musiker zeigen, dass Trompete und Saxophon ein Traumduo sein können. Ton in Ton harmonieren die Instrumente. Obwohl beide Instrumente die gleiche Stimme spielen, zeigen sie die ihnen eigenen Unterscheide.

Aber schon das folgende Stück macht der fröhlichen Euphorie, die der erwachte Hörer mit "Subrosa" verspürte, ein Ende. Die südamerikanische Sängerin Luciana Souza singt "Pra dizer adeus" piepsig, mädchenhaft und wenig temperamentvoll.

"Oceana" ist kein Stimmungsmacher

"Oceana" eignet sich hervorragend als Hintergrundmusik zu einem gepflegten Abendessen mit anspruchsvollen Gästen oder einem lauschigen Kuschel-Dinner. Die Songs stören weder eine angeregte Unterhaltung, noch leises Liebesgeflüster. Auch ist nicht zu befürchten, dass sich die Gäste zu einer spontanen Tanzeinlage hinreißen lassen werden.

Till Brönner beherrscht zweifelsfrei seine Trompete meisterhaft. Doch Können ist nicht alles. In "Oceana" hatte er den Raum, sein Talent auszuspielen. Das Album gibt der Trompete die Hauptrolle. Weder Bass noch Drums treten mit ihr in Konkurrenz. Leider. Denn Brönner hat mit seinen früheren Alben gezeigt, dass er mit seiner Trompete auch spannungsgeladene Stimmung erzeugen kann. Aber auf diesem Album hat er den ohnehin schon ruhigen Stücken mit seiner meist gedämpften Trompete jeglichen Pep genommen.

Silke Haas