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Kommentar: Hände weg von Udo Jürgens' Liedern!

Jetzt, wo Udo Jürgens tot ist, kann er seine Musik nicht mehr schützen, wenn sich andere über sie hermachen. Doch niemand kann seine Lieder singen wie er.

Von Jochen Siemens

Und nun? 2015, das erste Jahr ohne Udo Jürgens. Es gibt nicht viele Menschen die ein Leben ohne Udo Jürgens kennen. Seit 54 Jahren prägten seine Lieder das deutsche Gemüt und auch wenn er sich nicht der Medienverheizung hergab, kaum in Talkshows saß oder sich der Werbung verkaufte, war er allgegenwärtig. Das tat der deutschen Musik und dem deutschen Chanson gut, denn viele mittelmäßige Lieder, Balladen oder Schlager wurden kaltgestellt, wenn Udo Jürgens einmal eines von seinen sang. Die waren nicht immer brilliant, die meisten aber schon. Und immer waren sie Meisterstücke. Seine Kunst war, dass man ihm zuhörte, auch wenn man seine Songs nicht wirklich mochte, sie zu pathetisch oder manchmal auch zu albern fand. Denn das war irgendwie egal, es war seine Stimme und diese umwerfende Überzeugung, Festigkeit könnte man sagen, mit der er sogar einen Quatsch wie "Aber bitte mit Sahne" zu einem Chanson machen konnte.

Wichtig daran war immer, dass seine Lieder ihm gehörten. Nur Udo Jürgens konnte Udo Jürgens singen. Ganz, ganz selten gelang mal eine Ausnahme, wenn zum Beispiel die Sportfreunde Stiller eine Version von "Ich war noch niemals in New York" mit Respekt und liebevoller Ironie gleichzeitig lieferten. Eine Ausnahme, eine nur. Aber jetzt? Jetzt ist er nicht mehr da, kann sich nicht wehren und seine Musik nicht schützen. So wie er sich schon zu seinem 80. Geburtstag im Fernsehen nicht wehren konnte, als eine Auswahl deutscher Singstimmen sich an seinen Liedern versuchte und Jürgens mit undurchdringlich höflichem Gesicht sich seinen Teil dabei dachte.

Das ZDF war stolz auf diese Show, aber in Wahrheit war sie ein Missverständnis. Denn seine Lieder gehören nicht in die Münder von Christina Stürmer, Chris De Burgh, Yvonne Catterfeld oder einer Haurumms-Band wie LaBrassBanda. Und auch nicht zu einer Helene Fischer, die an "Merci Chérie" scheiterte. Warum? Weil "Merci Chérie" von einem Mann geschrieben und gesungen wurde, einem Mann der im Morgengrauen in einem Pariser Hotelzimmer aufwacht und auf die Geliebte dieser Nacht schaut, die noch nackt im Laken schläft und der Mann auf die Straße geht, sich eine Gauloise anzündet und durch die leeren Pariser Straßen davongeht. "Merci Chérie, für die Stunden, schau nach vorn und nicht zurück..."

Es ist die erotische Unrast

Das ganze Werk Jürgens' ist mit dieser männlichen, vagabundierenden, immer wieder nach Liebe suchenden Seele geschrieben und komponiert worden. Es ist die Geschichte des Männerempfindens, männlicher Sehnsucht und männlichen Selbstzweifels. Es ist die erotische Unrast, die Frauen schwer verstehen und manche Männer zu ewigen Heimatlosen macht. Es ist dieselbe Unrast die Jürgens auch in der simplen Zeile "Ich war noch niemals in New York" eingefangen hat und die mit allem, nur nicht mit New York zu tun hat, sondern mit diesem Wunsch, im Inneren das Leben nochmal ganz neu anzufangen. So etwas gehört nicht in den Mund alles wegsingender Spatzen oder sonstiger Schlagerklappen, weil die nur singen, aber nicht fühlen. Sie machen es kaputt.

Und man muss befürchten, dass noch mehr kaputtgemacht wird. Dass sich nun viele über seine Songs hermachen, sie interpretieren, zerfleddern, sogenannte Cover-Versionen besingen oder "Tribute to Udo"-Konzerte veranstalten werden. Die bemerkenswerte Pietät des Herstellers der weißen Bademäntel, die Jürgens auf der Bühne trug, nun keine "Udo"-Kollektion herzustellen weil man am Andenken des Künstlers nicht verdienen wolle, wird wohl einzig bleiben. Andere werden verdienen wollen, denn nun ist er ja nicht mehr da. Nun kann kein noch so kurzer Auftritt von ihm und seiner Stimme die Krümel wieder kaltstellen. "Ich bin in meinen Träumen tausende Male zu atonaler Musik erschossen worden", hat Jürgens einmal gesagt. Jetzt werden sie anfangen, seine Lieder zu erschießen.

Was also bleibt ist ein Loch, dessen Schwärze, Größe und Tiefe sich dann auftun wird, wenn Udo Jürgens seine Songs entrissen werden. Aber so ist das, Gitarre oder Klavier spielen kann nicht jeder, das billigste Instrument was wir zu haben glauben ist die Stimme. Nicht umsonst leben die vielen Castingsshows von Menschen, die oft nicht singen können, es aber dennoch machen. Udo Jürgens war kein Sänger, er war Musiker. Einer, der nur seinem Klavier treu war, wie er sagte. Einer, der sich zum Weinen, zum Lachen und zum Gestehen ans Klavier setzte. Einer, der die Melodie von "Griechischer Wein" nach einem Kreta Urlaub und ein paar Akkordversuchen am Klavier in einer halben Stunde komponierte. Und das musikalische Loch, das er hinterlässt, wird nochmal dunkler, wenn keiner mehr Sätze sagt wie Udo Jürgens diesen: "Singen ist eine Tätigkeit, die zu maßloser Eitelkeit und Selbstüberschätzung führt. Ein Sänger, der einen Melodienbogen singt, ist nur ein Künstler wenn er den Zauber der Komposition ausdrücken kann, wenn er ihn in sich trägt." Und Nachsingen ist nicht in sich tragen.