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"Anne Will" zu Corona-Maßnahmen Vier harte Wochen, und dann? Keiner weiß es, aber alle üben sich in nerviger Kaffeesatzleserei

TV-Kritik "Anne Will": Anne Will und ihr Gäste im Studio
Wenige Stunden vor dem Inkrafttreten der neuen Corona-Maßnahmen diskutierte Anne Will in ihrer Sendung darüber, wie nachhaltig der vierwöchige "Lockdown light" wohl sein könne. Die Antwort: Man weiß es nicht.
© NDR/Wolfgang Borrs
Einmal mehr versuchte sich Anne Will in ihrer Sendung an einem Blick in die Zukunft. Von ihren Gästen kam nicht viel Neues – die wiederholten Hinweise, dass es in Sachen Corona gerade nicht optimal läuft, waren wenig erhellend.
von Andrea Zschocher

Ein wenig nervt die Kaffeesatzleserei, mit der die Politiktalkshows ihre Themensetzung verfolgen schon. Statt einfach nur zu sagen: Wir stellen den Talk unter das Thema Corona, formulieren die Sender in den verschiedenen Formaten eine möglichst "spannende" Frage. Beantwortet wird sie am Ende häufig nicht, was vor allem daran liegt, dass wir alle keine Glaskugel haben, mit der wir in die Zukunft schauen können. Anne Will probierte es dennoch wieder. Ihre Show stand unter dem Motto "Vier harte Wochen – wie nachhaltig wirken die Anti-Corona-Maßnahmen?" Die verkürzte und zugleich ernüchternde Antwort aller Beteiligten: Wir wissen es nicht, aber wir hoffen auf das Beste.

Zu Gast bei "Anne Will" waren:

  • Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP), Richterin am Bayerischen Verfassungsgerichtshof und Bundesjustizministerin a.D.
  • Viola Priesemann, Forschungsgruppenleiterin am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation
  • Markus Söder (CSU), Parteivorsitzender und bayerischer Ministerpräsident
  • Helge Braun (CDU) Chef des Bundeskanzleramts und Bundesminister für besondere Aufgaben
  • Stefan Willich, Direktor des Instituts für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie an der Charité – Universitätsmedizin Berlin
  • Till Brönner, Jazz-Musiker und Fotograf 

Kontakte beschränken, sonst droht der Kollaps

Die Strategie ist klar. Wir alle müssen unsere Kontakte beschränken um zu verhindern, dass die Infektionszahlen weiter so unkontrolliert steigen, wie sie es momentan tun. Ansonsten endet diese Pandemie im Kollaps des Gesundheitssystems. Darin sind sich alle führenden Institute Deutschlands, die die Bundesregierung auch beraten haben, einig. Ob diese Strategie überhaupt sinnvoll sei, wollte Anne Will dennoch von Markus Söder wissen, der es mit deutlich härteren Maßnahmen im Berchtesgadener Land noch nicht geschafft hat, den Trend zu stoppen. Er erklärte, dass die Zahlen, die wir im Moment kennen, ja zeitversetzt seien und es deswegen auch in Gesamtdeutschland in den nächsten zwei Wochen noch zu höheren Zahlen kommen würden. Die Wirkung der Maßnahmen werden wir erst in frühestens zwei Wochen sehen, erklärte Söder.

Auch Helge Braun warf ein, dass beim Treffen der Minister in zwei Wochen theoretisch über Lockerungen diskutiert werden könnte, er aber nicht davon ausgeht, dass dies passiert. Weil es zu früh ist, um einen Trend absehen zu können. Wir werden also bis mindestens Ende November den neuen Wellenbrecher-Lockdown fahren. Und wir sollten ihn alle mittragen, denn durch diese Pandemie kommen wir eben nur gemeinsam.

Braucht es eine andere Strategie?

Der Epidemiloge Stefan Willich unterstützte die aktuellen Maßnahmen, wünscht sich langfristig aber eine andere Strategie. "Kontaktbeschränkung ist der Goldstandard", sagte er, aber es müsse über weitere Möglichkeiten diskutiert werden. Denn ob und wann ein Impfstoff kommt, sei nicht klar. Er geht aber davon aus, dass wir noch einige Jahre mit Corona werden leben müssen und wünscht sich deswegen, dass wir nicht mehr mit "Drama und Angst reagieren", sondern besonnener. Es solle seiner Meinung nach den bestmöglichen Schutz für Hochrisikogruppen geben, mit Schnelltests und FFP2- Masken. Sonst sollte die Regierung aber auf aufgeklärte Menschen setzen, die selbst massiv ihre Kontakte reduzieren. Für ihn sei nicht die Infektionsrate entscheidend, sondern die Intensivkapazitäten der Krankenhäuser. Er empfahl bei "Anne Will“, dass hier deutlich mehr regional unterschieden werden müsste, so Willich weiter.

Nachverfolgung ist A und O in der Pandemie

Viola Priesemann und Helge Braun widersprachen entschieden. Und eigentlich sollte auch Willich selbst klar sein, dass seine Argumentation, wenn die Gesundheitsämter nur mit mehr Manpower ausgestattet werden, seien hohen Fallzahlen weniger ein Problem, nicht schlüssig ist. Weil es immer einen Punkt geben wird, an dem die Nachverfolgung nicht mehr möglich ist. Und dann wird auch, wie eben im Oktober, die Pandemie nicht mehr zu kontrollieren sein und den Krankenhäusern droht, so wie momentan beispielsweise schon jetzt in Berlin, die Überlastung. Nur mit gutem Willen von vielen, vielen Menschen werden wir es nicht schaffen, die Zahlen niedrig zu halten, das haben die vergangenen Wochen gezeigt.

Ansteckungsquellen nicht nachvollziehbar

Das RKI bestätigte, laut Markus Söder, dass aktuell 75 Prozent der Ansteckungsquellen nicht nachvollzogen werden können. Gleichzeitig legen Studien nahe, dass die Ausbreitung eingedämmt werden könne, wenn jeder seine Kontakte um drei Viertel reduziert. Weil sich die Bundesregierung dafür entschieden hat, dass Schulen und Kitas und der Einzelhandel geöffnet bleiben, muss alles andere geschlossen werden, so Söder. "Es tut uns auch leid", dass solche Maßnahmen getroffen werden mussten, erklärte der Ministerpräsident und CSU-Vorsitzende, aber die Eigenverantwortung wahrnehmen funktioniere leider nicht bei allen Bürgern.

Till Brönner, dessen Video zur Lage der Kulturschaffenden vor einigen Tagen viral ging, zeigte Verständnis für die Entscheidung, mahnte aber mehrfach, dass es das Aus für viele Solo-Selbstständige sei. Weil sie zwar für den November von der Bundesregierung unterstützt würden, die restlichen Monate aber allein stemmen mussten. "Wir dürfen nicht mit ansehen, wie die Kultur stirbt", appellierte Brönner. Sabine Leutheusser-Schnarrenberger pflichtete dem Jazz-Musiker bei, was Helge Braun sauer aufstieß. Er warf ihr vor, dass sie die Argumente, die sie nun für die Kultur ins Feld führe, auch bei jeder anderen betroffenen Branche wählen würde.

Weitere Themen:

  • Der R-Wert muss gesenkt werden: Viola Priesemann verwies immer wieder auf die Dringlichkeit, dass der R-Wert, der momentan bei 1,4% liegt, auf 0,7% gesenkt werden müsse. Nur dann können wir in den nächsten Monaten auch etwas entspannen und müssen nicht weitere Einschränkungen fürchten.
  • Lockdown für Restaurants & Kulturstätten: Willich behauptete, es gäbe keine Fälle von Ansteckung in Restaurants oder Kulturstätten, Söder widersprach, weil es sich eben nicht nachvollziehen lasse. Einig waren sich alle nur, dass viele massiv investiert haben, um ihre Gäste zu schützen.
  • "Menschen müssen auf ihr Freizeitverhalten verzichten": Das sagte Helge Braun und erkannte gleichzeitig an, dass die jetzigen Maßnahmen ein Stückweit auf den Schultern der Kulturschaffenden ausgetragen werden. Deswegen hofft er, dass die Unterstützungsangebote für insgesamt 10 Mrd. Euro angemessen sind und gut angenommen werden.

Instabiler Zustand

Unstrittig ist, dass der weitere Verlauf der Ansteckungsrate von jedem einzelnen abhängt. Es bleibt momentan, so Viola Priesemann, ein instabiler Zustand, bei dem wir genau schauen müssen, was passiert. Dass der Wellenbrecher-Lockdown erfolgreich wird, das haben wir alle in der Hand. Und ja, auch wenn das im Talk von Anne Will nicht thematisiert wurde, wir alle dürfen da auch müde sein und uns unsere alte Normalität zurückwünschen. Es wird bis dahin noch eine Weile dauern, aber die Maßnahmen der Bundesregierung sind hoffentlich ein weiterer Schritt in die richtige Richtung.


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