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Tori Amos: Ein Spaziergang im Rätselgarten

Tori Amos, Expertin für betörende Songs mit kryptischen Texten, nimmt den Hörer auf ihrer neuesten Platte "The Beekeeper" mit in ihren Garten... ihre sechs Gärten, genau genommen.

Von Ralf Sander

Beim letzten Mal ging es quer über den amerikanischen Kontinent, diesmal ist es nur ein Ausflug durch sechs Gärten - und dennoch eine beeindruckende Reise. Auf "The Beekeeper" erzählt die amerikanische Songwriterin Tori Amos wieder die Geschichte einer Frau auf ihrem Weg. Auf ihrem vorangegangenen Longplayer "Scarlet's Walk" war es die Titelheldin, die sich auf einem musikalischen Trip durch die USA mit den Merkwürdigkeiten und dunklen Seiten des Landes beschäftigte. Diesmal ist es eine Namenlose, die stellvertretend für alle Frauen sechs metaphorische Gärten durchwandert und dabei vom titelgebenden Bienenzüchter geleitet wird. Die Grünzonen tragen Namen tragen wie "Rosen und Dornen", "Steingarten" oder "Gewürze und Kräuter" und sollen verschiedene Arten von weiblichen Beziehungen und Gefühlen versinnbildlichen. In jedem Garten sind ein paar Songs versammelt, die dort thematisch hingehören - insgesamt 19 Stücke (und vorbildliche 78 Minuten Musik) voller wunderbarer Rätselpoesie, für die Amos so bekannt ist. Zwei DIN-A4-Seiten braucht der Pressetext, um zu beschreiben, was der kreative Rotschopf diesmal in sein Konzeptalbum gestopft hat. Da geht es um die Krise Amerikas, die Bedeutung der Frau im frühen Christentum, Vaterfiguren, gnostische Evangelien, Bienenzucht und - natürlich - die Wirrnisse des Zusammenlebens von Frauen und Männern. Wer mag, dem stehen also wieder schöne Stunden des Heruminterpretierens bei konzentriertem Zuhören und aufgeklapptem Booklet bevor.

Auch Fremde dürfen mitsingen

Einfacher ist der Zugang zu Amos' Musik. Ihre hat keinen Bruch vollzogen, sondern ist den sehr melodiösen und eingängigen Weg, den sie mit "Scarlet's Walk" eingeschlagen hat, weitergegangen und hat nur vorsichtige Experimente in verschiedene Richtungen unternommen. So kommt ihre alte Freundin, die Hammond-Orgel, mehr denn je zum Einsatz, häufig im "Duell" mit dem unverzichtbaren Bösendorfer Flügel. Schönes Gospelfeeling steuert der London Community Choir bei (unter anderem bei dem entspannt groovenden "Sweet the Sting"). Für "The Power of Orange Knickers" - ja, es geht wirklich um die Macht orangefarbener Schlüpfer - hat sich die in Cornwall lebende Amerikanerin den irischen Songschreiber Damien Rice als Duettpartner geholt. Apropos Unterwäsche: Amos hat es auf diesem Album geschafft, einige Dinge zu erwähnen, die viel zu selten in Liedtexten behandelt werden. Sonnenschirme zum Beispiel ("Parasol", der Titel des ersten Songs) oder Senfsamen (zu finden in "The Beekeeper") und natürlich alberner Ingwer ("Martha's Foolish Ginger").

Die leicht bedrückte Atmosphäre des Vorgängeralbums ist gehobener Stimmung gewichen, die "The Beekeeper" durchzieht und durch mehr Abwechslungsreichtum bei Sound und Rhythmen erzeugt wird. So ist Tori Amos für Fans betörend wie immer, macht es Neulingen aber so einfach wie nie, sich an ihre Musik heranzuwagen. Dieser Bienenzüchter lockt mit einem Topf Honig.

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