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ALTERNATIVE POP: TORI AMOS: Scarlet's Walk

Ein Jahr nach ihrem eigenwilligen Cover-Album »Strange Little Girls« hat Alternative-Ikone Tori Amos mit »Scarlet's Walk« neues eigenes Material vorgelegt. Einen »Roman aus Liedern«.

»Finger weg vom Random-Knopf am CD-Player«, sollte als Warnung auf der neuen CD von Tori Amos stehen. Nur ein Jahr nach »Strange Little Girls«, das ausschließlich aus eigenwilligen Cover-Versionen von Songs aus männlicher Feder bestand, hat der geheimnisvolle Rotschopf gleich ein weiteres Konzept-Album hingelegt, einen »musikalischen Roman«, wie Sony Music vollmundig, aber treffend verkündet. »Scarlet's Walk« heißt die CD und erzählt von den Reisen einer fiktiven (und Tori Amos doch sehr ähnlichen) Frau ­Scarlet durch die USA – von der West- zur Ostküste. Wer also das Ziel nicht vor den Zwischenstationen erreichen will, sollte die 18 Songs – insgesamt mehr als 74 Minuten Musik - in der richtigen Reihenfolge hören.

Auf ihre alten Tage noch verständlich?

Tori Amos war immer eine Geschichtenerzählerin, ihre Texte sind immer tiefgründig, häufig rätselhaft und auch für Muttersprachler schwierig zu verstehen. Umso auffälliger, dass die in Cornwall lebende Amerikanerin in ihrem neuesten Werk den Verschlüsselungsgrad ihrer Kryptolyrik deutlich gesenkt und so den inhaltlichen Einstieg in die Lieder vereinfacht hat – freilich ohne auch nur in die Nähe des in der Popmusik häufig eingesetzten Lovesong-Textgenerators gekommen zu sein. Sind diesmal nicht die Abgründe ihrer eigenen Seelenlandschaft Thema, geht es auf »Scarlet's Walk« doch ans Eingemachte: Nichts weniger als eine Bestandsaufnahme der USA nach dem 11. September darf's sein. Pornodarstellerinnen, amerikanische Ureinwohner, Latino-Revolutionäre sind nur einige der Personen, denen Scarlet auf ihrem Walk begegnet – und alle haben ihre eigenen Geschichten, die Amos ebenso versponnen wie betörend vertont hat.

Ganz ruhig, sie läuft

Obwohl: »Versponnen« ist relativ – »Scarlet's Walk« ist auch musikalisch leichter zugänglich als die meisten anderen von Amos' Werken. Scarlets Reiseberichte klingen insgesamt eher ruhig, stecken voller wunderbarer Melodien, im Vordergrund stehen die Stimme (sie singt alle Vocals, auch den Background) und ihr gewohnt kraftvolles Spiel an diversen Tasteninstrumenten - allen voran natürlich der obligatorische Bösendorfer-Flügel. Wenn man zwischen den Stücken ganz genau hinhört, kann man die Dogmatiker der Alternative-Szene motzen hören: »Das könnte ja sogar im Radio laufen«.

In Scarlets Netz gefangen

Im Radio allerdings, aber auch im ordinären CD-Player entgeht einem etwas: Man kann »Scarlet's Walk« auch auf einem Computer abspielen. Man sollte es sogar unbedingt tun. Denn im Rechner mit Internetanbindung - und einer legalen CD im Laufwerk - eröffnet sich dem Hörer eine wunderbare Zusatzwelt: »Scarlet's Web«. Auf einer Landkarte der USA sind alle Reiserouten der Titelheldin eingezeichnet plus jede Menge »Sehenswürdigkeiten« und versteckter Gimmicks: z. B. Liedertexte oder Fotos. Irgendwo soll sich auch noch ein unveröffentlichtes Lied herumtreiben. Mit der Maus auf Entdeckungsreise zu gehen, sich auf diese Weise die Lieder weiter zu erschließen – das macht »Scarlet's Walk« zu einem multimedialen Gesamtkunstwerk. Hallo Plattenfirmen: Kaufanreiz durch Mehrwert – so macht man das!

Ralf Sander

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