Tocotronic Eine Liebeserklärung an die Kapitulation


Schraddelig und ohne fundierte Musikkenntnisse begannen Tocotronic 1993 in Hamburg die Musikszene gravierend zu beeinflussen. 14 Jahre später veröffentlichte die nach der Auflösung von Blumfeld wichtigste Diskursrock-Band Deutschlands ihr achtes Studioalbum "Kapitulation". Was bleibt?
Von Julian Weber

Unverdrossen machen Tocotronic weiter, schreiben neue Songs und bringen immer wieder frische Alben heraus. Sie sind einfach nicht zu stoppen, auch wenn ihr achtes Werk "Kapitulation" heißt. Die Musik von Tocotronic ist melodisch und adrenalinhaltig. Die heftigen Songs des Quartetts sind kurz, die Lautstärke dröhnt. Zwischen Popharmonien, Punkhärte und Mitsingrefrains haben Tocotronic einen ganz eigenen Sound kreiert. Mit Dirk von Lowtzow verfügen sie außerdem über einen charismatischen Gitarristen und Sänger, der die Botschaften der Songs überzeugend, aber immer mit einem Augenzwinkern rüberbringt.

Er ist das Gegenteil des fäusteschwingenden Machotypen, singt mit glockenheller Stimme, völlig ungetrübt "Sag alles ab/Geh einfach weg/Halt die Maschine an/frag nicht nach dem Zweck" und spricht damit den Wunsch vieler Leute aus, einfach mal einen Tag lang abzuschalten. Tocotronic selbst denken aber überhaupt nicht ans Aufhören. "Viele unserer alten Songs finden wir furchtbar", sagt der Tocotronic-Sänger. "Sie sind aber immer unser Motor gewesen, weiterzumachen, weil wir mit neuen Songs die alten korrigiert haben."

Befindlichkeit in Zwei-Minuten-Songs

Vor 14 Jahren gründeten sich Tocotronic in Hamburg. Damals war man noch zu dritt, trug alte Trainingsjacken und abgewetzte Turnschuhe, die Haare wild verwuschelt. Ihr verschlafener Second-Hand-Look vom Flohmarkt wurde bald zum Statement für junge Popfans, die von Mainstreammusik und Designermode angeödet waren. In einem Proberaum im Hamburger Stadtteil Eimsbüttel legten Tocotronic 1993 los. "Na ja, meistens haben wir zusammengesessen und gelabert" erläutert von Lowtzow die ungezwungene Atmosphäre. Eigentlich vertrödelten sie nur ihre Studienzeit und wollten ein bisschen Rumdudeln.

Dann ging aber alles ganz schnell. Mit einem Kassettenrekorder nahmen Tocotronic in Eigenregie eine Single auf. Sie fand den Gefallen der kleinen Plattenfirma Lado, und die befreundete Hamburger Band Blumfeld nahm Tocotronic gleich mit auf eine Deutschland-Tournee. Es war die große Zeit der "Hamburger Schule", Bands wie Blumfeld, Die Sterne oder Die Goldenen Zitronen befanden sich in einem kreativen Wettstreit um zeitgemäße Popsongs mit kritischen deutschen Texten.

Tocotronic waren in dieser Szene die jüngsten und traten am unbedarftesten auf. Mit Songs wie "Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein" oder "Digital ist besser" trafen sie einen Nerv. Kaum länger als zwei Minuten dauerten diese Lieder, waren mit Wucht und Wut vorgetragen, aber auch voller Melancholie. Und so sangen sich Tocotronic über die kleinen netten und die großen gemeinen Dinge des Lebens in die Herzen der Fans. Bis 1996 waren neben der Single, bereits zwei Alben und 46 Songs von Tocotronic erschienen. Das Video zu ihrem Song "Die Welt kann mich nicht mehr verstehen" lief ständig im Musikfernsehen.

Für eine Band aus dem Indiebereich war das damals eine Sensation. Die Musikindustrie bekundete schnell Interesse. Aber Tocotronic wollten sich nicht anbiedern und weigerten sich, den Popkomm-Award "Jung, deutsch und auf dem Weg nach oben" anzunehmen. Bis heute ist die Band dieser Antihaltung treu geblieben. Den Fans, die sich über die Jahre noch vermehrt haben, gefällt genau dies an Tocotronic.

Keine Anbiederung an den Mainstream

Mit "Kapitulation" haben Tocotronic eine weitere Schwelle überschritten. Nach zwei eher introspektiven Alben zu Beginn des neuen Jahrtausends fand die Band mit "Kapitulation" zu den einfachen Melodien und klaren Botschaften von früher zurück. Längst sind die Trainingsjacken abgelegt, und die zwölf neuen Songs der Hamburger Band klingen heute auch nicht mehr ganz so rumpelig wie noch in den Anfangstagen. Nach wie vor zu spüren ist aber der chaotische Charme.

Tocotronic ist etwas gelungen, was im Musikbusiness eher selten ist. Sie sind erwachsen geworden, ohne ihre Ideale ganz aufzugeben oder in allzu flache Botschaften zu verfallen. Zentral ist der Esprit, der distanzierte Witz eines Sängers, der sehr weit weg ist von den Fallstricken des Musikbusiness und trotzdem ganz nah bei seinen Zuhörern. "Für mich ist Kapitulation das schönste Wort der deutschen Sprache", sagt von Lowtzow. "Seine vielen Vokale eignen sich perfekt für den Gebrauch in einem Song. Von daher war das Wort für uns absolut titelfähig." Kapitulation kann bedeuten, die Waffen zu strecken, einfach das Spiel nicht mehr mitzumachen.

Für Tocotronic ist diese Geste immer mit einer Flucht nach vorne verbunden. "Wenn Du nicht weißt/Wie soll es weitergehen/Kapitulation" singt von Lowtzow, und die Band bügelt über die an sich düstere Textbotschaft mit Leichtigkeit hinweg. Jeder Ansatz von Zweifel weicht bei den lässigen, aber klischeefreien Rockharmonien. Manchmal erinnert von Lowtzow sogar an einen Chansonsänger, der sich in Litaneien ergeht. So reiht er im Auftaktsong "Mein Ruin" machtvolle Substantive wie "Pracht", "Befreiung", "Qual" und "Trauer" aneinander. Eine wüste Litanei entsteht. "Erstmal geht es uns darum, gute Songs zu schreiben, sie müssen aber nicht zwangsläufig wahr sein", sagt von Lowtzow. Für das Gelingen eines Songs sei die Wahrheit ohnehin nicht so interessant. Wahr ist aber, dass auf französischen Galopprennbahnen seit zwei Jahren ein Pferd mit Namen Tocotronic läuft. Mit der eisernen Lunge seiner Namensgeber, versteht sich.


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